B.1.617 auf dem Vormarsch Indische Corona-Variante in Sachsen – Gesundheitsämter haben keine Kenntnis

Mit Sorge blicken Experten nach Indien. Dort verbreitet sich offenbar sehr schnell eine Mutation des Corona-Virus. Die Variante B.1.617 ist in Deutschland bisher nur selten nachgewiesen worden, auch deshalb warnen Experten hierzulande vor Panikmache. Die Suche nach den bisher aufgetretenen Fällen gestaltet sich schwierig, wie ein Beispiel aus Sachsen zeigt.

FOTOMONTAGE, Mutierender Coronavirus und Fahne von Indien, Symbolfoto indische Virus-Mutation B.1.617
21 Fälle der indischen Mutationen wurden bisher in Deutschland nachgewiesen. Bildrechte: IMAGO / Christian Ohde

Die indische Corona-Virus-Mutation B.1.617 tritt nun doch häufiger in Deutschland auf, als zunächst angenommen. Nachdem das Robert-Koch-Institut (RKI) am Montag noch von acht Fällen der Mutation in Deutschland gesprochen hatte, sind es nun 21, wie das RKI am Donnerstag mitteilte. Noch gibt es laut RKI keine Erkenntnisse, die dazu führen, dass die Wissenschaftler diese Mutation als "bedenklich" einstufen, doch beobachte man sie genau und habe sie als "von Interesse" markiert, schreibt das RKI.

 "Diese Variante wurde zuerst im indischen Bundesstaat Maharashtra gefunden und verbreitet sich dort stark. Sie zirkuliert auch in anderen indischen Bundestaaten und wurde bereits in Großbritannien ebenso wie in Deutschland vereinzelt nachgewiesen", heißt es in einer aktuellen RKI-Veröffentlichung.

Fall in Sachsen gibt Rätsel auf

Am Dienstag hatte eine RKI-Sprecherin dem MDR bestätigt, dass einer der Fälle mit der indischen Mutation in Sachsen aufgetreten war. Allerdings konnten weder das RKI noch das Gesundheitsministerium in Sachsen mitteilen, wo genau der Fall in dem Bundesland aufgetreten war. Das RKI hatte an das Gesundheitsministerium in Dresden verwiesen. Dort wiederum verwies man an die Gesundheitsämter der sächsischen Kreise und kreisfreien Städte. Auf MDR-Anfrage haben alle 13 Ämter reagiert: Nach aktueller Auskunft ist keiner dieser Behörden ein Fall mit der indischen Corona-Variante bekannt. Damit ist weiter unklar, wo der Fall in Sachsen aufgetreten war. Das sächsische Gesundheitsministerium sieht dafür drei mögliche Gründe.

Erklärungsversuche des Ministeriums

Eine Sprecherin schrieb, es könne erstens sein, dass die Einsendung zwar durch ein sächsisches Labor erfolgte, es sich aber um einen Patienten mit Wohnort außerhalb Sachsens handelt und deshalb auch die Meldung in ein anderes Bundesland oder sogar Nachbarland erfolgt sei. Als zweite Möglichkeit zeigte das Ministerium auf: "Vielleicht hat auch das ursprünglich diagnostizierende Labor, das die Proben zur Sequenzierung weitergeleitet hat, die Rückmeldung des RKI erhalten und noch nicht an das zuständige Gesundheitsamt weitergemeldet", so die Sprecherin. Eine dritte mögliche Ursache könne sein, dass die Meldung des Mutationsfalles auch bisher aufgrund der hohen Fallzahlen im betroffenen Gesundheitsamt noch nicht eingearbeitet worden sei.

Sequenzierkartusche
Die Untersuchung auf Virusmutationen, die sogenannte Sequenzierung, können bisher nur Speziallabore machen. Dazu wird eine solche Kartusche genutzt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie werden die Daten gesammelt?

Auf MDR-Anfrage teilte das RKI mit, dass die Daten in einer speziellen Datenbank gesammelt werden. In das "Deutsche Elektronische Sequenzdaten-Hub" (DESH) würden Labore die sequenzierten Daten einfließen lassen. Eine Anleitung zur Nutzung dieser Datenbank zeigt, dass zusammen mit den Sequenzierungsdaten keine Daten über Patienten übermittelt werden. Also: Kein Geschlecht, kein Alter, kein Wohnort. Diese Daten werden gesondert dem zuständigen Gesundheitsamt übermittelt. Dadurch können Lücken in der Informationsübertragung entstehen, bestätigte eine RKI-Sprecherin auf Nachfrage.

So kann die Situation entstehen, dass Daten von einem sächsischen Labor bereits beim RKI vorliegen, das zuständige Gesundheitsamt aber noch nicht informiert ist. Dazu kommt, dass die Datenbank DESH  bislang nur für die Fachöffentlichkeit zugänglich ist. Verarbeitete Daten werden auf internationalen Plattformen wie GISAID veröffentlicht. Das geschehe, so eine RKI-Sprecherin, aber nicht unmittelbar. Dort verfügbare Daten könnten bereits einige Tage alt sein.

Ist die Sorge vor der Mutation berechtigt?

Laut RKI trägt die Variante zwei Mutationen an einem Oberflächenprotein, die von anderen unter Beobachtung stehenden Linien bekannt seien. Möglicherweise könnten Geimpfte und Genesene vor einer Ansteckung mit dieser Variante weniger gut geschützt sein, heißt es weiter. Auch bei den in Südafrika ( B.1.351 ) und Brasilien ( P.1 ) entdeckten Varianten wird diese Eigenschaft befürchtet. Die Weltgesundheitsorganisation ( WHO ), das RKI und andere Experten bewerten die Variante B.1.617 derzeit aber dennoch zurückhaltend. In Indien hatten sich die Fallzahlen zuletzt stark erhöht, mit derzeit rund 270.000 registrierten Neuinfektionen pro Tag.

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Epidemiologe Kekulé: Weitere Mutation warerwartbar

Der Epidemiologe Alexander Kekulé hatte bereits am Dienstag davor gewarnt, sich wegen der neuen indischen Coronavirus-Mutation zu große Sorgen zu machen. Kekulé sagte im Podcast "Corona-Kompass" des MDR, eine solche weitere Mutation sei komplett erwartbar und überhaupt kein Aufreger. Wahrscheinlich sei das indische Virus infektiöser: „Viel gefährlicher ist es deswegen – bei den Daten, die wie bisher haben, aber nicht“, so der aus München stammende Hochschullehrer.

Seit Mitte Januar wird das Virus auf Anweisung des Bundesgesundheitsministeriums genauer auf Mutationen untersucht. So sollen etwa bis zu fünf Prozent aller positiven Testbefunde sequenziert werden.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 22. April 2021 | 21:00 Uhr

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