Interview Uniklinik-Chef Dresden: "Inzidenz - dieser Wert ist schwierig"

Hat der Inzidenzwert als alleinige Richtschnur der Corona-Politik ausgedient? MDR SACHSEN hat mit Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Uniklinikums Dresden, darüber gesprochen. Alternativen gäbe es wohl, meint er.

Porträtfoto Professor Michael Albrecht
Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Frage: Ist der Inzidenzwert nicht mehr aussagekräftig, weil er wegen sinkender Testzahlen und steigender Impfquoten kaum noch vergleichbar ist mit Infektionszahlen aus der ersten, zweiten oder sogar dritten Welle?

Professor Michael Albrecht: Der Inzidenzwert war immer schon ein sehr schwacher Wert im Zusammenhang mit dem, was man eigentlich erreichen will: nämlich die Überlastung der Krankenhausbetten zu verhindern. Und jetzt kommt noch hinzu: Wie viele sind denn geimpft? Weil die Impfquote natürlich eine Rolle dabei spielt, was eine Inzidenz wirklich aussagen kann.

Wie aussagekräftig sind Inzidenzwerte in Deutschland denn überhaupt, wenn es gar keine verlässlichen Zahlen zu den insgesamt durchgeführten Testungen gibt. Also auch den negativen?

Jedem einigermaßen zahlenbegabtem oder mathematisch interessiertem Menschen leuchtet das sofort ein: Der absolute Wert positiv Getesteter sagt nur vernünftig etwas aus, wenn ich auch die Zahl der Tests mit angebe. Wenn ich keinen teste, ist die Inzidenz Null. Und wenn ich nur einen teste und der ist positiv, dann liegt die Positivrate bei 100 Prozent. Dann kann die Inzidenz in kleineren Gemeinden enorm hoch sein.

Diese Beispiele zeigen, wie schwierig dieser Wert ist. Eigentlich müsste man die Testhäufigkeit immer dazu nennen. Die politische Argumentation ist da immer wieder, die Testhäufigkeit bliebe etwa gleich. Aber das ist sicher nicht so.

Professor Michael Albrecht:

Werden die aktuellen Inzidenzwerte nicht auch rechnerisch unterschätzt, weil sich Geimpfte seltener infizieren? Sie messen aktuell wohl vor allem damit die Verbreitung des Coronavirus unter Ungeimpften. Die Inzidenzwerte werden aber in Bezug gesetzt zur Gesamtbevölkerung, also inklusive der Geimpften.

Mathematisch gesehen ist das ganz klar so. Da gab es auch genug Vorschläge, wie man in Abhängigkeit von der Impfquote den Inzidenzwert abbilden kann, ihn beispielsweise bei einer Impfquote von 50 Prozent zu verdoppeln, davon halte ich aber gar nichts. Denn das ist für viele Menschen schwieriger nachzuvollziehen.

Was halten Sie von der in Frankreich mittlerweile wohl üblichen Methode, Inzidenzwerte und Hospitalisierungsraten jeweils für Geimpfte und für Ungeimpfte zu veröffentlichen?

Das ist genau der Versuch, wie man eine Impfquote, die Bettenbelegung und die Inzidenz in ein System bringt. Mit dem großen Vorteil: Man kann jeden Impfgegner vorführen. Zwangsläufig kommen da andere Inzidenzen, andere Infektionen raus in der Gruppe der Ungeimpften. Insofern halte ich das für ein vernünftiges System und auf jeden Fall besser als das Schielen auf den bloßen Inzidenzwert, ohne die anderen Faktoren zu berücksichtigen.

Also möchten Sie den Inzidenzwert trotz aller Schwächen beibehalten, aber ergänzen?

Man sollte jetzt, und das war schon unser Vorschlag zu Jahresbeginn, die Inzidenz als groben Marker behalten. Denn wenn die ansteigt, gibt es natürlich ein zunehmendes Infektionsgeschehen. Und dann sollte man die täglich belegten Betten hinzunehmen und nicht irgendwelche theoretischen Werte, die schon eine Woche alt sind.

Professor Michael Albrecht

Außerdem: Die Impfquote sollte in ein Ampelsystem gebracht werden. Es gibt Länder, die damit gute Erfahrungen haben und ich denke, das wäre der vernünftige Weg.

Das Gespräch führte Tobias Wilke.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 13. August 2021 | 19:00 Uhr

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