Energiekrise Das können die Menschen in Sachsen jetzt gegen die höheren Gas-Preise tun

Bei immer mehr Menschen in Sachsen flattern die Preiserhöhungen der Gasversorger ins Haus. Teilweise haben sich die Preise mehr als vervierfacht. Obendrauf kommt demnächst noch die von der Bundesregierung beschlossene Gasumlage. Doch wie sollen die Verbraucherinnen und Verbraucher diese enorme finanzielle Last schultern? Im Interview erklärt der Chefredakteur von Finanztip, Hermann-Josef Tenhagen, welche Strategien sich in dieser Situation auszahlen.

Hermann Josef Tenhagen
Hermann-Josef Tenhagen ist der Chefredakteur von Finanztip. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hurra, haben am Donnerstag viele gedacht: "Die Senkung der Mehrwertsteuer auf Gas ist eine feine Sache!" Glaubt man ersten  Berechnungen, dann holen wir Verbraucher uns damit das zurück, was wir wegen der Gasumlage an Mehrkosten hätten. Freuen Sie sich mit uns?

Hermann-Josef Tenhagen: Das ist eine relative Geschichte. Wer bisher wenig für sein Gas zahlt, bekommt durch die Senkung der Mehrwertsteuer nicht so viel zurück, wie die Gasumlage ausmacht. Nur wer momentan schon sehr viel bezahlt, zum Beispiel 22 Cent pro Kilowattstunde, erhält durch die Mehrwertsteuersenkung tatsächlich das zurück, was er als Gasumlage zahlt. Das betrifft vor allem die Menschen, die im letzten halben Jahr einen Vertrag haben abschließen müssen.

Aber sicherlich wird der eine oder andere auch eine Sicherheitsmarge eingebaut haben, die dann nachher einen schönen Gewinn ergibt.

Hermann-Josef Tenhagen Chefredakteur von Finanztip

Gegenwärtig flattern Tariferhöhungen ins Haus: Eine Zuschauerin berichtet über eine Erhöhung von 6,25 auf 15,23 Cent je Kilowattstunde. Eine andere von 4 auf 17,7 Cent je Kilowattstunde. Mehr als eine Vervierfachung! Sind das wirklich durchgereichte Marktpreise oder versuchen hier einige Anbieter mehr für sich selbst rauszuholen?

Das ist sowohl das eine als auch das andere. Wenn sie jetzt einen Vertrag mit einem Anbieter für ein Jahr abschließen und der gibt ihnen eine Preisgarantie, dann muss er ja überlegen, was passiert, wenn im Winter die Putin-Drohungen noch wahrer gemacht werden und die Preise durch die Decke gehen. Dafür muss er sich wappnen. Von daher werden das zum Teil auch Marktpreise sein. Aber sicherlich wird der eine oder andere auch eine Sicherheitsmarge eingebaut haben, die dann nachher einen schönen Gewinn ergibt.

Früher hat man den Kunden empfohlen: Wechseln Sie den Anbieter! Das kann man jetzt vergessen. Neukunden zahlen noch mehr. Was empfehlen Sie in dieser Situation?

Wir empfehlen grundsätzlich bei dem Anbieter zu bleiben, wo man gerade ist. Wenn man jedoch eine Erhöhung bekommt, dann ist es an der Zeit, auf den Portalen zu schauen, wohin man wechseln könnte. Dabei lohnt es sich, den eigenen Grundversorger im Blick zu behalten. Oft sind diese Angebote preiswerter als die normalen Angebote auf dem Markt.

Durch die Preiserhöhungen kommen unterm Strich Summen raus, die nicht nur für Geringverdiener zum Problem werden. 4.000 Euro Gaskosten im Jahr für einen Vier-Personen-Haushalt. Das kann manchen ins Schleudern bringen. Wo gibts Hilfe? Kann man zum Beispiel Wohngeld beantragen, auch wenn man kein Hartz-4-Empfänger ist?

Wenn man Hartz-4-Empfänger ist, kann man kein Wohngeld beantragen, denn da wird die Heizung sowieso bezahlt. Wenn man Geringverdiener ist und nicht viel Geld hat, kann man tatsächlich Wohngeld beantragen. Das sollte man auch tun. Wohngeld gibt es sogar, wenn man im eigenen Haus oder der eigenen Eigentumswohnung wohnt. Das heißt dann Lastenausgleich.

Die Frage ist in diesem Zusammenhang nicht, wie viele Personen im Haushalt leben, sondern wie viel Quadratmeter muss ich heizen. Wenn sie eine große Wohnung haben, müssen sie mehr Quadratmeter heizen. Allein durch die Gasumlage können da schnell Mehrkosten von 400 bis 500 Euro entstehen und die Kosten der Preissteigerung kommen ja noch hinzu.

Wohngeld gibt es sogar, wenn man im eigenen Haus oder der eigenen Eigentumswohnung wohnt. Das heißt dann Lastenausgleich. (...) Eine Million Haushalte in Deutschland, die Wohngeld beantragen könnten, tun es nicht, sagen die Experten.

Hermann-Josef Tenhagen Chefredakteur von Finanztip

Wohngeld ist also für mehr Leute ein Thema?

Eine Million Haushalte in Deutschland, die Wohngeld beantragen könnten, tun es nicht, sagen die Experten. Wer sich informieren will, kann zum Beispiel unseren Wohngeld-Ratgeber bei Finanztip nutzen. Außerdem gibt es vom Land Berlin einen guten Wohngeld-Rechner, bei dem man sehr gut sehen kann, ob man Wohngeld beanspruchen kann oder nicht. Besteht ein Anspruch, ist es sinnvoll, in der eigenen Kommune zu gucken, wie es dort mit dem Wohngeld-Rechner aussieht und im Zweifel die Volkssolidarität, die Diakonie oder die Caritas zur Hilfe nehmen, um den Antrag vernünftig zu stellen.

"Zigtausende Mieter sind noch immer ahnungslos, was konkret auf sie zukommt!", warnt der Mieterbund. Was empfehlen Sie denen? Freiwillig mehr vorauszahlen? Oder das Geld vorsichtshalber ins Kissen einnähen?

Das Erste ist: Geld auf jeden Fall zurücklegen. Und das Zweite ist: Mit dem Vermieter sprechen, ob der schon eine Erhöhung bekommen hat. Dann kann man darüber reden, ob man die Vorauszahlung jetzt schon mal erhöht, wenn das für einen selber günstiger ist.

MDR (sth)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 19. August 2022 | 19:00 Uhr

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