Krieg in der Ukraine Sachsen erwartet tausende Flüchtlinge

Etwa 1,7 Millionen Menschen flüchten nach UN-Angaben seit Kriegsbeginn aus der Ukraine. Allein in der Nacht zum Montag sind etwa 500 Geflüchtete in der Erstaufnahmeeinrichtung Leipzig gelandet. Damit sind jetzt offiziell 1.422 Geflüchtete aus der Ukraine in der Erstaufnahmeeinrichtung in Sachsen. Innenminister Roland Wöller schätzt die Zahlen weitaus höher, rechnet mit tausenden weiteren Flüchtlingen und will die Kapazitäten ausbauen.

Am Mittwochvormittag haben Bundespolizisten im Bahnhof Görlitz 20 Ukrainer, darunter Frauen und Kinder, in Empfang genommen.
Bundespolizisten haben am Mittwoch im Bahnhof Görlitz Flüchtlinge aus der Ukraine - darunter viele Frauen und Kinder - in Empfang genommen. Bildrechte: dpa

Knapp 1.500 Menschen aus der Ukraine sind aktuell in Erstaufnahmeeinrichtungen in Sachsen angekommen. Darüber informierte Innenminister Roland Wöller (CDU) auf einer Pressekonferenz. Allein in der Nacht zum Montag seien sechs Busse mit etwa fünfhundert ukrainischen Geflüchteten in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Leipzig gelandet. "Dabei handelt es sich ausschließlich um Frauen, Kinder und ältere Menschen ab 60 Jahren. Sie sind alle in einem sehr traumatisierten Zustand", erklärte Wöller. Vier Busse mit Geflüchteten habe Sachsen aus Berlin übernommen.

Wöller: Zahl der Flüchtlinge in Sachsen weitaus höher als Behördenangaben

Dem Innenminister zufolge würde die Zahl der Geflüchteten jedoch weitaus höher geschätzt. "Viele Ukrainerinnen und Ukrainer übernachten bei privaten Kontakten und werden schon jetzt durch Aktionen einzelner Kommunen direkt betreut." Sachsen müsse mit einem weiteren und womöglich lang andauernden Zulauf von Flüchtlingen rechnen. Derzeit stünden noch 550 Plätze zur Verfügung, diese könnten aber schnell aufgebraucht sein. "Wir erschließen weitere Kapazitäten", sagte Wöller. Unter anderem sollen winterharte Zelte in der zentralen Aufnahmeeinrichtung in Leipzig-Mockau aufgestellt werden. Sie befinden sich bereits im Aufbau.

Die Lage in der Ukraine kann man nur als dramatisch bezeichnen. Wir müssen damit rechnen, dass sich der Krieg brutalisiert.

Roland Wöller (CDU) Innenminister Sachsen

Geflüchtete sollen schnell an Kommunen verteilt werden

Regina Kraushaar, Sozialpädagogin und Präsidentin der zuständigen Landesdirektion Sachsen, erklärte: "Das Ziel ist es, die Geflüchteten so schnell wie möglich an die Kommunen zu verteilen." Dies solle noch in dieser Woche beginnen. Die vom Freistaat Sachsen aufgelegte Hilfeplattform, bei der sich Privatpersonen und Institutionen für Übernachtungen oder Unterstützungsleistungen wie Übersetzungen anbieten können, spiele dabei eine wichtige Rolle. "Je mehr Angebote wir hier haben, desto mehr Hilfe können wir an die Kommunen vermitteln", sagte Kraushaar.

Regina Kraushaar, Präsidentin Landesdirektion Sachsen
Regina Kraushaar: "Viele Flüchtlinge sind traumatisiert." Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Am besten wäre, die Frauen, Kinder und älteren Menschen müssten in ihrem traumatisierten Zustand nicht erst noch den Zwischenstopp in der Erstaufnahmeeinrichtung einlegen, sondern könnten direkt in einer Unterkunft ankommen und sich nach dem Schock der Reise erst einmal erholen.

Regina Kraushaar Präsidentin Landesdirektion Sachsen

Kraushaar zeigte sich zuversichtlich: "Das ist ein Lichtblick, bisher haben wir eine enorme Hilfsbereitschaft erfahren", sagte sie. Seit Freitag seien schon knapp 1.000 Hilfsangebote auf der Plattform eingegangen.

Viele Geflüchtete traumatisiert

Laut Kraushaar sind viele Geflüchtete "durch die Ereignisse und auch die Dichtheit der Geschehnisse in nur wenigen Tagen gezeichnet." Den Berichten zufolge habe es "viel kriegerische Handlung" auch noch auf der Flucht gegeben, einige Flüchtlingsbusse seien sogar beschossen worden.

Das ist kein Sprint, das ist ein Marathon. Der Zustrom an Geflüchteten wird nicht anhalten und sich weiter verstärken.

Regina Kraushaar Präsidentin Landesdirektion Sachsen

Kraushaar bedankte sich bei den Wohlfahrtsverbänden. "Wir sind sehr froh, dass unsere Wohlfahrtsverbände so gut aufgestellt und professionell sind", sagte Kraushaar. "Wir kriegen das hin."

Rechtsgrundlage für Aufenthalt und Arbeit für Ukraine-Flüchtlinge

Anders als in der Flüchtlingskrise 2015 bekommen die Geflüchteten aus der Ukraine sofort einen Aufenthaltsstatus. Am vergangenen Freitag haben sich die EU-Minister darauf geeinigt, die "Massenzustrom-Richtlinie" zu aktivieren. Diese gewährt ukrainischen Staatsangehörigen, Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen aus der Ukraine einen vorübergehenden Schutz.

Das heißt konkret: Geflüchtete aus der Ukraine bekommen sofort einen Aufenthaltsstatus, eine medizinische Versorgung und dürfen arbeiten. Sie müssen nicht wie im regulären Asylverfahren eine bestimmte Dauer in der Erstaufnahmeeinrichtung verweilen. Sie bekommen alle Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG).

Ausländerbehörde als kommunale Anlaufstelle für Ukraine-Flüchtlinge

Laut Kraushaar könnten sich die Geflüchteten in der jeweiligen Ausländerbehörde der Kommune, in der sie eine Unterkunft haben, registrieren lassen. Dafür müssten sie sich jedoch noch ein paar Tage gedulden. "Wir warten auf die technischen Verfahren des Bundes", sagte Kraushaar. Nach der Registrierung bekämen sie sofort den Aufenthaltsstatus. Medizinische Hilfe würde jedoch auch vor dem amtlichen Status niemandem verwehrt.

Die meisten wollen nicht bleiben, sondern so schnell wie möglich wieder zurück.

Regina Kraushaar Präsidentin Landesdirektion Sachsen

Medizinische Untersuchungen und Impfungen möglich

Innenminister Wöller erklärte dazu: "Ich bin froh, dass die EU den rechtlichen Status der Ukraine-Flüchtlinge am vergangenen Freitag geregelt hat. Damit haben wir eine klare Rechtsgrundlage, dass wir einen Aufenthaltsstatus außerhalb des Asylverfahrens anbieten können." Kraushaar zufolge erhielten alle Geflüchteten eine medizinische Untersuchung sowie bei Bedarf Impfungen gegen Masern, Tuberkulose und Corona.

Besonderheit: Menschen kommen mit Haustieren

Zudem würden viele Geflüchtete mit Haustieren anreisen. "Das stellt uns vor völlig neue Herausforderungen, das hatten wir vorher so noch nie", sagte Kraushaar. "Doch wir können den traumatisierten Geflüchteten nicht ihre Tiere verwehren."

MDR (kt)/PK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sachsenspiegel | 07. März 2022 | 19:00 Uhr

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