Krieg in der Ukraine Tollwut, Tränen, Trennung: Ukrainische Haustiere bringen Sachsens Tierheime an Grenzen

Zahlreiche Geflüchtete aus der Ukraine, die nach Sachsen kommen, haben ihre Haustiere dabei. Allerdings dürfen sie nicht mit in die Flüchtlingsunterkunft. Einige Tierheime waren in den letzten Wochen bereits bis zum Anschlag voll. Während die Situation mancherorts noch schwierig ist, gibt es auch Einrichtungen, wo sich die Lage langsam entspannt. Sorge bereitet manchem Experten, ob die Tollwutquarantäne korrekt eingehalten wird. Denn viele Tiere sind nicht dagegen gimpft.

Ein Hund sitzt im Ankunftszentrum in seinem Käfig, in einem Container für Haustiere.
Auf der Flucht ließen Geflüchtete ihr Hab und Gut sowie ihre Heimat zurück - retteten aber das geliebte Tier. Davon wollen sie sich in Deutschland nun nicht mehr trennen. Bildrechte: dpa

Die Tiernothilfe Leipzig schlägt Alarm. Weil Geflüchtete aus der Ukraine ihre Tiere nicht mit in die Flüchtlingsunterkunft nehmen dürfen, hat der Verein gegenwärtig alle Hände voll zu tun. "Die Tierheime sind überlastet, so dass die Veterinärämter nicht mehr wissen, wohin sie die Tiere verteilen sollen. An dieser Stelle sind wir ins Spiel gekommen. Allerdings gelangen wir auch so langsam an unsere Grenzen", sagt die Vorsitzende der Tiernothilfe Leipzig, Katrin Thiemicke. Man finanziere bereits 50 Tiere, die privat untergebracht seien. Diese Pflegestellen, wo die Tiere auch die vorgeschriebene 21-tägige Tollwut-Quarantäne absolvierten, gebe es aber nicht unendlich.

Geflüchtete lieber obdachlos, statt ohne Haustier

"Als kleiner Verein können wir nicht 1.000 Pflegestellen suchen und dort die Impfungen und das Futter bezahlen", gibt die Vereinschefin zu bedenken. Gleichzeitig bricht es ihr das Herz, wenn sie mitbekommt, wo manche Geflüchtete landen, wenn sie keinen Platz für ihr Tier finden. "Zum Teil sind diese Menschen obdachlos und schlafen im Park, weil sie sich nicht von ihrem Tier trennen wollen", sagt Thiemicke. Sie wünscht sich, dass die Behörden eine Lösung finden, damit Mensch und Tier gemeinsam untergebracht werden können.

Als kleiner Verein können wir nicht 1.000 Pflegestellen suchen und dort die Impfungen und das Futter bezahlen.

Katrin Thiemicke Tiernothilfe Leipzig

Tierheim Eilenburg ab der zweiten Kriegswoche voll

Ähnlich sieht das auch die Leiterin des Tierheims in Eilenburg, Annett Albrecht. "Ich habe viele Tränen fließen sehen. Die Menschen aus der Ukraine sehen die Tiere als Familienmitglieder und wollen sie bei sich haben." Vor allem ab der zweiten Woche des Krieges seien die Plätze in dem Tierheim schnell belegt gewesen. "Normalerweise lassen wir sonst Platz für Fundtiere. Das war nun nicht mehr möglich." Man habe zwischenzeitlich zehn Hunde und acht Katzen aufgenommen. Auch Papageien seien dabei gewesen, so Albrecht, die die Kosten für die zusätzlichen Tiere aus dem bestehenden Etat stemmen muss.

Behörden wollen Kosten für Tiere nicht übernehmen

"Die Behörden haben gleich gesagt, dass sie die Kosten nicht übernehmen. Wir haben uns dann dazu entschieden, dass wir es trotzdem machen, weil wir es nicht an den Kosten scheitern lassen wollten", sagt die Tierheimleiterin, die unter anderem den Tierarzt, die Impfungen und das Futter bezahlen muss. Nachdem das Tierheim zunächst gut gefüllt war, entspanne sich die Situation momentan ein wenig, so Albrecht.

Die Behörden haben gleich gesagt, dass sie die Kosten nicht übernehmen. Wir haben uns dann dazu entschieden, dass wir es trotzdem machen, weil wir es nicht an den Kosten scheitern lassen wollten.

Annett Albrecht Leiterin des Eilenburger Tierheims

Im Tierheim in Dresden werden laut Stadt derzeit mehr Tiere von ukrainischen Geflüchteten abgeholt als neu aufgenommen. Dennoch habe es auch in der Landeshauptstadt kurz nach dem Kriegsausbruch zunächst eine deutliche Zunahme von Tieren Geflüchteter gegeben, hieß es. Aktuell sind nach Angaben der Stadtverwaltung im Dresdner Tierheim zehn Hunde und sieben Katzen von Geflüchteten untergebracht.

Tierheim Leipzig: Plötzlich kamen keine Tiere mehr

Auf Entspannung stehen die Zeichen auch im Tierheim Leipzig. Im Vergleich zur privaten Initiative "Tiernothilfe Leipzig" handelt es sich dabei um den offiziellen Anlaufpunkt für die Unterbringung von Haustieren in der Messestadt. "Vor zwei Wochen waren unsere Aufnahmekapazitäten erschöpft. Und dann war plötzlich Schluss. Seitdem kommen gar keine Tiere von Flüchtlingen mehr zu uns. Ich weiß nicht, wo sie sind", sagt der Chef des Leipziger Tierheims, Michael Sperlich.

Ludmilla aus Kiew holt ihren Kater Simba auf dem Leipziger Hauptbahnhof aus seiner Transportkiste.
Ludmilla aus Kiew holt ihren Kater Simba auf dem Leipziger Hauptbahnhof aus seiner Transportkiste. Bildrechte: dpa

Vor zwei Wochen waren unsere Aufnahmekapazitäten erschöpft. Und dann war plötzlich Schluss. Seitdem kommen gar keine Tiere von Flüchtlingen mehr zu uns. Ich weiß nicht, wo sie sind.

Michael Sperlich Tierheim Leipzig

Zuvor habe es eine Auseinandersetzung über Zuständigkeiten geben. "Die Veterinärämter der kreisfreien Städte und der Landkreise fühlten sich nicht für die Tiere und deren Verteilung zuständig. Alle haben ans Sozialministerium in Dresden verwiesen." Er habe dort nachgefragt und zudem eine bessere Verteilung der Tiere vorgeschlagen, indem ein Netzwerk der Tierheime genutzt werden könnte. "Obwohl ich dem Landesbeirat Tierschutz des Ministeriums angehöre, habe ich bisher keine Antwort erhalten", so Sperlich.

Auf Anfrage von MDR SACHSEN äußert sich das Ministerium ebenfalls nicht zu der Verteilung der Tiere, verweist aber auf klare Anweisungen für die Veterinärämter der Landkreise und kreisfreien Städte. Demnach sollen die von den Geflüchteten mitgebrachten Heimtiere von einem Tierarzt untersucht werden, um den Gesundheitsstatus des Tieres hinsichtlich Tollwut zu bestimmen und gegebenenfalls entsprechende Maßnahmen einzuleiten zu können.

Tollwutquarantäne wird nicht immer eingehalten

Das Tierheim in Leipzig hat nach eigenen Angaben bis Mitte dieser Woche 29 Hunde, 19 Katzen und zwei Meerschweine von Geflüchteten in Obhut genommen. "Wir haben pro Hund 100 Euro Impfkosten sowie 15 Euro Futterkosten pro Tag. Es ist unklar, wer das bezahlt. Aber wir werden daran nicht pleitegehen. Den Menschen muss geholfen werden", sagt der Tierheim-Chef, den aktuell vor allem eine andere Entwicklung besorgt: "Die Ukraine ist Tollwut-Risikogebiet. Deshalb ist die Quarantäne von 21 Tagen sehr wichtig. Dennoch werden manche Tiere nach wenigen Tagen wieder abgeholt, weil die Menschen weiterziehen. Das ist schlecht, da Tollwut für Kontaktpersonen nach wie vor tödlich ist", gibt Sperlich zu bedenken.

Auch von den privat organisierten Quarantäneplätzen der Tiernothilfe Leipzig hält er nicht viel: "So wie ich die entsprechende Verordnung der Landesdirektion lese, ist die Quarantäne in Privatquartieren nicht zulässig." Dennoch fände auch er es besser, wenn Mensch und Tier nicht voneinander getrennt würden. "Die Stadt Leipzig versucht derzeit eine Lösung zu finden, wo die Flüchtlinge gemeinsam mit ihren Tieren in einem Gebäude untergebracht werden", weiß Sperlich zu berichten.

Landesdirektion sucht nach Lösung für Haustiere

Gleiche Bestrebungen gibt es bei der Landesdirektion. Auf Anfrage von MDR SACHSEN teilt diese mit, dass sich aus Gründen der Sicherheit und Hygiene zwar nichts am Haustierverbot in den Gemeinschaftsunterkünften ändern werde. Dennoch suche man nach Alternativen, um die Haustiere in der Nähe ihrer Besitzer unterzubringen, hieß es. Konkrete Vorstellungen nannte die Behörde nicht.

Druck macht in dieser Hinsicht auch der Deutsche Tierschutzbund. In einem sieben Punkte umfassenden Forderungskatalog ist die gemeinsame Unterbringung von Mensch und Tier der erste Punkt. Dies solle sofort ermöglicht werden, wenn der Gesundheitszustand des Tieres überprüft worden sei, hieß es. Auch eine Erlaubnis der vorgeschriebenen Tollwutquarantäne in Privathaushalten hat für den Verband oberste Priorität.

In Sachsen scheint in dieser Hinsicht schon Bewegung in die Sache gekommen zu sein. Wie das Sozialministerium mitteilte, gibt es seit Kurzem neue Erkenntnisse des Friedrich-Löffler-Instituts zur Tollwutgefahr von Tieren aus der Ukraine. Diese führten dazu, dass auf die 21-tägige Quarantäne verzichtet werden könne.

Das Institut schätzt beispielsweise das Tollwut-Risiko bei ungeimpften Hunden als extrem niedrig ein. Aufgrund dieser Erkenntnisse sei die Umsetzung in Sachsen angepasst worden. Auch die Unterbringung in Privathaushalten sei daher ohne Wartezeit sofort möglich, hieß es.

MDR (sth)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 29. März 2022 | 16:00 Uhr

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