Einsatz für die Enkelkinder Helfer im Familienschatten: Großeltern mittendrin im Homeschooling

Während des häuslichen Lernens haben viele Großeltern ihre Kinder und Enkelkinder unterstützt. In Mails an MDR SACHSEN schrieben viele Familien und Alleinerziehende, dass sie ohne Oma oder Opa aufgeschmissen gewesen wären oder in Zeiten von Wechselunterricht deren Hilfe fest einplanen. In der Öffentlichkeit ist der Einsatz der Senioren bislang kaum Thema gewesen. Höchste Zeit für ein paar Nachfragen.

 Ein Maedchen macht zusammen mit ihrer Grossmutter Hausaufgaben.
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Marianne Dittgen aus Oschatz hat immer wieder per Videotelefonie ihren Enkel betreut, mal eine Stunde lang, manchmal auch bis zu drei Stunden. Der Achtjährige saß 100 Kilometer weit von ihr entfernt und freute sich über den Kontakt, "den einzigen, den er mit mir als Oma haben konnte wegen der Kontaktbeschränkungen", sagt die Großmutter. Und: "Ich wollte meine Tochter entlasten. Sie war glücklich. Sie musste ja auch im Homeoffice arbeiten und oft mehrere Stunden am PC präsent sein", sagt die 64 Jahre alte Oschatzerin. Gesellschaftlichen Dank erwartet sie nicht. "Tochter und Enkel danken es mir doch."

Die Rolle des Lehrers und Motivators habe ich übernommen und habe zu jedem Stoffthema eine Einführung gegeben. Das können sich nicht viele Eltern leisten. Sie sind selbst durch Homeoffice oder externe Arbeit gehindert, ihre Schulkinder zu unterstützen. Die Menge des zu bewältigenden Stoffes war sehr umfangreich. Man stieß an Grenzen, sodass auch noch Aufgaben ins Wochenende geschoben werden mussten.

Steffen Ernst Großvater (63) aus Rossau

Frust und Ansprüche bei Großeltern

Hendrik Stowasser aus Chemnitz bezeichnet sich "mit 47 zwar als einen jungen Opa, aber dennoch der Opa meines Enkels, der die 4. Klasse besucht". Sein Fazit nach wochenlanger häuslicher Lernzeit mit dem Enkelsohn lautet: "Ohne uns Großeltern hätte seine alleinerziehende Mutter das nicht geschafft." Die Tochter arbeitet als OP-Schwester im Krankenhaus. Allein wäre der Grundschüler mit der Fülle der Aufgaben nicht klargekommen, meint der Chemnitzer.

Die Vermittlung von Wissen erledigen meine Frau, ich oder eine Suchmaschine. Für meine Begriffe ist das 'häusliche Lernen' auf ganzer Linie gescheitert.

Hendrik Stowasser (47) aus Chemnitz

Zehn bis 20 auf Papier ausgedruckte Din-A4-Arbeitsblätter pro Woche seien normal gewesen, die der Enkel bei den Großeltern bearbeitete. Videokonferenzen? "Fehlanzeige. Ich hatte dem Klassenlehrer vorgeschlagen, ausfüllbare PDFs zu erstellen oder eine funktionierende Konferenz zusammenzuzimmern. Es gibt ja viele technische Möglichkeiten, die helfen können. Meine Angebote wurden nicht angenommen", ärgert sich der 47-Jährige. Ein größeres Maß an Anerkennung hätte er sich da schon von der Schule gewünscht, zumal in Chemnitz Internet gut funktioniere.

Als Großeltern im Homeschooling hätten die Stowassers zwei Probleme erkannt: "Man hat nicht nur das Problem, dass man kein Lehrer ist, sondern auch, dass man zu viel vom Kind verlangt. Großeltern haben ja auch einen gewissen Ehrgeiz. Da gibt es auf einem schmalen Grat schnell Konflikte."

Wenn Oma und Opa doch Lehrer sind

Das Problem, keine Lehrer zu sein, haben die Großeltern Karin und Hanno Müller in Lichtenstein nicht. Die beiden 68 Jahre alten Senioren waren jahrzehntelang Grundschullehrerin und Hortnerin bzw. Berufsschullehrer. Täglich betreuten sie nun den Enkel in der häuslichen Lernzeit. "Er ist mit Hausaufgaben in allen Fächern überhäuft worden. Das war für eine 6. Klasse die totale Überlastung. Er hat sechs Stunden und länger am Tag daran gesessen, oft auch an den Wochenenden", urteilt Hanno Müller.

Wir waren manches Mal froh, wenn der Nachmittag vorbei war und unser Enkel heimging. Ohne Internet wäre es ganz schwierig geworden.

Hanno Müller Großvater und ehemaliger Berufsschullehrer
Ein Vater hilft seinem Sohn bei den Schularbeiten
Tja, wenn auch Opa nicht mehr weiter weiß, müssen Lexika und Internet helfen (Symbolfoto). Bildrechte: dpa

Karin Müller hätte es besser gefunden wenn sich die Schule wie im ersten Lockdown auf die Kernfächer konzentriert hätte und die Fachlehrer fächerübergreifend ihre Aufgaben besser abgesprochen hätten. Sie ärgert sich auch darüber, dass der Enkel im Fach Ethik nur eine Zensur bekommen habe und die nun im Halbjahreszeugnis stehe. Erledigte Aufgaben seien gar nicht beurteilt worden.

Ich hätte als Lehrerin versucht, mehr und regelmäßiger Kontakt zu den Schülern zu halten. Da hätte ich doch von mir aus Zeiten angeboten, an denen ich anrufe oder erreichbar bin.

Karin Müller Großmutter eines Sechstklässlers und ehemalige Grundschullehrerin

Feedback der Lehrer wichtiger als Danke

"Einen Dank für unseren Einsatz wollen wir nicht. Die Lehrer müssten die Kinder aber viel mehr würdigen und Rückmeldungen zu den Aufgaben geben. Das freut doch die Kinder und motiviert. Stattdessen stehen nur Aufgaben und Vergleichsblätter im Lernsax und das war's", kritisiert Hanno Müller. Seine Frau und er hätten versucht, anstelle der Lehrer ihrem Enkel Feedback zu geben.

Der schönste Erfolg für sie sei, dass der Sechstklässler nun selbstorganisierter und alleine Hausaufgaben erledigen könne. Und dass er sein Herz für Geografie entdeckt habe. "Der Geografielehrer hat Kurzfilme über Youtube hochgeladen. Darin hat er seine Schüler direkt angesprochen und ganz wunderbar Wissen vermittelt", freut sich Großmutter Karin Müller über den jüngeren Kollegen.

"Danke, bleibt gesund !" steht auf der Tafel an der Fassade eines geschlossenen Restaurants in Offenbach.
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Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm im MDR MDR UM VIER | 15.03.2021 | 17:22 Uhr

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