Ernährung Pizza und Dirtea: Wofür Influencer bei Kindern werben

TikTok, Youtube oder Instagram – klassisches Fernsehen spielt bei Kindern oder Jugendlichen kaum noch eine Rolle. Auch auf den Videoplattformen gibt es jede Menge Werbung: Für Pizza, Eistee und andere Kalorienbomben – präsentiert von den Vorbildern der Kleinen. Die Dimension ist enorm, die negativen Folgen laut Studien ebenfalls.

Junge beißt in Hamburger 27 min
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Isabelle Fabian steht mit ihren zwei Söhnen in der Küche. Vor ihnen liegt eine Tiefkühl-Pizza des erfolgreichen Rappers Capital Bra. "Eine Pizza hat 1166 Kilokalorien", liest die Mutter vor. Der 16-jährige Julius googelt mit dem Handy, wie hoch der Tagesbedarf für Jugendliche in seinem Alter ist: 1900 Kilokalorien. "Also wenn du eine Pizza isst, dann hast du schon den halben Tagesbedarf rein", sagt sie.

Anschließend wirft die Familie noch einen Blick auf "DirTea". Ein Eistee von der Influencerin Shirin David. Der Rapperin folgen allein auf Youtube fast drei Millionen Menschen. Eine Dose enthält 40 Gramm Zucker. Kinder sollen maximal 25 Gramm am Tag zu sich nehmen. "Dann dürfte man eigentlich nur die Hälfte am Tag trinken", folgert der 11-jährige Konstatin. Eigentlich trinke er drei Dosen.

Jedes fünfte Kind in Sachsen gefährlich dick

Rund 15 Prozent der drei- bis 17-Jährigen in Deutschland sind übergewichtig. Ostdeutschland ist besonders betroffen. In Sachsen etwa waren im vergangenen Schuljahr mehr als 20 Prozent der Sechstklässler gefährlich übergewichtig oder adipös – somit jedes fünfte Kind. Die WHO warnt seit Jahren vor einer "globalen Adipositas-Epidemie". Foodwatch macht für diese Entwicklung die Werbeindustrie verantwortlich.

"Unsere aktuelle Studie zeigt, 85 Prozent der Lebensmittel, die an Kinder vermarktet werden, sind zu zuckrig, zu fettig, zu salzig und erfüllen nicht die Kriterien der WHO", sagt Andreas Winkler von Foodwatch. Der Grund für den Fokus der Industrie auf ungesunde Produkte: "Mit Obst und Gemüse kann ein Lebensmittelhersteller sehr viel weniger Geld verdienen." Eis, Limo oder Süßigkeiten seien die profitablen Produkte.

Kinder sehen täglich 15 Spots für ungesunde Produkte

Im Schnitt sehen Kinder zwischen drei und 13 Jahren täglich 15 Spots für ungesunde Produkte. Das ist das Ergebnis einer Studie zu "Kindermarketing für ungesunde Lebensmittel in Internet und TV". Die hat Tobias Effertz von der Universität Hamburg Anfang dieses Jahres veröffentlicht. Gerade im Kindermarketing laufe viel über Emotionen, sagt er. Aus seiner Sicht laufe im Internet viel unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit, was Werbung sei. "Die Kinder übernehmen die Meinung des Influenzers. Der Influenzer wird zentral und sogar bedeutender als die eigenen Eltern. Kinder lernen, wie sie sich sozial verhalten und wie sie konsumieren über den Influenzer."

"Man fühlt sich halt cooler, wenn man den Capital-Bra-Tee hat", sagt Konstantin, der Sohn von Isabelle Fabian. Dieser Tee sei schneller ausverkauft als der normale. Beim normalen Eistee "steckt halt kein Rapper dahinter." Ein anderer prominenter Webvideoproduzent ist Jonas Ems. Julius ist einer der über 2,7 Millionen Follower seines Youtube-Kanals. Eines der veröffentlichten Videos ist über 100 Millionen Mal angeschaut worden.

Jonas Ems zu Eistee von Shirin David

"Ich sehe das nicht so dramatisch, wenn Shirin David einen Eistee rausbringt", sagt Jonas Ems im Interview mit MDR exactly. Das Getränk sei pauschal nicht so gesund, doch wenn ein Influencer es schaffe, einen Brand auf dem Markt zu etablieren, sei er nur zu beglückwünschen. Anders ausgedrückt: Das Ganze ist finanziell sehr lukrativ. "Aber ich denke, letztendlich kommt es immer auf das Produkt selber an." Eine Grenze seien für ihn schon Getränke, die viel Zucker enthielten.

Auch Jonas Ems hat schon Werbung für Süßes gemacht. Das habe als Marke damals gut in sein Konzept gepasst. "Doch wäre es etwas, was ich heute nicht mehr machen würde und rückwirkend nicht unbedingt ok finde, wenn man Leuten diese Art von Produkten als Influenzer empfiehlt", sagt er. Auf Nachfrage sagt er, dass Werbung für ungesunde Lebensmittel "nicht nur für junge Leute, sondern auch gern generell" beschränkt werden sollte.

Strengere Regeln bei Werbung für Kinder?

"Ein Viertel der krankhaft übergewichtigen Kinder wäre vermeidbar, wenn wir ein strengeres Regulierungssystem beim Kindermarketing hätten", sagt Tobias Effertz von der Uni Hamburg. Das hätten Simulationsstudien gezeigt. Er sagt: Werbung sollte ausschließlich auf Erwachsene beschränkt werden, denn Kinder könnte diese noch nicht richtig verstehen. Sie würden so falsche Konsumentscheidungen treffen, die später Folgen haben. "Die Kinder werden krank, es entstehen Kosten für die Gesellschaft." Derzeit liegen die Kosten für die Folgen von Adipositas und Übergewicht bei etwa 60 Milliarden Euro pro Jahr in Deutschland. Das werde künftig steigen.

Auch Foodwatch macht für diese Probleme die Werbeindustrie verantwortlich und fordert ebenso wie Ärzte und Gesundheitsverbände ein klares Kinderwerbeverbot für ungesunde Lebensmittel: Es "ist ja gar nicht das Problem, dass Kinder ab und zu Schokolade essen", sagt Andreas Winkler. Doch es gehe um aggressives und gezieltes Marketing für solche ungesunden Produkte. Es sollten nur Lebensmittel an Kinder vermarktet werden dürfen, die die Kriterien der WHO einhalten.

Foodwatch kritisiert Maßnahmen des Ministeriums

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft erklärt MDR exactly auf Nachfrage, dass man die Branche bereits zu Nachbesserungen aufgefordert habe. Zudem seien am 1. Juni 2021 weitere Verschärfungen in Kraft getreten, wie eine Anhebung der relevanten Altersgrenze auf 14 Jahre. Werbung für ungesunde Produkte würde jetzt kontext- und altersabhängig beschränkt und junge Nutzer von Social-Media-Plattformen stärker geschützt.

"Das sind noch nicht mal kosmetische Korrekturen", kritisiert Andreas Winkler von Foodwatch. Es brauche eine gesetzliche Einschränkung von Kindermarketing. "Diese Selbstverpflichtungen des Werberates, die sind völlig wirkungslos. Wir haben zwölf Beschwerden beim Werberat gegen Kindermarketing eingereicht. Allesamt wurden nicht beanstandet."

Isabelle Fabian zieht als Fazit ihrer Recherche, dass sie angesichts dieser "weichen Regularien", ihre Kinder selbst schützen und informieren muss, sowie in Sachen Medienkompetenz fit machen muss. "Die Influenzer scheinen einen enormen Einfluss auf die jungen Leute zu haben."

Quelle: MDR exactly/ mpö

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