Kindesmissbrauch in Sachsen Wenn Frauen missbrauchen, dulden oder wegschauen

2019 und 2020 hat die Polizei in Sachsen mehr Fälle sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verzeichnet. Die Täter sind meist Männer, in seltenen Fällen sind es aber auch Frauen. Ihre Motive sind vielfältig, brachte zuletzt eine Studie aus Frankfurt zutage. Und sie werden oft von Männern geleitet, zeigen Erfahrungen vom Frauengefängnis in Chemnitz. Die Folgen des Missbrauchs für die Kinder sind verheerend. Um so wichtiger sind Schulungen von Vereinen und Polizei zur Prävention.

leere Schaukel auf Spielplatz
Betroffene von Gewalt im familiären Kontext werden oft allein gelassen, warnt der Betroffenenrat sexueller Missbrauch, dabei seien sie dieser Gewalt besonders schutzlos ausgeliefert. Bildrechte: imago images/Lichtgut

In den vergangenen zwei Jahren ist in Sachsen die Zahl der angezeigten Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen stärker gestiegen als in den Vorjahren. Für das Jahr 2020 bedeutet das konkret 55 Fälle oder fast sieben Prozent mehr als 2019, wie aus der Polizeilichen Kriminalstatistik Sachsen hervorgeht.

Die Polizeidirektion Chemnitz verzeichnete danach im vergangenen Jahr insgesamt 218 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und von Jugendlichen, die Polizeidirektion Dresden 235, die Polizeidirektion Görlitz 145, die Polizeidirektion Leipzig 177 und die Polizeidirektion Zwickau 163. Das sogenannte Dunkelfeld - also Missbrauch, der nicht bekannt wird - fällt Forschern zufolge höher aus.

Dunkelfeld groß - Polizeistatistik nur bedingt aussagekräftig

Die polizeiliche Kriminalstatistik hat nur eine begrenzte Aussagekraft. Das Dunkelfeld, das heißt die Zahl der polizeilich nicht bekannten Fälle, ist Forschern zufolge deutlich größer: Nach Angaben des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) hat jeder siebte bis achte Erwachsene in Deutschland sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend erlitten, ist jede fünfte bis sechste Frau betroffen, sind etwa ein bis zwei Schüler und Schülerinnen in jeder Schulklasse von sexueller Gewalt in der Familie und andernorts betroffen. Oder laut Weltgesundheitsorganisation eine Million Mädchen und Jungen jedes Jahr.

Die Täter sind nach Angaben des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) zu 80 bis 90 Prozent männlich. Zehn bis 20 Prozent der Täter sind nach Angaben des UBSKM sowie auch der Polizei Sachsen weiblich - und über sie ist bislang in Deutschland wenig bekannt. Denn in Deutschland wird wenig über diese Frauen geforscht, beklagt auch die Polizei in Sachsen und verweist auf fatale Folgen.

Zum einen werde den betroffenen Kindern noch weniger geglaubt als bei Missbrauch durch männliche Täter und es sei außerdem davon auszugehen, "dass sexueller Missbrauch durch Frauen seltener entdeckt wird, weil solche Taten Frauen kaum zugetraut werden", sagt eine Sprecherin der Polizei Sachsen dem MDR.

Strafaktenanalyse: 30 Prozent der Frauen Alleintäterinnen

Monika Knauer von der Goethe-Universität Frankfurt am Main hat sich die zehn bis 20 Prozent der Täterinnen genau angeschaut. Nach der Analyse der Strafakten von 465 weiblichen Pädokriminellen kommt sie zu folgenden Schluss: 27,1 Prozent der Frauen seien Alleintäterinnen gewesen, 70,3 Prozent Mittäterinnen, 2,6 Prozent hätten sexuelle Gewalt an Kindern sowohl alleine als auch in Mittäterschaft ausgeübt. "Die Mittäterinnen waren entweder am Tatort dabei und haben geholfen, oder sie haben zugeschaut. Ein Teil von ihnen waren nicht zugegen, jedoch in Kenntnis und haben den Missbrauch, meist ihrer 12-13-jährigen Töchter, durch Passivität, durch Nichtstun geduldet", berichtet sie. Die Frauen waren Knauers Forschung zufolge häufig mit einem Mann zusammen (87 Prozent), der häufig auch ihr Intimpartner war (47,7 Prozent).

Die Folgen für die Kinder sind gravierend. Knauer spricht von einer zerstörenden Kraft: "Das ist die Ohnmachtserfahrung, denen sie sich über Jahre ausliefern müssen, das hat vielfältige Folgen auch später im Berufs- und Privatleben", sagt sie.

Frauen als Täterinnen Tabu in Deutschland

Knauers in diesem Jahr erschienene Studie "Sexueller Kindesmissbrauch durch Frauen – Eine empirische Strafaktenanalyse von 465 weiblichen Pädokriminellen in Deutschland" macht sie derzeit zu einer begehrten Ansprechpartnerin für forensische Psychologen und Ermittler in ganz Deutschland. Die dünne Forschungslage in Deutschland zu Täterinnen führt Knauer auf das Frauen- beziehungsweise Mutterbild in Deutschland zurück. Sie spricht von einer gesellschaftlichen Wahrnehmungsblockade, von einem "blinden" Fleck auch in wissenschaftlichen Kreisen und fragt: "Warum forschen wir nicht darüber? Wir haben 2021, aber viel gibt es nicht dazu."

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Wenig Sexualstraftäterinnen in JVA Chemnitz

Tatsächlich sind auch im Frauengefängnis in Chemnitz nur wenige der inhaftierten Frauen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Sexualstraftäterinnen. Warum Frauen zu Täterinnen werden – hier verweist der Vollzugsleiter und Psychologe Michael Brinkmann auf Studien, wonach Frauen mit Schwierigkeiten in der Schul- und Berufsausbildung häufiger Missbrauch duldeten oder dabei wegsähen. Frauen mit Suchtproblemen, oder finanziell und emotional von den Männern abhängige Frauen, unreife Frauen oder Frauen mit Angst vor ihren Männern. "Das Mitgefühl für Opfer ist gering ausgeprägt oder die Frauen reden sich die Schäden für die Opfer schön", sagt Brinkmann.

Passive Mütter, dominante Väter

Knauer hat in ihrer Strafaktenanalyse 19 verschiedene Motive identifiziert, die dazu führen, dass auch Frauen missbrauchen, dulden oder wegsehen. Häufig kommen Knauer zufolge mehrere gleichzeitig vor. Das häufigste: emotionale Abhängigkeit. "Es sind Frauen, die ihre Mütter als passiv und unterwürfig erlebten, Mütter, die sich selbst oder auch sie, die Täterinnen, nicht vor der Gewalt der vermeintlich "starken" und dominanten Väter und Stiefväter schützen konnten. So ist es denkbar, dass sie ein passives Frauenbild entwickeln und dominante Männer zu ihren Partnern wählen. Vermutlich gehen sie in Abhängigkeit zu ihnen und liefern ihre Kinder der Macht und der sexuellen Lust der Mittäter aus. Viele entschieden sich für den Mann und gegen das Kind."

Nach Knauer handelt es sich dabei um schwer zu durchbrechende Verhaltensmuster, die mehrere Jahrzehnte eingeübt wurden: "Ohne Hilfe geht das nicht", sagt sie. Dafür sei Leidensdruck und professionelle Unterstützung notwendig.

Gefängnis-Psychologe: Männer Profis beim Gelegenheit verschaffen

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) kennt noch ein weiteres Motiv für den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen: Der Wunsch, Macht auszuüben und durch die Tat das Gefühl von Überlegenheit zu erleben.

Brinkmann von der Justizvollzugsanstalt Chemnitz verweist noch auf einen weiteren Faktor: Sexuelle Abweichungen wie sie bei den männlichen Tätern häufiger vorkämen, seien bei Frauen nahezu überhaupt nicht zu finden. Der Mann als begünstigender Faktor schon: "Die Männer sind häufig echte Profis darin, sich die Gelegenheit für den Missbrauch von Kindern zu schaffen. Diese Mittäter sind den Erfahrungen nach auch häufiger schon einschlägig vorbestraft. Unsere langjährigen Erfahrungen zeigen, dass Einzeltäterinnen in der JVA Chemnitz eher eine Ausnahme darstellen. Dabei ist davon auszugehen, dass es bei den Einzeltäterinnen häufiger um verkannte Beziehungen handelt. Hier werden häufiger Bewährungsstrafen ausgesprochen, sodass wir diese Frauen nicht im Gefängnis sehen."

"Schweres Thema, was lieber nicht da sein soll"

Dass Mütter oder auch Väter oder auch das Umfeld von Kindern und Jugendlichen Missbrauch nicht erkennen, muss keine Absicht sein. "Es gibt die Aussage, dass Kinder bei sexuellem Missbrauch Erwachsene bis zu 10-Mal um Hilfe bitten, bevor sie gehört werden. Das liegt auch daran, dass es Erwachsenen schwer fällt hinzuhören. Auch für sie ist es ein schweres Thema, was lieber nicht da sein soll, das überfordert", sagt Sophie Pasch vom Kinderschutz-Zentrum Leipzig.

Wenn Frauen, die selbst Missbrauch erlebt haben, den des eigenen Kindes nicht wahrnehmen, dann kann das aus Paschs Sicht daran liegen, dass Grenzverletzungen, Übergriffe oder Missbrauch etwas mit den Menschen macht. "Es kann besonders hellhörig für das Thema machen oder genau das Gegenteil." Es helfe, darüber zu reden, eigene Betroffenheit zu reflektieren oder auch therapeutisch aufzuarbeiten. "Wenn wir Erwachsenen es schaffen darüber zu reden, dann können wir auch eher hilfreich für betroffene Kinder sein."

Kinderschutz-Zentrum will Kinder ermutigen

Die Beraterinnen und Berater im Kinderschutz-Zentrum arbeiten mit betroffenen Kindern und Jugendlichen und mit Familien, in denen es innerfamiliären Missbrauch gab. Pasch organisiert aber auch Projekte und Elternabende an Schulen und Kindergärten, klärt dort über sexuellen Missbrauch auf. "In unseren Präventionsprojekten ermutigen wir Kinder sich Hilfe zu holen, wenn sie mit etwas ein doofes Gefühl haben oder hatten. Damit kann ein Streit zwischen Kindern, der unangenehme Schlabberkuss der Oma oder eben auch sexuelle Übergriffe oder Missbrauch gemeint sein. Dann sind Erwachsene, denen man vertraut und die zuhören, die richtigen Ansprechpersonen." In den Elternabenden will sie die Erwachsenen erreichen und zeigen, dass man ruhig über das Thema sprechen und für den Schutz der Kinder sorgen kann.

Was tun beim Verdacht auf Missbrauch?

"Aufmerksam sein und nicht wegschauen", rät das Jugendamt Leipzig und, im Zweifel Kontakt zum Allgemeinen Sozialdienst oder dem Kinder- und Jugendnotdienst suchen. Nicht zögern, Beratung und Hilfe holen, rät das Jugendamt Chemnitz: "Kostenfrei, anonym und bundesweit erreichbar ist das 'Hilfetelefon Sexueller Missbrauch'. Unter 0800 22 55 530 finden Betroffene von sexueller Gewalt, Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld von Kindern, Fachkräfte und alle Interessierten kompetente Beratung."

Polizei Sachsen: Auf diese Signale achten

Viele verschweigen das Erlebte
Nur wenige Mädchen und Jungen sagen direkt, wenn sie sexualisierte Gewalt erlebt haben. Einige Kinder und Jugendliche machen Andeutungen. Sehr oft verschweigen sie jedoch das Erlebte, um andere Personen zu schützen oder vor Kummer zu bewahren oder weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen nicht geglaubt wird.

Keine Schablone für Verhalten nach Missbrauch
Das Verhalten von Mädchen und Jungen mit Missbrauchserfahrungen ist alters- und persönlichkeitsbedingt sehr verschieden und entspricht keinem vorhersehbaren Muster. Manche Kinder und Jugendliche zeigen überhaupt keine Signale oder Symptome. 

Wesensänderungen und psychosomatische Beschwerden 
Bei ca. 60 Prozent der Betroffenen kann man sogenannte Belastungsreaktionen feststellen. So kann es beispielsweise zu Verhaltensänderungen kommen – etwa zu Ängstlichkeit, Aggressivität, Leistungsabfall, Rückzugstendenzen, Konzentrationsschwäche oder sexualisiertem Verhalten.
Auch psychosomatische Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen, Schlafstörungen oder Hauterkrankungen sind möglich. Manche Mädchen und Jungen fügen sich selbst Verletzungen zu, magern ab oder nehmen stark zu, andere konsumieren übermäßig Alkohol oder Tabletten, bleiben der Schule fern oder reißen von zu Hause aus. 

Nicht immer ist die Pubertät schuld
Es gibt jedoch keine Symptome oder Auffälligkeiten, die eindeutig auf Missbrauch hindeuten. Andere Ursachen sind ebenfalls denkbar. Deshalb gilt: Jede massive Verhaltensänderung oder –Auffälligkeit über einen längeren Zeitpunkt sollte von den verantwortlichen Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen aufmerksam hinterfragt werden. Solche Veränderungen bedeuten, dass das Kind oder der Jugendliche Probleme hat oder belastende Dinge erlebt und die Unterstützung zugewandter Bezugspersonen benötigt. 

Betroffenenrat fordert Ethik der Einmischung

Betroffene von Gewalt im familiären Kontext werden oft allein gelassen, warnt der Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) in einem Impulspapier. Dabei seien sie dieser Gewalt besonders schutzlos ausgeliefert. Das Gremium fordert eine Art Schutzkonzept für die eigene Familie sowie die Entwicklung eines Ethos der Einmischung, um Kinder und Jugendliche auch in ihren Herkunftsfamilien vor sexualisierter Gewalt zu schützen und zu helfen. 

Noch besser aber ist die Prävention. Alles zu tun, dass es gar nicht so weit kommt. Polizei und Vereine wie das Kinderschutz-zentrum Leipzig bieten Schulungen an und informieren über Täter, Täterstrategien, zu Interventions-, Hilfe- und Beratungsmöglichkeiten.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 2 | 11. Oktober 2021 | 14:00 Uhr

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