Jugendämter Inobhutnahmen von Kindern in Corona-Pandemie rückläufig - Ämter aber in Sorge

Die Anzahl der Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen in Sachsen ist im Jahr 2020 um rund elf Prozent gesunken. Das teilte das Statistische Landesamt mit. Pro Tag wurden rund sieben Kinder und Jugendliche in Obhut genommen. Was hinter diesen Zahlen steckt udn warum der rückläufige Trend trotzdem nichts Gutes bedeutet, hat MDR SACHSEN mit der kommissarischen Jugendamstleiterin der Stadt Dresden, Silvia Lemm, besprochen.

Ein Vater hält sich verzweifelt die Hande vor das Gesicht wäehrend er sein Baby füttert und ein weiteres Kind wütend im Hintergrund herumspringt.
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Die Corona-Pandemie hat sich auf alle Lebensbereiche ausgewirkt, so auch auf die Arbeit der Jugendämter. Im Jahr 2020 gingen die Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen in Sachsen um elf Prozent zurück. Die meisten Fälle wurden in Dresden (662), Leipzig (611) und Zwickau (230) gemeldet. "Der Rückgang liegt ganz klar an Corona", sagt Silvia Lemm, kommissarische Jugendamtsleiterin der Stadt Dresden. "Wir können das ganz klar beginnend ab dem März signifikant festmachen, dass wir durch die Schließung von Kitas und Horten auch einen Rückgang von Inobhutnahmen hatten in der Stadt."

Das läge vor allem an dem Wegfall von Meldungen von Kindeswohlgefährdungen, die sonst oft vom geschulten Kita- und Schulpersonal kämen. "Auf der anderen Seite haben wir Kindeswohlgefährdungsmeldungen natürlich verstärkt aus der Nachbarschaft bekommen", sagt Lemm. "Die Leute waren einfach aufmerksamer, weil sie zu Hause waren, und da waren auch Nachbarn eher mal geneigt zu sagen: Liebes Jugendamt, überprüf' doch mal."

Wir hatten plötzlich Fälle von Familien auf dem Tisch, die wir so vorher noch gar nicht auf dem Schirm hatten.

Silvia Lemm Kommissarische Jugendamtsleiterin der Stadt Dresden

Die statistischen Werte müsse man differenziert betrachten. Die Zahlen beinhalten auch Kinder und Jugendliche, die mehrmals im Jahr in Obhut genommen werden mussten und daher mehr als einmal gezählt wurden. Wenn man die Statistik nach einzelnen Kindern auswerten würde, sei in Dresden ein Anstieg um rund neun Prozent zu verzeichnen. "Und da ist auch noch kein Ende in Sicht", sagt Lemm.

Häufigste Gründe sind Überforderung und Beziehungsprobleme

Die Gründe, warum es zu Inobhutnahmen kommt, sind vielfältig. "Es ist tatsächlich das Thema Vernachlässigung, aber auch das Thema psychische oder physische Gewalt in der Familie", erzählt Lemm. "Trennungsproblematik der Eltern ist ein Thema, das immer wieder aufploppt oder auch Suchtproblematiken." Dazu komme die Überforderung von Sorgeberechtigten, die vor allem in der Corona-Pandemie zugenommen habe.

Familien haben lange ausgehalten. Es ist aber auch ganz viel in das familiäre System hinein verlagert worden. Da ist diese Überforderungsproblematik, die dann im Extremfall zu einer Inobhutnahme führt, eine wesentliche Komponente, schon im Jahr 2020, aber auch noch bis heute anhaltend.

Silvia Lemm Kommissarische Jugendamtsleiterin der Stadt Dresden

Zahl der Inobhutnahmen 2020 gesunken

Insgesamt wurden im Jahr 2020 in Sachsen laut Statistischem Landesamt 2.576 Kindern und Jugendliche in Obhut genommen. Im Jahr 2019 waren es noch 2.910. Außerdem wurden 134 ausländische Kinder und Jugendliche im Jahr 2020 nach unbegleiteter Einreise vorläufig von den Jugendämtern in Obhut genommen.

22 Prozent aller Maßnahmen betrafen die Altersgruppe der 16- bis unter 18-Jährigen, 21 Prozent die Altersgruppe von 14 bis unter 16 Jahren. Rund drei Viertel der Inobhutnahmen wurden von sozialen Diensten der Jugendämter sowie Polizei und Ordnungsbehörden in Folge dringender Gefahr veranlasst. 13 Prozent der Schutzmaßnahmen geschahen auf eigenen Wunsch der Kinder und Jugendlichen.

Quelle: MDR/al

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