Impfmüdigkeit Warum stocken die Impfungen in Sachsen?

Zuerst waren es die Impfdrängler, jetzt bereiten die Impfmuffel Ärzten und Politikern in Deutschland Kopfzerbrechen. Woran liegt es, dass die Menschen scheinbar so zögerlich sind?

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Exakt Mi 18.08.2021 20:15Uhr 12:22 min

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Bundesweit wird das Impftempo immer langsamer. Vor allem in den östlichen Bundesländern stagnieren die Impfungen gegen Covid-19. In Sachsen ist erst jede zweite Person vollständig geimpft und im Erzgebirgskreis sind es laut der Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) sogar nur 38,7 Prozent. Der Anteil der Erwachsenen, der sich nicht impfen lassen will, ist in Sachsen doppelt so hoch, wie im Bundesdurchschnitt. Zwölf Prozent wollen sich auf keinen Fall impfen lassen – so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der TU Dresden.

Exakt hat in Eibenstock nachgefragt, warum die Menschen die Impfung ablehnen und dabei unterschiedliche Antworten bekommen. Ein Besucher eines Freizeitparks lehnt die Impfung so vehement ab, dass er sich auch mit Impfanreizen nicht überzeugen lassen will: "Die können mir ein Haus geben, ein Auto einen Ferrari hinstellen, alles. Ich würde das ablehnen."

Warum lehnen manche Menschen die Impfung ab?

Andere sind da vorsichtiger. Ein ehemaliger Soldat stellt klar: "Ich bin kein Impfgegner!" Ihm sei nur die Geschwindigkeit, in der die Impfstoffe auf den Markt kamen zu schnell. "Ich weiß nicht, woher die Gelder sind, ich weiß nicht, wie die entwickelt wurde und warum die auf einmal so schnell da ist, die Impfung."

Seit Mitte August ist klar: Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, sollen ihre Tests ab 11. Oktober selbst bezahlen, wenn sie zum Beispiel ins Kino oder zum Friseur wollen.

Manch einer sieht darin Freiheitseinschränkungen. Ein Urlauber erzählt: "Wir haben die DDR noch erlebt – und wenn man das dann macht, ist das ein Einschnitt in die persönliche Freiheit. Und das, was sie uns gelehrt haben, hier in der Demokratie, ist nicht ganz vereinbar mit dem, was jetzt gemacht wird von staatlicher Seite."

Untersuchung der TU Dresden

Prof. Maik Herold vom Mercator Forum Migration und Demokratie, TU Dresden.
Maik Herold vom Mercator Forum Migration und Demokratie, TU Dresden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aber sind wirklich so viele Sächsinnen und Sachsen der Impfung gegenüber skeptisch? Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden haben die Ansichten der Menschen in Sachsen während der Pandemie untersucht. Maik Herold ist Mitautor der Studie, er zeichnet ein differenziertes Bild: "Man denkt immer nur an die ideologisch motivierten Impfskeptiker, die Aluhüte, Verschwörungstheoretiker. Aber das ist es ja nicht. Das ist ein Graubereich mit unterschiedlichen Stufen."

Man ist in bestimmten Regionen Sachsen skeptisch, grundsätzlich skeptisch eingestellt gegenüber Dingen, die von außen kommen. Man betont die eigene Souveränität, die eigene Entscheidungsfreiheit auch über Dinge selbst zu entscheiden. Das ist so eine Art Freiheitsdenken.

Maik Herold Mercator Forum Migration und Demokratie, TU Dresden

Viele waren bereit für die Impfung und seien jetzt verunsichert

Ähnlich sieht es auch Dr. Franziska Pecher-Werner aus Eibenstock. Die Hausärztin hat bereits 800 ihrer Patientinnen und Patienten vollständig geimpft. Noch immer muss sie einige überzeugen. Viele seien verunsichert. "Die Menschen waren bereit am Anfang beide Impfstoffe – also AstraZeneca und Biontech – anzunehmen. Aber immer wieder diese widersprüchlichen Äußerungen und Empfehlungen: Erst nur für über 60-jährige, dann unter 60. Dann wieder über 60. Das hat die Menschen derart verunsichert, dass es dann regelrecht abgebrochen ist und wir ganz viel kämpfen mussten, ganz viel reden mussten", erzählt sie.

Neben der Verunsicherung hat sie auch noch einen weiteren Erklärungsansatz für die stockenden Impfungen im Erzgebirgskreis: "Wir hatten ja auch die höchste Inzidenzrate von Februar bis April. Viele sind bereits erkrankt oder genesen. Und bei denen besteht die Empfehlung einer Auffrischung nach drei bis sechs Monaten. Und diese drei bis sechs Monate sind für manche eben erst im September abgelaufen. Und ich denke, da bekommen wir noch mal einen Ansturm."

Niedrigschwelligere Impfangebote um alle zu erreichen

Für diejenigen, die noch nicht überzeugt werden konnten, sollen deshalb die Impfungen zugänglicher gemacht werden. In Aue-Bad Schlema wurde bereits, wie in vielen anderen Städten auch, eine Bratwurst zur Impfung gereicht. Außerdem sollen in einigen Orten die Impfungen selbst einfacher zu erreichen sein. In Hoyerswerda führt das Deutsche Rote Kreuz Extra-Impfaktionen in einem Einkaufszentrum durch. Der Leiter des Zentrums hat das unterstützt, war aber zunächst skeptisch, ob es überhaupt Interessierte geben werde. Am Tag der ersten Impfaktion reihte sich dann aber eine lange Schlange durch das Einkaufszentrum. Und ebenso an dem Tag, an dem wir dort drehten. Viele derjenigen, die in der Schlange stehen, sind ältere Menschen. Eine 83 Jahre alte Dame berichtet, sie wie auch ihre 62jährige Tochter seien noch nicht geimpft, und sie wisse nicht, wann sie bei ihrem Hausarzt an die Reihe komme.

Leute auf dem Görlitzer Tippelmarkt füllen Formulare für die Corona-Impfung aus.
Einen Stand ohne Töpferwaren aber mit Formularen für die Corona-Impfung war am 17. und 18. Juli auf dem Schlesischen Tippelmarkt in Görlitz aufgebaut. Am 24. Juli gab es im Tierpark Görlitz eine mobile Impfstation. Das Angebot war nicht an einen Besuch des Tierparks gebunden. Bildrechte: Görlitzer Kulturservicegesellschaft

Klar ist: Menschen über 80 waren mal in der Priorisierungsgruppe Eins – diejenigen, die als Erste geimpft werden sollten. Und offenbar haben einige von ihnen es bis jetzt, Mitte August, nicht geschafft, an eine Impfung zu kommen. Das erzählt auch eine 73jährige, die zweimal versucht habe, bei ihrem Hausarzt einen Impftermin zu bekommen; der habe jedoch vor Ende August keinen Termin für sie. Und das nächstgelegene Impfzentrum in Kamenz sei für sie zu weit, in ihrem Alter könne sie dort nicht hin, sie kenne sich dort nicht aus.

Impfungen: Sachsen ist bundesweit Schlusslicht

Thomas Grünewald von der sächsischen Impfkommission räumt ein: "Selbst wenn Sie nach Leipzig gehen – einem großen Impfzentrum in der Messe – da gibt es einen sehr, sehr langen Fußweg von den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das ist also schwierig zu erreichen für mobilitätseingeschränkte Menschen. Da muss man nachschärfen und ich glaube, da ist wichtig, dass wir die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen mit ins Boot nehmen und auch die mobilen Teams noch ausweiten. So wie es jetzt auch gemacht wird."

Zu den niedergelassenen Ärzten teilt das Sächsische Sozialministerium mit: von 4.000 Arztpraxen, die impfen könnten, tun das derzeit 2.700. Sachsen ist bundesweit Schlusslicht bei den Impfungen. Und tatsächlich gibt es in bestimmten Regionen mehr Menschen, die sich einer Impfung verweigern, als anderswo. Offenkundig ist aber auch so, dass viele Menschen, die geimpft werden wollen, es bis heute nicht geschafft haben.

Quelle: MDR exakt

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 18. August 2021 | 20:45 Uhr

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