Impfdurchbrüche Thomas Grünewald: "Corona wird uns in den nächsten Jahrzehnten begleiten"

Die aktuellen Zahlen zeigen, dass in den Krankenhäusern viele Corona-Patienten liegen, die vollständig geimpft sind. Woran liegt das? MDR SACHSEN hat bei Dr. Thomas Grünewald, Leiter der sächsischen Impfkommission, nachgefragt.

Thomas Grünewald, Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission und Infektiologe am Klinikum Chemnitz, spricht auf einer Pressekonferenz
Thomas Grünewald, Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission und Infektiologe am Klinikum Chemnitz Bildrechte: dpa

Herr Dr. Grünewald, wie hoch ist der Anteil der Impfdurchbrüche aktuell in Sachsen?

Wir sehen, dass die Impfdurchbrüche in Sachsen ungefähr ein Achtel aller Patienten ausmachen.

Das ist recht viel. Womit ist das zu erklären?

Nicht jeder Impfdurchbruch ist wirklich ein Impfdurchbruch. Wir haben auch Patienten, die zwar zwei Mal geimpft sind, aber schon längst ihre Boosterimpfung hätten bekommen müssen. Und wir haben stationäre Patienten, die für ihre normale Grundimmunisierung eigentlich drei Impfungen bräuchten. Das sind beispielsweise Menschen mit Rheuma oder mit Immunschwächen - die brauchen von vornherein drei Impfungen, da reichen zwei nicht aus. Trotzdem werden diese Fälle als Impfdurchbrüche gezählt.

Liegen die Impfdurchbrüche möglicherweise auch an den Impfstoffen?

Symbolfoto - Blutprobe mit Coronavirus Delta-Variante
Bei der Delta-Variante wirkt der Vektor-Impfstoff von Johnson & Johnson deutlich schwächer. Bildrechte: imago images/Christian Ohde

Das ist richtig. Wir wissen, dass für die Delta-Variante der Vektor-Impfstoff von Johnson & Johnson eine deutlich schwächere Wirksamkeit hat. Deshalb wird in Sachsen seit Monaten empfohlen, dass Menschen, die mit Johnson & Johnson ein Mal geimpft worden sind, die zweite Impfung mit einem mRNA-Impfstoff erhalten, um die Immunogenität, das heißt die Impfantwort, deutlich zu verbessern.

Wie sieht es bei Astrazeneca aus?

Auch da ist es so. Da kann eine zusätzliche Dosis - das heißt nach zwei Impfungen eine dritte Dosis mit einem mRNA-Impfstoff - die Immunogenität verbessern. Das heißt, man muss das differenzierter sehen und verstehen, dass eine Impfung nie eine hundertprozentige Wirksamkeit hat.

Wie sieht es bei Genesenen aus, wie gefährdet sind die?

Hier spricht man von Re-Infektionen: Wenn jemand Corona durchgemacht hat und sich wieder neu infiziert. Auch das ist möglich. Und das Risiko ist offenbar doch deutlich höher als anfangs gedacht. Es liegt, je nach untersuchter Gruppe, zwischen fünf und bis zu 20 Prozent – innerhalb eines Jahres oder innerhalb von anderthalb Jahren. Daran merkt man, dass sich das Virus verändert und andere Virusvarianten dem Immunsystem entgleiten. Das ist das Problem, das wir haben.

Wie gut schützen die Impfstoffe im Moment überhaupt noch vor dem Virus?

Impfdosen werden vorbereitet
In bestimmten Alters- und Risikogruppen lässt die Impfwirksamkeit nach. Bildrechte: dpa

Das liegt ungefähr bei 75 Prozent bei einer symptomatischen Entwicklung, bei über 90 Prozent bei schweren Verläufen und bei über 95 Prozent in puncto Sterblichkeit. Die Impfungen haben schon noch eine hohe Wirksamkeit. Aber wir wissen auch, dass in bestimmten Altersgruppen, in bestimmten Risikogruppen die Impfwirksamkeit nachlässt. Das kennen wir von der Influenza jedes Jahr. Das kennen wir auch von anderen Impfungen, die aufgefrischt werden müssen. Das ist nichts Erstaunliches, sondern ein ganz normaler Fakt.

Wird es bald einen Impfstoff geben, der gegen Corona-Varianten besser schützt?

Susanne Lackner, Professorin für Abwasserwirtschaft an der TU Darmstadt und Leiterin des Projekts «Abwa-SARS», pipettiert in einem Labor Reagenzien unter einem Abzugsschrank.
Auf sich verändernde Viren wird mit angepasstem Impfstoff reagiert. Bildrechte: dpa

Das ist in der Entwicklung und sicher sinnvoll. Solche sogenannten variantenangepassten Impfstoffe werden auf jeden Fall kommen, aber nicht vor nächstem Jahr. Wir brauchen sie auch, weil sich die Viren, wie bei der Influenza, verändern. Darauf müssen wir mit angepassten Impfstoffen reagieren.

Wie lange wird uns Corona beschäftigen?

Vergleichen Sie es mit der Spanischen Grippe von 1917 bis 1919. Es hat eine ganze Zeit gedauert, bis die Pandemie tatsächlich bewältigt war – damals ohne Impfstoff. Und dann zirkulierte dieses Virus in der Bevölkerung. Auch heute haben wir immer noch Anteile des alten Spanische-Grippe-Virus in den jetzigen Viren – wie in den H1N1-Viren. Und genau das Gleiche wird mit dem Coronavirus passieren. Es wird nicht verschwinden. Es wird einer der Atemwegserreger sein, der uns in den nächsten Jahrzehnten begleiten werden. So ist es wahrscheinlich.

Können wir uns mit angepassten Impfungen schützen?

Die Idee ist, dass man sich regelmäßig auffrischen muss. Noch ist unklar, wie oft. Analog zur Influenza dürfte es aller 12 bis 24 Monate sein.

Quelle: MDR/cw/jk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 28. Oktober 2021 | 07:30 Uhr

Mehr aus Sachsen