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Das Gesundheitsamt in Zwickau wird bei der Kontaktverfolgung durch 20 Bundeswehrsoldaten unterstützt. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/onw-images

Corona-Fallzahlen explodierenGesundheitsämter am Limit

von Andrea Besser-Seuß, Hauptsache Gesund

Stand: 12. November 2021, 17:51 Uhr

Das Gesundheitsmagazin des MDR, "Hauptsache Gesund", hat sich in allen drei Bundesländern bei den Gesundheitsämtern umgehört: Wie schaffen es die Mitarbeitenden dort, angesichts stark gestiegener Infektionszahlen überhaupt noch, effizient die Kontakte von Infizierten zu erfassen und nachzuverfolgen? Das Bild, das sich daraus ergibt, zeigt: Die Lage ist ernst.

Landkreis Zwickau – Nachverfolgung nur noch bei vulnerablen Personengruppen

Besonders dramatisch ist die Situation im Landkreis Zwickau. Die Wocheninzidenz liegt dort laut RKI bei 555,1. Im Laufe des vergangenen Tages wurden 419 neue Neuinfektionen gemeldet (Stand 12.11.)  

Wie in anderen sächsischen Landkreisen ist auch das Gesundheitsamt des Kreises nicht mehr in der Lage, alle Kontakte nachzuverfolgen. So sei eine Nachverfolgung der sogenannten Freizeitkontakte nicht mehr möglich. Das Zwickauer Amt setzt auf Eigenverantwortung bei den Infizierten, die sich umgehend isolieren und ihre Kontakte selbständig informieren sollten.

Die Pressesprecherin des Landkreises, Ilona Schilk beklagt den Personalmangel. Aktuell seien 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Landkreisverwaltung dauerhaft mit der Kontaktnachverfolgung beschäftigt, 25 zeitweise. Zudem wird das Amt aktuell durch 20 Bundeswehrsoldaten unterstützt. Immer noch zu wenig, bemängelt Schilk. Deshalb werde aktuell versucht, Leiharbeiter zur Unterstützung zu finden. Leider ist da der Erfolg gering, erst vier konnten gewonnen werden, sagt Pressesprecherin Schilk.

 "Werden von der Welle überrollt"

Auf die Frage, welche Lehren sie aus der vergangenen Welle gezogen hätten, teilt das Zwickauer Amt mit, dass der Landkreis durchaus organisatorisch und technisch deutlich besser aufgestellt sei als bei der ersten Welle. Auch die Abläufe funktionierten besser und es gebe ein festes Corona-Team. "Trotzdem werden wir auch dieses Mal von der Welle überrollt", so Ilona Schilk. Die Zahlen sind einfach zu hoch, der Anstieg zu sprunghaft. Vom Freistaat fühle man sich in der Personalfrage nicht genug unterstützt. "Einer neuerlichen Bitte um personelle Unterstützung durch den Freistaat wurde bisher nicht entsprochen", so Schilk.

Inzidenz von mehr als 800 im Landkreis Bautzen

Etwas verhaltener äußert sich der Landkreis Bautzen, obwohl dort die 7-Tage Inzidenz auf 100.000 Einwohner noch deutlich höher liegt, nämlich bei 823,5. Auf Nachfrage teilt uns das Landratsamt mit, dass die Kontaktnachverfolgung durch das extreme Fallaufkommen zwar eingeschränkt sei, aber der "Nachschub an Personal" laufe gut. Es werde fortlaufend aufgestockt und ab nächster Woche werde noch die Bundeswehr befristet unterstützen.

Landkreis Leipzig setzt auf RKI-Scouts

Der Landkreis Leipzig gibt an, die Kontaktnachverfolgung derzeit noch zu schaffen. Allerdings mit einer deutlichen Einschränkung: "Wir konzentrieren uns aktuell beim Kontaktpersonenmanagement auf vulnerable Personengruppen (in medizinisch-/pflegerische Einrichtungen) und Hausstandangehörige sowie auf größere Ausbruchsgeschehen. Wenn noch Kapazitäten vorhanden sind, werden auch die Kontaktpersonen außerhalb dieser Gruppen ermittelt", schreibt das Büro des Landrates. In der aktuellen Absonderungsverordnung sei ohnehin die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger festgeschrieben. Dies werde in der nächsten Verordnung voraussichtlich noch verstärkt werden.

Pressesprecherin Brigitte Laux zeigt sich zufrieden: "Wir konnten unser Personal durch RKI-Scouts aufstocken. Das sind Scouts, die vom RKI ausgebildet werden und besonders überlastete Gesundheitsämter unterstützen. Die RKI-Scouts gibt es seit dem Frühjahr 2020." Außerdem werden sie von Mitarbeitenden aus anderen Ämtern des Landkreises unterstützt. "Wir haben vor allem in der Arbeitsorganisation und Digitalisierung aus den letzten Wellen gelernt. So haben wir unsere Arbeitsdatenbank neu aufgebaut, um möglichst viele Arbeitsschritte dort abzubilden. Wir verfolgen die Digitalisierung im Gesundheitsamt, haben die Organisation gestrafft und anderes mehr. Trotzdem bleibt die aktuelle Welle aber eine enorme Herausforderung."

Ab Inzidenz von 100 wird es schwierig

Aus der Landeshauptstadt Dresden kommt der Hinweis, dass eine Kontaktpersonennachverfolgung spätestens ab einer Inzidenz von 100 deutlich erschwert ist, da sich Infektionsketten dann nur vermindert nachverfolgen ließen. Für die vergangenen sieben Tage wird die Inzidenz mit 476,2 angegeben. Anke Hoffmann vom Amt für Presse-und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt schreibt: "Mit der aktuellen Inzidenz liegen wir deutlich über diesem Wert, was die Kontaktnachverfolgung zu einer großen Herausforderung macht. Aktuell ist eine Kontaktaufnahme nur mit mehreren Tagen Verzögerung möglich."

Dresden setze ebenfalls auf die Eigenverantwortung von Infizierten. "Personen mit einem positiven Testergebnis sowie im Hausstand lebende Kontaktpersonen, soweit sie nicht genesen oder vollständig geimpft sind, unterliegen auch ohne Anruf des Gesundheitsamtes einer Quarantänepflicht", begründet sie. "Wenngleich die Verzögerung in der Bearbeitung natürlich problematisch ist, ist damit dennoch die Frage der Absonderung bereits geklärt."

Auch in Sachsen-Anhalt und Thüringen rapider Anstieg der Fallzahlen  

Wie in Sachsen steigen auch in Sachsen-Anhalt die Fallzahlen und in Thüringen haben sie längst traurige Höchststände erreicht. Rückmeldungen haben "Hauptsache gesund" aus den Landkreisen und Städten Börde, Wittenberg, Dessau-Roßlau, Halle, Gotha, Weimar und Rudolstadt erreicht, insgesamt 15 Gesundheitsämter meldeten sich zurück. Auch in Sachsen-Anhalt und Thüringen zeigt sich hier überall das gleiche Bild wie in Sachsen. Die Gesundheitsämter kommen nicht mehr nach, suchen händeringend nach Personal. Der Bördekreis etwa hat extra Stellen ausgeschrieben. Längst können die Fallzahlen nicht mehr täglich ans RKI genmeldet werden.

Quelle: MDR Hauptsache Gesund

Mehr zu hohen Inzidenzen in Mitteldeutschland

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | SACHSEN-ANHALT HEUTE | 08. November 2021 | 19:00 Uhr