Fakt ist! Osteuropa-Experte: "Die Ostdeutschen haben Putin nicht reingewaschen"

Anders als die Menschen in Polen und im Baltikum dachten viele Ostdeutsche lange: "Die Russen wollen keinen Krieg!" Fassungslos nehmen auch sie jetzt die Bilder des blutigen Krieges in der Ukraine zur Kenntnis. Aber hatten die Menschen im Osten wirklich einen verklärten Blick auf Putin oder gibt es noch andere Gründe? Darüber hat MDR SACHSEN mit dem Osteuropa-Experten Prof. Stefan Garsztecki von der TU Chemnitz gesprochen. Der Krieg in der Ukraine ist am Montag Thema bei "Fakt ist!" im MDR FERNSEHEN.

Stefan Garsztecki
Prof. Stefan Garsztecki hat an der TU Chemnitz die Professur für Kultur- und Länderstudien Ostmitteleuropas inne. Bildrechte: Jacob Müller/Rico Welzel

Herr Prof. Garsztecki, in der Psychologie gibt es das Phänomen der kognitiven Dissonanz - auch Selbstbetrug genannt. Unsere Gesundheit ist uns wichtig, trotzdem rauchen wir täglich. Ist das mit dem Verhältnis der Ostdeutschen zu Putins Russland ähnlich? Noch vor dem Angriff auf die Ukraine wurden in einer MDR-Umfrage die USA als größerer Kriegstreiber genannt. Waren die Ostdeutschen besonders naiv?

Naiv würde ich nicht sagen. Aber natürlich haben sie ein engeres Verhältnis zu Russland als Westdeutsche. Das hat aber nichts mit einem Reinwaschen von Putin zu tun. Die Erzählung vom lupenreinen Demokraten, die der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder mal geprägt hat, haben auch in Ostdeutschland viele nicht unterschrieben. Allerdings haben die Menschen im Osten, vor allem die Älteren, Russland mehr Empathie entgegengebracht, weil sie vielleicht noch persönliche Kontakte dorthin haben oder auch weil sie die Sprache gelernt haben.

Könnte es auch sein, dass die Propaganda aus DDR-Zeiten vom "großen Bruder" noch nachwirkt?

Grundsätzlich kann ich das nicht beobachten, lediglich beim Blick auf die NATO. Da stellen manche fest, dass der Warschauer Pakt aufgelöst und der Sozialismus zusammengebrochen ist, während es die NATO immer noch gibt. Diese Skepsis gegenüber der NATO, die Teil der sowjetischen und auch heute der russischen Propaganda ist, verfängt sicherlich in Ostdeutschland stärker als in Westdeutschland.

Sie ziehen somit den Schluss, dass die positive Wahrnehmung Russlands vor allem aus dem persönlichen Kontakt resultiert?

Ja, das ist so. Deshalb dürfen wir trotz aller Sanktionen gegen Russland, die ich auch für richtig halte, eines nicht vergessen: Im kulturellen und zwischenmenschlichen Bereich müssen wir sehr viel vorsichtiger sein. Ich halte es beispielsweise für einen Fehler, wenn der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) jetzt seine Kontakte nach Russland runterfahren oder gar einfrieren will. Gerade für die Zeit nach Putin brauchen wir diese Menschen.

Wie kommt es, dass Länder wie Polen und die baltischen Staaten, die im Kalten Krieg ebenfalls Jahrzehnte unter sowjetischer Besatzung leiden mussten, die Gefahr von Anfang sehr viel realistischer eingeschätzt haben?

Das, was gerade in der Ukraine passiert, ist ein Muster, welches diesen Ländern wohlbekannt ist. Die baltischen Staaten haben niemanden überfallen und sind 1940 von der Sowjetunion gewissermaßen mit vorgehaltener Pistole annektiert worden. In Putins Russland wird jedoch noch heute darauf beharrt, dass der Anschluss freiwillig gewesen sei - nichts könnte falscher sein.

Ähnlich war das 1939 in Polen, als im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts Teile von Ostpolen an die Sowjetunion fielen. Das Muster war übrigens vergleichbar wie 2014 beim Einmarsch Russlands auf der Krim. Auch damals hat man sogenannte Volksversammlungen abgehalten und dann die Gebiete angegliedert.

Ein Kollege von Ihnen schrieb kürzlich auf Twitter, dass es aus russischer Sicht eigentlich absurd sei, Bomben auf Kiew als Wiege der russischen Orthodoxie und Staatlichkeit zu werfen. Das wäre so, als würden Moslems Mekka bombardieren. Wie kann Putin, der ja offensichtlich in bestimmten historischen Kategorien denkt, das vor sich und seinem Volk verantworten?

Die Kiewer Rus und die goldenen Dächer von Kiew sind historisch sehr wichtig. Allerdings gibt es auch da unterschiedliche Interpretationen. In Russland sieht man Moskau als drittes Rom (nach dem eigentlichen Rom und Konstantinopel), nicht Kiew. Wir haben also eine eigenständige orthodoxe Kirche in der Ukraine, die sich nach Konstantinopel (Istanbul) ausrichtet. Putin ignoriert somit die überragende Bedeutung, die die goldenen Dächer von Kiew für die Ostslawen haben. Er folgt stattdessen einer imperialen zaristischen - und ich muss auch sagen - sowjetischen Tradition.

Müssen sich die baltischen Staaten und Polen oder gar wir uns Sorgen machen, dass wir als Nächstes dran sind?

Ich sehe zunächst eine Gefahr für Moldawien. Wenn sie wie Russland erst einmal unter fadenscheinigen Gründen das Völkerrecht aufgekündigt haben, gibt es keine rechtliche Begrenzung mehr. Die Furcht vor weiteren Invasionen ist somit berechtigt. Im Baltikum ist die Hürde durch die NATO-Mitgliedschaft größer. Aber es ist zumindest vorstellbar, dass Russland unter Putin versuchen könnte, über die russischen Minderheiten Konflikte zu inszenieren. Das muss nicht zwingend zum Krieg führen, könnte die Gegend jedoch destabilisieren.

MDR(sth)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 07. März 2022 | 22:10 Uhr

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