Ausbildungsstart Vom Suchen und Finden einer Lehrstelle in Sachsen

Seit Jahren klagen viele sächsische Handwerksbetriebe über zu wenig Lehrlinge. Durch die Corona-Pandemie gingen die Zahlen erst recht in den Keller. Doch nun scheint sich die Lage zu entspannen. Besonders die Handwerkskammer Dresden sorgt für eine Überraschung: Anders als die Kammern in Leipzig und Chemnitz kann Dresden im Vergleich zum Vorjahr zulegen und steht sogar besser da als im Vor-Corona-Jahr 2019.

Ein Schild mit der Aufschrift  - Lehrling gesucht Ausbildung mit Zukunft  ist vor einem Zaun eines Handwerksbetriebes aufgestellt.
Schilder wie diese sind in den vergangenen Jahren häufiger geworden. Vor allem in den ländlichen Regionen Sachsens werden Lehrlinge händeringend gesucht. Bildrechte: dpa

Am 1. August beginnt in Sachsen das neue Ausbildungsjahr. Auffällig ist dabei, dass vor allem die Handwerkskammer Dresden gut durch die Corona-Krise gekommen ist. Bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen meldet sie Ende Juli nicht nur einen Anstieg von 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, sondern auch von 14,5 Prozent im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019. In absoluten Zahlen ausgedrückt, fangen in diesem Jahr 1.405 Azubis in dem Kammerbezirk mit ihrer Ausbildung an.

Ausbildungsverträge bei den Handwerkskammern
  Dresden (Stand 30. Juli) Leipzig (Stand 30. Juli) Chemnitz (Stand 29. Juli)
2021 1.405 784 1.328
2020 1.345 841 1.347
2019 1.227 1.029 1.525

Mit Hartnäckigkeit zum Traumberuf

Einer dieser 1.405 Lehrlinge, der seinen Vertrag ganz frisch unterschrieben hat, ist Omar Ahubawar. Der 27-Jährige stammt aus Syrien und hat bereits am 1. Juli mit seiner Ausbildung begonnen. Bei "Opitz Friseure" Am Schießhaus in Dresden lernt er den Beruf des Friseurs. "Für mich ist das mein Traumberuf. Ich freue mich sehr, dass es geklappt hat", sagt Ahubawar. Obwohl viele Firmen Lehrlinge suchen, war es für ihn nicht leicht, einen Ausbildungsplatz zu finden.

Ich musste mich schon einige Zeit umschauen, bis ich die Lehrstelle gefunden habe.

Omar Ahubawar Friseurlehrling im ersten Lehrjahr

Ein Mann mit dunkeln Haaren und Vollbart frisiert mit einem Lockenstab eine Perücke mit rötlichem Haar
Obwohl Azubis vielerorts gesucht werden, hat Omar Ahubawar gemerkt, dass es in der Großstadt etwas schwieriger sein kann, eine Lehrstelle zu finden. Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

Er habe bisher als Kostümbildner beim Film gearbeitet und wolle nun auch wissen, wie man Haare schneidet oder färbt. "Mir gefällt an dem Beruf, dass ich kreativ sein kann. Durch meine Vorkenntnisse habe ich zudem die Möglichkeit, Kundinnen und Kunden zu beraten, wie sie Frisur und Kleidung aufeinander abstimmen können."

Alltagswelt statt Künstlerwelt

Ähnlich wie Omar Ahubawar hat auch seine Kollegin Luise Bojko nicht den direkten Weg in den Friseurberuf genommen. Stattdessen studierte sie zuvor vier Jahre lang Maskenbild an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Mittlerweile ist die 27-Jährige am Ende des ersten Friseur-Lehrjahrs angelangt und nach wie vor von ihrer Entscheidung überzeugt: "Ich freue mich besonders über die Rückmeldungen der Menschen." So sei ihr Studium sehr künstlerisch auf Theater und Film ausgelegt gewesen, während sie als Friseurin mit beiden Beinen im Alltag stehe.

Ich sorge bei den Menschen für ein Wohlbefinden und sehe am Ende des Tages, was ich gemacht habe. Das ist ein schönes Gefühl.

Luise Bojko Friseurlehrling im ersten Lehrjahr

Eine Frau mit blondem Haar und schwarzer Bluse frisiert eine Perücke mit rötlichem Haar
Luise Bojko empfindet die handwerkliche Arbeit als erfüllend. Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

Keine Nachwuchsprobleme in der Großstadt

Ihre Chefin Susann Opitz hat schon häufiger erlebt, dass ein Studium nicht für jeden das Richtige ist. "Viele wissen nicht, dass ein Studium auch ziemlich abstrakt sein kann. Im Handwerk wird es hingegen niemals langweilig", sagt Opitz, die insgesamt vier Azubis beschäftigt. Probleme, neuen Nachwuchs zu rekrutieren, hatte sie bisher nicht: "Ich habe niemals Not gehabt, die Auszubildenden zu bekommen, die ich wollte", sagt sie.

Angespannte Azubisituation auf dem Land

Dass das nicht überall so ist, beweist ein Blick in ländliche Gefilde. So ist die Ausbildungssituation beim Glashütter Unternehmen "Schütz Zahntechnik" eher angespannt. "In den vergangenen fünf Jahren ist die Nachfrage nach einem Ausbildungsplatz bei uns deutlich zurückgegangen", sagt Geschäftsführer Tillmann Schütz. Aktuell habe man mit "Ach und Krach" zwei Azubis für eine Ausbildung als Zahntechniker gefunden, obwohl sonst immer drei Stellen besetzt wurden.

Viele wollen heute nicht mehr aufs Land. Die möchten eher dorthin, wo das Leben tobt.

Tillmann Schütz Geschäftsführer von "Schütz Zahntechnik"

"Wir kannten so etwas gar nicht. Seit 1992 bilden wir lückenlos aus und hatten Zeiten, in denen es 40 Bewerber gab." Damals habe man zwei Tage lang Bewerbungsgespräche geführt, berichtet der Geschäftsführer des 40 Mitarbeiter zählenden Betriebes.

Ein Mann mit kurzen dunken Haaren und Vollbart lächelt in die Kamera. Er ist umgeben von Computerbildschirmen und anderen Maschinen.
Für Geschäftsführer Tillmann Schütz ist es nicht so einfach, junge Leute für eine Ausbildung in seinem Betrieb zu gewinnen. Bildrechte: Michael Schmidt

Wertigkeit von Handwerksausbildung steigern

Ein Anziehungspunkt sei immer gewesen, dass die Firma sowohl über ein Labor als auch über ein Fräszentrum verfügt. "Dadurch konnten die Azubis neben dem klassischen Handwerk auch lernen, wie Zahnersatz mit Hilfe von Datensätzen und moderner Computertechnik hergestellt wird", erklärt Schütz. Damit die Quelle an qualifiziertem Nachwuchs nicht irgendwann versiegt, geht er inzwischen in Schulen, um für seinen Beruf zu werben. "Ich finde, dass in den Schulen ein falsches Bild vermittelt wird. Es gibt vielerorts das Ideal von Abitur und Studium, statt auch mal die Wertigkeit einer Handwerksausbildung in den Vordergrund zu stellen", kritisiert Schütz.

550 Euro im ersten Lehrjahr

Allerdings sind Lehrjahre vor allem finanziell keine Herrenjahre. Sowohl im Friseurhandwerk als auch bei den Zahntechnikern starten die Nachwuchskräfte mit einer monatlichen Vergütung von 550 Euro brutto ins erste Lehrjahr. Die Unternehmen zahlen damit die seit dem 1. Januar 2020 gesetzlich geltende Mindesausbildungsvergütung. Vorher habe der Betrag bei 300 bis 400 Euro gelegen, teilt Tillmann Schütz für seinen Betrieb mit. Wer diese Zeit durchsteht, hat aufgrund des Fachkräftemangels immerhin gute Chancen, übernommen zu werden.

Quelle: MDR/sth/dpa

Noch keine Lehrstelle gefunden? Hier gibt es einen Überblick über offene Stellen in Handwerksbetrieben:

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 08. Juni 2021 | 20:15 Uhr

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