Überlastung im Beruf Immer mehr Lehrer in Teilzeit: Lehrergewerkschaft sieht Handlungsbedarf

Rund jede dritte Lehrkraft in Sachsen arbeitet aktuell nur in Teilzeit. Während das Landesschulamt darauf setzt, dass junge Lehrer voll einsteigen, fordern Gewerkschafter ein Personalentwicklungskonzept.

Schüler einer fünften Klasse nehmen am Unterricht teil
Laut der Gewerkschaft Erziehung und Bildung ist der gestiegene Arbeitsaufwand einer Lehrkraft der Grund für die Zunahme der Teilzeitstellen. Bildrechte: dpa

Der Blick in die Statistik zeigt: Rund jeder dritte Lehrer in Sachsen – das sind etwas mehr als 10.000 Pädagogen – arbeitet in Teilzeit. Meist acht bis zehn Stunden weniger im Vergleich zu einer 40-Stunden-Woche. Auf Teilzeit gebe es einen Rechtanspruch, erklärt Roman Schulz vom Landesschulamt Sachsen: "Das ist juristisch so ausgehandelt und da wollen wir nicht mehr dran rütteln."

Junge Lehrkräfte mit hohem Arbeitsvermögen binden

Es seien vor allem zwei Gruppen, die von der Möglichkeit Gebrauch machten: Lehrkräfte mit Kindern unter 18 Jahren sowie Beschäftigte, die Angehörige pflegen müssen. Daher sei wichtig, "dass wir eher bei jungen Leuten, die in den Schulalltag einsteigen, darauf Wert legen, sie mit einem hohen Arbeitsvermögen zu binden." In der Gesellschaft gebe es die Diskussion um die Work-Life-Balance – da versuche man mit Argumenten zu überzeugen, dass junge Leute voll einstiegen. "Das passiert in Gesprächen, das muss im Einvernehmen geschehen", erklärt Schulz.

Hinzu komme, dass auch andere Bundesländer um Lehrkräfte werben: "Wir haben eine gewisse Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt." Junge Leute seien flexibel, deshalb müsse man Gespräche immer als Einzelfall führen und keine pauschalen Regelungen in Beton meißeln, die unflexibel seien.

GEW: Grund ist Zunahme des Arbeitsaufwandes

Aus Sicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nutzen viele Lehrkräfte auch deshalb ihr Recht auf Teilzeit, weil der Arbeitsaufwand in den letzten Jahren enorm zugenommen hat. Das sei auch in Studien belegt, sagt Jens Risse, der stellvertretende GEW-Landesvorsitzende von Sachsen: "Es gibt ernsthafte Arbeitszeitstudien, die das Ergebnis haben, dass zum Beispiel Lehrer an Gymnasien eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von über 49,5 Stunden haben. Das heißt, viele Lehrkräfte – egal welchen Alters und welchen Geschlechts – fliehen vor Überbelastung im Beruf in die Teilzeit."

In den letzten 30 bis 40 Jahren habe sich das Aufgabengebiet einer Lehrkraft sehr stark verändert. Man sei heute auch "Sozialarbeiter, Therapeut, Berater, Mutti für alles", sagt Risse. Statistische Untersuchungen haben laut GEW inzwischen herausgefunden, dass über ein Drittel der Arbeit eines Lehrers nichts mehr mit Unterricht oder unterrichtsnaher Arbeit zu tun habe.

Fehlendes Personalentwicklungskonzept

Dass die Überlastung so groß sei, liege vor allem an politischen Versäumnissen, sagt Gewerkschafter Risse: "Wir haben zum Beispiel 2016 einen Appell 'Schule in Not' gemacht und haben auf die Überbelastung der Lehrkräfte hingewiesen. Es fehlt beispielsweise in Sachsen nach wie vor ein belastbares, ernstzunehmendes Personalentwicklungskonzept für die Lehrer. Das ist dringend notwendig. Wir wissen ja, wie viele Schüler perspektivisch ins System kommen, wir brauchen für die Lehrkräfte und ihre Arbeit eine Perspektive."

Am kommenden Montag hat die GEW zu einer Arbeitszeitkonferenz nach Dresden geladen. Dann soll gemeinsam mit politisch Verantwortlichen nach Perspektiven gesucht werden, damit die Belastung für Lehrer geringer wird.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Mai 2022 | 06:00 Uhr

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