Teilhabe im Landkreis Bautzen Für ein selbstbestimmtes Leben mit Behinderung - auch im Lockdown

Im Corona-Jahr 2020 haben sich 383 Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten an die EUTB-Beratungsstellen im Landkreis Bautzen gewandt. Gerade im Lockdown gibt es für Behinderte zusätzliche Hürden und gleichzeitig ist ihnen wegen der Infektionsgefahr der Kontakt zu professionellen Beratern nur indirekt möglich.

Leila Kölbl steht am Briefkasten der Beratungsstelle in Kamenz.
Was vorher im persönlichen Gespräch in der Kamenzer Beratungsstelle geklärt wurde, wird im Lockdown über Telefonate, Mails, per Videochat und Briefkasteneinwurf gehändelt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Wer blind ist, kann schwer Abstand halten. Auch Orientierungshilfen auf dem Boden - wie Pfeile und Wartekreuze - existieren nicht. Und bei den Plexiglasscheiben an den Supermarktkassen die Lücke für den Geldteller zu finden, wird zur Herausforderung. Menschen mit Behinderungen haben es jetzt, wo vieles anders ist, nicht leicht. Das weiß Jana Schlegel von der EUTB-Beratungsstelle für Behinderte und chronisch Kranke aus eigener Erfahrung. Manches, was sich ändert, bekomme sie erst später mit. Wie, als sie zum Beispiel als dritter Kunde mit ihrem Blindenführhund in der Apotheke stand und ihr gesagt wurde, dass nur zwei Personen auf einmal hinein dürften und noch draußen Leute warteten. "Das sind so blöde Situationen, die jetzt durch Corona entstehen", sagt die 41-Jährige.

Selbstbestimmtes Leben ermöglichen

Ein Mann, der im Auto sitzt und seinen Rollstuhl faltet
Das Bundesteilhabegesetz sieht für Menschen mit Behinderungen Verbesserungen vor, um ihnen mehr Lebensqualität zu ermöglichen. Bildrechte: imago images / Panthermedia

Seit 2018 gibt es in Sachsen EUTB-Beratungsstellen, wo Menschen mit einer Behinderung professionelle Unterstützung für ein möglichst selbstbestimmtes Leben finden. Entstanden ist dieses Angebot aus dem Bundesteilhabegesetz heraus. Der Verein "Lebendiger leben!" ist für insgesamt zehn Büros im Landkreis Bautzen und in Mittelsachsen verantwortlich. EUTB-Beratungsstellen im Landkreis Bautzen gibt es in Hoyerswerda, Königsbrück, Bischofswerda, Radeberg, Kleinwachau und Kamenz. Weil das Teilhabegesetz noch jung ist, befinden sich auch die Netzwerke noch im Aufbau. So ist die Anlaufstelle in der Bautzner Straße 29 in Kamenz vor anderthalb Jahren eröffnet worden.

Nun hat die Corona-Pandemie die Situation erschwert. Im Moment arbeiten die Beraterinnen im Homeoffice. Was vorher im persönlichen Gespräch geklärt wurde, muss man jetzt über Telefonate, Mails, per Videochat und Briefkasteneinwurf händeln. "Wir versuchen auf allen Kanälen Möglichkeiten zu finden, damit die Teilhabe am Leben verbessert wird und die Selbstbestimmung der Menschen im Vordergrund stehen kann", sagt Leila Kölbl von der Beratungsstelle in Kamenz.

Probleme mit Maskenpflicht und Homeschooling

Es ist ein weites Feld: "Die Ratsuchenden äußern die verschiedensten Einschränkungen", sagt Kölbl. Häufig gebe es Schwierigkeiten mit der Maskenpflicht oder auch Probleme mit dem Homeschooling. Gerade Kinder mit Behinderungen hätten einen ganz anderen Förderungsbedarf, wo die Eltern an ihre Grenzen kämen. "Wir erleben aber auch, dass therapeutische Maßnahmen heruntergefahren worden sind", berichtet die 32-Jährige.

Pflegebegutachtung per Telefon

Auch die Pflegebegutachtung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) ist ein Thema. Denn diese findet wegen der Pandemie-Situation nicht mehr bei dem Betroffenen zu Hause statt, sondern es wird am Telefon ein Fragenkatalog abgearbeitet. "Das ist eine Barriere für viele Menschen mit Behinderung. Wir erleben, dass die Betroffenen sich am Telefon nicht so ausdrücken können und ihre Einschränkungen so artikulieren können, dass es gut verstanden wird", so Kölbl.

Viele Hürden und Barrieren entstehen im Lockdown. Die Frustration erhöht sich und der Hilfebedarf ebenfalls.

Leila Kölbl EUTB-Beratungsstelle in Kamenz

Im vergangenen Jahr haben 383 Menschen die EUTB-Beratungsstellen im Landkreis Bautzen aufgesucht. Fast tausend Gespräche haben die Mitarbeiterinnen geführt. Jetzt während des zweiten Lockdowns steige die Frustration bei den Ratsuchenden und der Hilfebedarf, beobachtet Kölbl. Gleichzeitig sind jedoch die Beratungsstellen für den persönlichen Kontakt geschlossen. Man sei aber trotzdem erreichbar, damit gerade in Corona-Zeiten Menschen mit Behinderungen nicht alleine gelassen werden, betont die junge Frau.

Bundesteilhabegesetz *Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) ist ein umfassendes Gesetzespaket, das für Menschen mit Behinderungen Verbesserungen vorsieht, um "volle, wirksame und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft" zu ermöglichen.
* Es tritt in vier Stufen in Kraft, beginnend mit dem 30. Dezember 2016 bis zum 1. Januar 2023.
* Dem Gesetz zugrunde liegt die UN-Behindertenrechtskonvention, die Menschen mit Behinderungen als gleichberechtigt betrachtet.
*Unter anderem wurden deutschlandweit EUTB-Beratungsstellen eingerichtet. EUTB steht für die ergänzende unabhängige Teilhabeberatung.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 23.01.2021 | ab 05:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

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