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Experten raten, Kinder umfassend aufzuklären, damit sie nicht mit Fremden mitgehen. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Angst vor StraftatenPolizei warnt vor Panikmache wegen Hinweisen über Unbekannte vor Schulen

von MDR SACHSEN

Stand: 04. Februar 2023, 07:00 Uhr

Nach Meldungen über Personen, die Kinder vor Schulen und auf dem Schulweg ansprechen, hat die Polizei Chemnitz keine strafrechtlichen Sachverhalte feststellen können. Sie warnt vor Panikmache und rät zur ruhigen und schnellen Information.

Die Polizeidirektion Chemnitz warnt vor Panikmache im Zusammenhang mit Berichten über Fremde, die Kinder vor Schulen ansprechen. "Es ist ein schmaler Grat zwischen Panikmache und sinnvoller Warnung", sagte Polizeisprecherin Jana Ulbricht. Die Frage sei, "ob sich Meldungen durch die Verbreitung über Social Media neu generieren. "Wir haben für unseren Bereich festgestellt, dass es einen Vorfall gab, der sich hier im Chemnitzer Ortsteil Röhrsdorf abgespielt hat und eben genau diese Schilderung tauchte dann in anderen Orten auf."

Hinweise über Personen vor Schulen

Der Hintergrund: In den vergangenen Wochen häuften sich Meldungen über fremde Personen, die vor Schulen Kinder und Jugendliche angesprochen haben. Unter anderem soll nach einem Bericht der "Freien Presse" in Penig in Mittelsachsen der Fahrer einer dunkelgrauen Limousine ein Mädchen des Freien Gymnasiums an der Bushaltestelle angesprochen haben. Die Polizeidirektion Chemnitz bestätigt gegenüber MDR SACHSEN, dass bei ihr verstärkt Hinweise eingegangen seien. "Die Polizei hat die Fälle überprüft, es hätten sich aber keine strafrechtlich relevanten Sachverhalte ergeben", erklärte Ulbricht. Es sei leider nicht selten, dass auch Schulen oder Kindereinrichtungen Warnhinweise an die Eltern rausgeben, bevor die Polizei überhaupt Kenntnis von dem ganzen Sachverhalt erlangt.

Expertin appelliert, sich bei der Polizei zu melden

"Die Meldungen sind auch bei uns angekommen", erklärte Paula Adam von der Fachstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche "Shukura" der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Es gebe immer wieder Phasen, in denen solche Mitteilungen gehäuft kursieren. Adam erklärte: "Ich kann hier nur deutlich ans Herz legen: Geben Sie solche Hinweise so schnell wie möglich an die Polizei und nicht in Social-Media-Kanäle. Gerade wenn solche Fälle gehäuft auftreten, kann die Polizei ganz anders agieren."

Geben Sie solche Hinweise so schnell wie möglich an die Polizei und nicht in Social-Media-Kanäle.

Paula Adam | Fachstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche "Shukura" der Arbeiterwohlfahrt (AWO)

Laut Paula Adam von der Fachstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche "Shukura" sind sogenannte Fremdtäter und Täterinnen nur ein kleiner Teil des Problem. Die meisten Fälle sexualisierter Gewalt kommen aus dem Familien- und Freundeskreis der Kinder. Bildrechte: Paula Adam/ Dietrich Flechtner

Schulleiterin warnt vor Panikmache

Die Schulleiterin einer betroffenen Schule warnt vor Panikmache. MDR SACHSEN erklärte die Lehrerin, die anonym bleiben möchte: "Wenn Eltern panisch Informationen im Internet teilen, verunsichert das mehr als es hilft." Da es wichtig sei, mit den Kindern zu deren Schutz über das korrekte Verhalten zu sprechen, habe man die Eltern über die Vorfälle informiert. Die Kinder seien nach der Aufklärung entspannt gewesen, es helfe nicht, wenn panische Reaktionen ausbrechen. "Wenn Eltern zu Selbstjustiz tendieren und Personenbeschreibungen haben möchten, geht das deutlich zu weit!", erklärte die Schulleiterin.

Polizei fordert, einen kühlen Kopf zu bewahren

Es sei verständlich, dass Eltern aufgeregt sind, wenn so etwas kursiert, sagte Polizeisprecherin Ulbricht. "Aber man sollte den normalen Menschenverstand nutzen und darüber nachdenken, wo kommt das her, wem ist das tatsächlich passiert und wie oft wird das Ganze weiterverbreitet." Die Polizei bittet daher, konkrete Vorfälle unverzüglich der entsprechenden Polizeidirektion zu melden. "Erst wenn wir es überprüft und quasi eine objektive Einschätzung getroffen haben, sollten solche Informationen verbreitet werden."

Haben Kinder Angst vor dem Schulweg, weil sie angesprochen worden sind, sollten sie sich laut Experten mit Freunden zusammenschließen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Ähnliche Einschätzungen sind Ulbricht aus den Polizeidirektionen Dresden und Zwickau bekannt. Auch der Polizeidirektion Leipzig werden immer wieder Fälle gemeldet, wo mutmaßlich Kinder auf der Straße angesprochen werden. Zuletzt gab es Anfang Januar Hinweise. "Die Polizei nimmt derartige Hinweise sehr ernst und geht ihnen nach", teilte die Polizei Leipzig auf Anfrage mit. "Gleichzeitig bitten wir darum, dass unbestätigte Informationen nicht über Chatgruppen weiterverbreitet werden. Dies kann unter anderem dazu führen, dass alltägliche Situationen als potenzielle Gefahr wahrgenommen werden", hieß es.

Sexueller Missbrauch an Kindern in SachsenNach Informationen der aktuellen Kriminalitätsstatistik in Sachsen wurden im Jahr 2021 insgesamt 857 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern im Freistaat erfasst, in insgesamt 789 Fälle konnten Täter und Täterinnen gefunden und der Fall aufgeklärte werden. Das Landeskriminalamt (LKA) registrierte zudem 56 Fälle von sexuellem Missbrauch an Jugendlichen, davon sind 53 Vorfälle als aufgeklärt beim LKA registriert. Zudem meldete das LKA in einer Jahrestatistik 1.803 Fälle von Kinderpornographie. Als aufgeklärt gelten laut der Behörde davon 1.772 Fälle.

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MDR (ali/ben/tom)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz | 01. Februar 2023 | 17:30 Uhr