Krieg und Psyche Trotz Krieg: "Die Welt ist besser, als wir denken"

Immer schlechte Nachrichten: Wie kommen wir mit der Flut an Schreckensmeldungen klar, ohne ignorant zu sein? Journalistin und Schriftstellerin Ronja von Wurmb-Seibel beschreibt in ihrem Buch "Wie wir die Welt sehen" den Einfluss negativer Nachrichten auf die Gedanken, die Gefühle und das Weltbild. MDR SACHSEN sprach mit der Journalistin über den Umgang mit Nachrichten, Hilflosigkeit und die Kraft guter Geschichten.

Ronja von Wurm-Seibl, Journalistin und Autorin des Buches "Wie wir die Welt sehen"
Wie man angesichts der Nachrichtenlage nicht die Hoffnung verliert, erklärt die Autorin Ronja von Wurmb-Seibel in ihrem Buch "Wie wir die Welt sehen. Was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien". Bildrechte: Niklas von Wurmb-Seibel

Frage: Frau von Wurmb-Seibel, es ist Krieg in Europa, Millionen Menschen flüchten. Die schlechten Nachrichten überschlagen sich. Wie kommen wir mit der Flut an Schreckensnachrichten klar?

Ronja von Wurmb-Seibel: Negative Nachrichten lösen bei uns ein Gefühl von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Angst aus. Das ist inzwischen breit erforscht. Sich diesen Zusammenhang bewusst zu machen, ist der Erste Schritt.

Ein zweiter Schritt wäre, sich seinen eigenen individuellen Nachrichtenkonsum bewusst zu machen und sich dabei selbst zu fragen, wie fühle ich mich dabei? Wenn ich das Gefühl habe, dass die Welt da draußen immer schlechter wird. Wenn ich merke, dass ich mich immer hilfloser fühle – dann kann das ein Signal dafür sein, dass ich mehr Nachrichten konsumiere, als mir gut tut.

Ein besorgtes Mädchen schaut auf ihr Smartphone.
Viele Menschen sehen und lesen dieser Tage wegen des Ukraine-Krieges fast unaufhörlich Nachrichten. Doch es hilft Niemandem, ständig die Meldungen zu aktualisieren, erklärt Autorin von Wurmb-Seibel im Gespräch. Bildrechte: imago images/Panthermedia

Doch der Krieg in der Ukraine ist Realität!

Absolut. Wenn wir Verwandte, Freunde und Bekannte in der Ukraine haben, sind wir auch viel stärker betroffen. Die meisten von uns, sind aber nicht direkt in den Krieg oder seine Folgen involviert. In diesem Fall müssen wir nicht unaufhörlich, pausenlos und 24 Stunden am Tag Nachrichten konsumieren. Wenn wir das Handy auch einmal auslassen, können wir besser unterscheiden von unserem eigenen Leben und dem Leben da draußen.

Wie viele Nachrichten empfehlen Sie?

Es gibt kein Pauschalrezept. Das Wichtige ist, dass Sie noch den Überblick behalten und trennen können: Was ist Ihr Leben und was die Weltnachrichtenlage? Inhaltlich kann ich empfehlen, auch immer wieder Nachrichten zu lesen, die Mut machen. Diese guten Nachrichten gibt es ja auch in der Kriegsberichterstattung. Berichte über große Hilfsaktionen, Ärzte, die sich engagieren, Hebammen, die weiter die Mütter betreuen, Sanitäter und Feuerwehrleute, die unerschütterlich und trotz großer Risiken ihren Dienst tun - das alles sind wahnsinnig positive Nachrichten.

Flüchtlinge kurz nach der Grenzüberquerung in Polen.
Das Deutsche Rote Kreuz engagiert sich wie viele andere Organisationen auch, um den Menschen im Krieg zu helfen. Das sind gute Nachrichten. Bildrechte: MDR/Cornelia Mauroner

Ist es nicht ignorant, über eigene Befindlichkeiten zu sinnieren, wenn Millionen Menschen flüchten müssen? Ist es jetzt 'erlaubt', an eigene Gefühle zu denken?

Na, klar ist das erlaubt. Es hat auch vor dem Angriff auf die Ukraine schon Kriege gegeben, und Menschen, die auf der Flucht sind, und es wird sie auch nach diesem Krieg immer noch geben. Niemandem ist geholfen, keinem einzigen Menschen in der Ukraine ist geholfen, wenn Sie die ganze Zeit zu Hause sitzen, traurig und frustriert Nachrichten schauen und darüber handlungsunfähig werden.

Natürlich ist es ein Privileg, dass wir nicht mit dem Krieg leben müssen und entscheiden können, wie viel wir uns damit beschäftigen. Aus diesem Privileg folgt eben auch eine Verantwortung, nämlich die, weniger Privilegierten zu unterstützen. Die Frage ist also wichtig: Wie kann ich selbst in dem Zustand bleiben, dass ich andere Menschen unterstützen kann.

Wieso beschäftigen Sie sich eigentlich mit schlechten Nachrichten?

Als Reporterin habe ich in Kabul in Afghanistan gelebt. Dort habe ich gemerkt, dass es mir auf Dauer nicht gut tut, wenn ich bei meinen Geschichten ausschließlich auf die Probleme schaue. Ich habe mich hilflos gefühlt und mich gefragt: Wie können wir es denn besser machen? Welche Lösungen gibt es für die jeweiligen Probleme? In der öffentlichen Debatte sprechen wir viel über Probleme und kaum über Lösungen. Wir verschenken Potenzial. Wir können als Gesellschaft mehr erreichen, wenn wir nicht nur die Probleme, sondern auch die Lösungen konsumieren.

Sie zitieren in Ihrem Buch auch wissenschaftliche Studien?

Die Forschung spricht in dem Zusammenhang von angelernter Hilflosigkeit. Das heißt, wir fühlen uns hilflos, obwohl wir es in Wirklichkeit gar nicht sind. Wenn vor allem über Probleme berichtet wird, und nicht auch darüber, wie wir sie lösen können, dann entsteht bei uns der Eindruck, dass Probleme dauerhafte Zustände sind, an denen wir nichts ändern können. Wir fühlen uns hilflos.

Diese Hilflosigkeit breitet sich aus bis in die beruflichen und privaten Bereiche. Doch die Welt ist besser, als wir denken. Studien zeigen: Wir sehen die Welt viel schlechter, als sie ist – unabhängig von unserem formalen Bildungsgrad, unserer Herkunft, unserer sozialen Schicht: Wir halten sie für viel gewaltvoller und viel gefährlicher als sie in der Realität ist.

Gute Nachrichten zu finden, ist aktuell nicht einfach!

Es geht nicht darum, dass es einfach ist, sondern machbar. Wir müssen und sollten in Richtung der Lösungen schauen. Im Krieg ist die Lösung theoretisch Frieden. Wie könnte also diese mögliche Lösung aussehen? Wie können wir zum Frieden kommen? Welche Möglichkeiten haben wir? Welche Verhandlungsspielräume gibt? Wie könnte ein Ausstieg aus dem Krieg aussehen und wie kommen wir zum Waffenstillstand? Darüber wird viel zu wenig berichtet. Wir sollten den Blick in Richtung Lösung wenden.

In Ihrem Buch schreiben Sie, das Leben bestünde aus Geschichten, die uns in allen Bereichen des Lebens prägen.

Richtig. Es geht nicht nur um Nachrichten, sondern um alle Geschichten im Leben. Die Geschichten, die wir mit unserer Familie teilen, unseren Freundinnen und Freunden, unseren Kolleginnen und Kollegen. Wir Menschen brauchen Geschichten. Wir brauchen sie, um unsere Erlebnisse als Erinnerungen abzuspeichern.

Unsere Erzählkultur ist relativ problemorientiert. Zum Beispiel Smalltalk: Viele Gespräche beginnen wir mit negativem, meist total belanglosem Zeug. Ich habe den Zug verpasst, ich habe im Stau gestanden, ich habe gerade furchtbaren Stress – alle diese Sätze dürften viele von uns kennen. Studien zeigen, dass es ganz schwer ist, Gespräche, die wir negativ beginnen, noch einmal in eine andere Richtung zu drehen. Deshalb finde ich die Frage so spannend: Wie können wir den Negativ-Filter ausbauen?

Das klingt nach Arbeit. Wie lange hat der Prozess bei Ihnen gedauert?

Das ist auf jeden Fall ein längerer Prozess und ich weiß auch nicht, ob der jemals abgeschlossen sein wird. Ich habe 2012 angefangen umzudenken, als ich das erste Mal in Kabul war und ich habe eine Menge verändert bis heute. Aber natürlich gibt es auch bei mir Tage, an denen ich denke: Jetzt ist es wirklich schlimm, die Welt war noch nie so schlecht wie jetzt.

Das letzte Mal war das bei mir im Herbst der Fall, als die Taliban die Regierung gestürzt haben und so viele Menschen, die ich kenne und liebe, plötzlich in dieser Situation feststeckten. Damals war ich wirklich verzweifelt. Und gerade dann hat es mir geholfen, mich zu fragen: Okay, was kannst du jetzt tun, um diese Situation, wenigstens ein bisschen zu verändern? Es geht darum, handlungsfähig zu werden. 

Eine Rolle in Ihrem Bewusstseinsprozess spielt auch Ihre Oma?

Meine Oma ist 91 Jahre alt geworden und lebte die meiste Zeit ihres Lebens in der Kleinstadt Haltern nahe Münster. Immer, wenn wir als Kinder zu ihr fuhren, erzählte sie uns die Neuigkeiten. Jemand war ausgeraubt worden, an Krebs erkrankt, hatte eine Fehlgeburt, seinen Job verloren, war süchtig geworden oder viel zu früh verstorben.

Irgendwann hatte ich den Eindruck: 'Diese armen Menschen in Haltern, sie müssen es schrecklich haben.' Das war natürlich nicht so. Meine Oma hat uns eben nur die Geschichten, erzählt, die sie für berichtenswert hielt. Und die waren: schlecht. Etwas zugespitzt könnten wir sagen: So ähnlich funktionieren Nachrichten auch.

Ronja von Wurmb-Seibel Die 1986 geborene Politikwissenschaftlerin aus München zog 2013 als damals einzige deutsche Journalistin nach Kabul.
Von dort schrieb Sie für "Die Zeit" unter anderem die Kolumne "Ortszeit Kabul" sowie Reportagen für diverse Magazine.

Zusammen mit ihrem Partner Niklas Schenck produzierte sie Dokumentationen über Afghanistan. Ronja von Wurmb-Seibel kehrte 2014 nach Deutschland zurück. Anfang 2022 - vor Beginn des Krieges - erschien ihr Buch "Wie wir die Welt sehen". Derzeit tourt die Autorin durchs Land. Am 13. April wird sie im Deutschen Hygienemuseum Dresden sein.

MDR (kt)

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