Internationaler Frauentag Corona-Krise: Rückschläge für die Gleichstellung

Zum Frauentag stehen die Folgen der Corona-Krise für Frauen im Blickpunkt. Statistiker, Politikerinnen und Politiker betonen, dass Frauen nicht die Krisen-Verliererinnen sein sollen. Der Sächsischen Landesfrauenrat verlangt stattdessen Taten - und kritisiert, wie wenig das Land aus dem ersten Lockdown gelernt hat und Chancen auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit verpasst.

Eine Mutter steht am Herd und rührt in einem Topf. In der rechten Hand hält sie ein bügeleisen, weil sie eigentlich gerade bügelte. In ihrem Rücken am Küchentisch sitzt ein Mädchen und macht Shcularbeiten.
Ein Bild zeigt mehr als 1.000 Studien: Während der Mann (im Hintergrund) in einem produzierendem Beruf mit Tarifvertrag arbeitet, kümmert sich die Frau (links im Bild) um alles andere: Homeschooling des Kindes, den Haushalt, das Essen - ihre (überwiegende) Teilzeitarbeit im Homeoffice holt sie abends nach. Bildrechte: MDR/Panthermedia

Zum Frauentag bilanziert der Landesfrauenrat Sachsen, dass Frauen bei der Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt Rückschläge erlitten haben. "Aus dem ersten Lockdown wurde viel zu wenig gelernt, gerade für Alleinerziehende", kritisiert die Vorsitzende des Landesfrauenrates, Susanne Köhler. Im Gespräch mit MDR SACHSEN betont sie die Mehrfachbelastungen von Frauen in Zeiten geschlossener Kindereinrichtungen und verweist darauf, dass bei Notbetreuungsplätzen in Kitas und Hort "gar nichts für Alleinerziehende passiert ist". Positiv beurteilt sie zusätzlich geschaffene Hilfsangebote für von Gewalt betroffene Frauen und neue Schutzwohnungen.

Vielleicht haben wir uns es auch nur eingebildet, dass wir Geschlechtersterotype aufgebrochen haben? Über die Entwicklung der Gleichstellung in der Corona-Krise müssen wir deutlicher diskutieren und daraus folgend schneller Lösungen finden.

Susanne Köhler Vorsitzende des Sächsischen Landesfrauenrates

Corona-Folgen anhand von Arbeitsmarktdaten

Aktuell arbeiten 51 Prozent der rund 778.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen in Sachsen verkürzt. "Teilzeit bedeutet aber nicht: 'Arbeiten nur am Vormittag'", betont die Bundesarbeitsagentur. Unter Teilzeitbeschäftigung verstehen deren Statistiker alle sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse, die nicht der üblichen Wochenarbeitszeit entsprechen und schon eine Stunde davon abweichen. "Die Möglichkeit in Teilzeit zu arbeiten ist gut, wenn sie auf Wunsch der Beschäftigten erfolgt und freiwillig ist. Kritisch ist die Teilzeitarbeit nur, wenn sie erzwungen ist", meint Klaus-Peter Hansen, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit.

Während also mehr als jede zweite Frau sachsenweit teilzeitbeschäftigt ist, hauptsächlich um Kinder zu erziehen, zu betreuen oder Familienangehörige zu pflegen, arbeitet nur jeder siebente Mann in Sachsen in Teilzeit.

Wenn Eltern in Zeiten geschlossener Kitas und Schulen einspringen müssen, tragen die Mütter die Hauptlast. In Haushalten mit mindestens einem Kind reduzierten 27 Prozent der Frauen, aber nur 16 Prozent Männer ihre Arbeitszeit, um die Kinderbetreuung zu gewährleisten.

Bettina Kohlrausch und Aline Zucco Sozialwissenschaftlerinnen, Studie: Corona trifft Frauen doppelt – weniger Erwerbseinkommen und mehr Sorgearbeit

Folgen von Verkürzungen und Minijobs

"Die coronabedingten Arbeitszeitverkürzungen wirken sich in 20, 30 Jahren noch auch auf die Renten der Frauen aus", warnt Landesfrauenratsvorsitzende Köhler vor Langzeitfolgen der Krise. Auch sei die Frage, ob und wie leicht Frauen ihre reduzierten Arbeitsumfänge wieder erhöhen könnten.

Auch im Geringverdienerbereich ist die Frauenquote höher: "In Sachsen zeigt sich, das Minijobs häufiger von Frauen ausgeübt werden", sagt Bundesarbeitsagenur-Sprecher Frank Vollgold. Demnach waren im Juni von 206.344 Minijobbern im Freistaat insgesamt 113.090 Frauen (54,8 Prozent).

"Ja, das Problem in Corona-Zeiten ist: Bei Minijobs gibt es kein Kurzarbeitergeld. Die fallen einfach weg. Das trifft dann auch häufiger Frauen als Männer", sagt Susanne Köhler.

Menschen in sozialen Berufen erkranken häufiger an Covid-19 Pflegekräfte und Kita-Beschäftigte erkranken nach einer Auswertung der Techniker Krankenkasse (TK) öfter an Covid-19 als andere Berufstätige. Das berichtete der NDR am Sonntag unter Berufung auf die ihm vorliegende Untersuchung. Die gesetzliche Krankenversicherung hat danach alle Corona-Diagnosen ihrer erwerbstätigen Mitglieder ausgewertet, insgesamt knapp 28.000.

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Berufsgruppen seien extrem. Während im Durchschnitt von 100 000 Erwerbstätigen knapp 500 wegen einer Corona-Infektion krankgeschrieben wurden, so waren es bei ambulanten und stationären Altenpflegekräften mit gut 1.200 mehr als doppelt so viele. Es folgen Kita-Beschäftigte sowie Krankenschwestern und -pfleger. Ebenfalls unter den besonders betroffenen Berufsgruppen sind Ergo- und Physiotherapeuten, medizinische Fachangestellte wie Arzthelferinnen sowie Sonderpädagoginnen und -pädagogen, Ärztinnen und Ärzte.

Auffällig: In der Gruppe der 35- bis 59-Jährigen erkranken besonders viele Frauen an Covid-19. Ein Zusammenhang mit den hohen Zahlen in sozialen Berufen ist zumindest nicht auszuschließen.

Lohnunterschied nach Geschlechtern

Sieht man sich die Verdienste an, fallen Lohnunterschiede auf. Die Bundesagentur für Arbeit errechnet die über das mittlere Einkommen aller Vollzeitbeschäftigten in einem Land oder Landkreis, dem sogenannten Medianlohn. 2019 lag er in Sachsen bei 2.653 Euro brutto im Monat. Im Schnitt hatten Frauen demnach 60 Euro weniger im Geldbeutel als Männer. Die höchsten Durchschnittslöhne gab es in den drei sächsischen Großstädten und im Landkreis Zwickau.

Landesfrauenrat: Endlich Taten statt Worthülsen

Die Unterschiede begründen Arbeitsagentur und Arbeitsmarktforscher mit der Struktur der Beschäftigung und der Art der Betriebe sowie unterschiedlichen Charakteristika von Frauen und Männern. Der sächsische Landesfrauenrat verlangt statt ständiger Analysen eine Debatte um Personalentwicklungsstrategien in der modernen Arbeitswelt und "mehr als nur politische Wortbekenntnisse zur Aufwertung von Pflege- und Gesundheitsberufen".

"Über die Aufwertung wird ständig diskutiert. Wirkliche Ergebnisse habe ich nicht gesehen, weder bei Entgelten, noch bei Arbeitszeiten in Careberufen", kritisiert Susanne Köhler und setzt sich dafür ein, dass Unternehmen, Verwaltung und Politik Ideen umsetzen wie:

Bundesweiter Blick

Am Anfang ging es noch. Mittlerweile haben wir jeden Tag Diskussionen und Tränen. Ich habe Depressionen bekommen. Die kleinen Kinder verstehen die Situation nicht. Traurig für mich als alleinerziehende Mama mit drei Kindern.

Frau Möbius Alleinerziehende aus Brand-Erbisdorf

Auch das Statistische Bundesamt verweist anlässlich des Frauentags auf die Doppelbelastung von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung während der Corona-Pandemie, die vor allem Frauen treffe. Sie seien besonders stark in Berufen vertreten, die das Coronavirus in die Krise gestürzt habe. Die meisten sozialversicherungspflichtigen Frauen in Sachsen arbeiten im Gesundheitswesen, Einzelhandel, in der öffentlichen Verwaltung, Erziehung und im Sozialwesen. Auch im stark gebeutelten Tourismus-, Hotel- und Gaststättengewerbe und im Friseurbereich ist der Frauenerwerbsanteil überdurchschnittlich hoch.

ein Textiltransparent
Dank und Durchhalteparolen haben Beschäftigte im Gesundheitswesen in der Krise anfangs öfter erfahren - aber auch eine echte finanzielle Aufwertung ihrer Berufe? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tarife in "Männerberufen"

Sächsische Männer sind laut Bundesarbeitsagentur viel häufiger in Produktionsberufen, naturwissenschaftlichen und technischen Berufen beschäftigt. Genau das seien auch die Branchen mit "typischen Männerberufen" in Sachsen, in denen es Tarifverträge gibt, so der Landesfrauenrat. Das bringe Männern klare Vorteile - auch in der Krise. Kurzarbeit werde in tarifgebundenden Unternehmen eher aufgestockt als in tariflosen. Mit Blick auf die Geschlechtergleichheit ein weiteres Problem, weil Frauen seltener nach Tarif bezahlt werden.

Trotz vieler Rückschläge für Frauen in der Corona-Krise sieht die frühere Linken-Vorsitzende und Dresdner Bundestagsabgeordnete Katja Kipping die Geschlechtergerechtigkeit unwiderruflich kommen. Im Bundestag sagte sie in der Debatte zum diesjährigen Frauentag:

Die gute Nachricht ist, wir Feministinnen und Feministen haben den Wind der Geschichte in unseren Segeln. Es ist ein Fortschritt, der nicht aufzuhalten ist, denn wir werden ihn uns erkämpfen.

Katja Kipping ehemalige Linke-Vorsitzende und Dresdner Bundestagsabgeordnete

Quelle: MDR/kk/dpa/KNA

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 08.03.2021 | 19:00 Uhr
MDR SACHSEN - Dienstags direkt | 02.03.2021 | ab 20:05 Uhr im Programm

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