Inflation Armut: Warum Menschen in Leipzig ins Pfandleihhaus gehen

Bei vielen Menschen reicht das Geld nicht mehr. Im schlimmsten Fall nicht einmal mehr für Lebensmittel. Um dennoch etwas zu essen kaufen zu können, geben sie Smartphone, Laptop oder Bohrmaschine ins Pfandleihhaus. Das gibt direkt Geld, doch die Gebühren dafür sind hoch. Dennoch gehen etwa in Leipzig immer mehr Menschen dorthin.

Viktor Schönrock ist seit dem Verlust seines Jobs auf das Geld aus dem Pfandhaus angewiesen.
Viktor Schönrock ist seit dem Verlust seines Jobs auf das Geld aus dem Pfandhaus angewiesen. Dennoch lässt er sich davon nicht unterkriegen - wichtig sei vor allem die Familie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In knallroten Buchstaben prangt am Schaufenster: "Bargeld sofort!". Dazu hält eine Hand jede Menge Scheine in der Hand – Fünfziger, Hunderter und Fünfhunderter. Hinter den komplett zugeklebten Scheiben ist das Pfandleihhaus Schauer in Leipzig. Dorthin geht, wer ganz dringend Geld braucht. Es werden immer mehr Menschen, manche sind gehen nun zum ersten Mal dorthin.

Bei Mirko ist Ende Oktober das Geld knapp geworden – ein Umzug hat viel davon verbraucht. Der 33-Jährige zieht einen grauen, zwei Jahre alten Laptop aus dem Rucksack und reicht ihn Michael Söllner. "Weil er in relativ gutem Zustand ist, kann ich 70 Euro anbieten", sagt der Mitarbeiter des Pfandleihhauses. Neu kostet der Rechner derzeit 230 Euro. Bezahlt hat Mirko einst 250.

Er hatte sich deshalb wesentlich mehr erhofft. Doch auch die angebotenen 70 Euro braucht Mirko jetzt: "Zum Einkaufen." Auch wenn die Beleihung ein merkwürdiges Gefühl in ihm auslöse, den Kredit vom Pfandleiher bekomme er schneller als das nächste Monatsgehalt. "Nächsten Monat habe ich ja wieder Geld", sagt er. In einer Woche will er sich den Computer zurückholen.

Pfandleihe: Das letzte Mittel um an Geld zu kommen

Michael Söllner arbeitet im Pfandleihhaus Schauer in Leipzig.
Michael Söllner arbeitet im Pfandleihhaus Schauer in Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mirko ist nicht der einzige, für den am Monatsende das Pfandleihhaus das letzte Mittel ist, um an Geld zu kommen. "Es gibt Leute, da ist es am Monatsende so eng mit Geld, dass sie sich tatsächlich nichts mehr zu essen kaufen können", sagt Michael Söllner. Diese Menschen würden auch Sachen für 20 Euro beleihen. "Das gibt's auch. Und in letzter Zeit vermehrt." Laut Michael Söllner stieg in den letzten drei Monaten die Zahl seiner Kunden um 40 Prozent.

"Ich denke mal wegen gestiegener Benzin-, Heiz- oder sonstiger -Kosten", sagt Michael Söllner, während er an seinem Schreibtisch sitzt. Der Laden hat schlichte weiße Wände. Das Geschäft wird von Kameras überwacht, besonders wertvolle Gegenstände lagert er im Tresor, wie Eheringe oder Goldketten. In einem Nebenraum stehen Regale mit Bohrmaschinen und Fotoapparaten sowie Fahrräder.

Arbeitslos und dann Stammkunde in der Pfandleihe

Das Pfandhaus hat etwa 150 Stammkunden. Viktor Schönrock ist einer von ihnen und war in den letzten Wochen mehrfach dort, um Gegenstände zu beleihen und wieder auszulösen. Der Familienvater hat vor fünf Monaten seinen Job als Instandhaltungsleiter bei einem Lebensmittelkonzern verloren. Erst seit einigen Wochen bezieht er Arbeitslosengeld. Davor musste er sein gesamtes Erspartes aufbrauchen. "Natürlich ist Arbeitslosigkeit und die gestiegenen Energiekosten und so weiter, ist etwas, was momentan mir sehr zu schaffen macht." Hinzu komme, dass er in Russland geboren ist. "Es ist ein bisschen zwiespältig. Denn meine Landsleute sind in dieser Krise ja nicht ganz untätig." Auch das schlage ihm auf den Magen.  

Mutter Nicole (links) guckt ihrem Sohn Sascha zu, wie Dinge einpackt, die an andere verkauft werden sollen.
Sascha packt Spielsachen von sich in Kisten, damit sie verkauft werden können – doch dabei sieht er eher die positiven Dinge. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aufgrund der finanziellen Not ist Victor Schönrock mit seiner Frau und den beiden Kindern vor zwei Monaten in eine kleinere Wohnung gezogen. Dort könnten sie sich die Miete noch leisten. Wegen einer chronischen Krankheit kann Nicole nicht arbeiten gehen. Aber auch sie versucht irgendwie, Geld für ihre Familie aufzutreiben. So verkauft sie etwa Sachen über das Internet, die die Familie nicht mehr unbedingt braucht. Auch die beiden Jungs, Sascha und Dominik, haben sich in den letzten Wochen immer wieder von geliebten Dingen trennen müssen.

Sascha meint, für ihn sei es kein Problem, dass er einige seiner Spielsachen verkaufen muss: "Ich habe eigentlich auch genug. Es ist nicht schlimm", sagt er und ein leichtes Lächeln huscht über sein Gesicht, während er ein Puzzle von "Paw Patrol" einpackt. "Wenigstens kommt etwas Schönes hin und ich hoffe, sie haben einfach Spaß damit."

Die ganze Familie scheint in dieser schweren Zeit an einem Strang zu ziehen. Viktor Schönrock ist sich sicher, dass sie alle nur gemeinsam durch diese schwierige Zeit kommen. Denn er wisse nicht, wo er im nächsten Jahr eine Arbeit finden könnte. "Mir ist aber wichtig, dass ich im nächsten Jahr zwei Kinder und eine Frau an meiner Seite habe, die gesund sind. Ob ich dann 100 Euro in der Tasche habe oder wie jetzt gerade 3,20 Euro – ist mir scheißegal."

Mir ist es wichtig, dass ich meine Familie an meiner Seite habe. Ob ich dann 100 Euro in der Tasche habe oder wie jetzt gerade 3,20 Euro – ist mir scheißegal.

Viktor Schönrock

Wenn das Smartphone nicht abgeholt werden kann

Derzeit kommen zehn bis 15 Kunden am Tag in das Pfandleihhaus Schauer. Michael Söllner sagt, er betreibe eines von vier staatlich anerkannten Pfandleihhäusern in Leipzig. Drei von vier Kunden hätten zum Ende der Leihfrist genug Geld, um ihren Kredit und die Lagergebühr zurückzuzahlen, um so ihre Gegenstände wieder abzuholen. Michelle gehört nicht dazu.

"Ich wollte den einen Vertrag verlängern lassen", sagt Michelle, während sie vor dem Tresen steht und ihr schmales Portemonnaie aufgeklappt hat. Vor drei Monaten hatte sie ihr Handy mit etwa 170 Euro beliehen. An diesem Tag müsste sie es eigentlich auslösen, weil die Leihfrist abläuft. Doch es habe Probleme mit der Kita ihrer beiden Kinder gegeben. "Und da braucht man halt ein bisschen Geld, damit unsere Kinder weiter in den Kindergarten gehen können", sagt Michelle. Sie trägt einen orange-schwarzen Pullover des TNT-Versand. Sie müsse verlängern, weil das Geld für die Auslöse nicht reiche. 

Es wird teuer: Die Gebühren

"Das wären jetzt 40,50 Euro", sagt Michael Söllner. Damit bezahlt Michelle nur die Gebühr für die letzten vier Monate. Das Geld, das sie vom Pfandleiher für ihr Smartphone bekommen hat, schuldet sie ihm weiterhin. Dazu kommt erneut eine Gebühr für die Verlängerung des Vertrages um weitere vier Monate. "Weil im Dezember wird’s leider nichts, da hat mein Sohn Geburtstag", sagt Michelle. Außerdem stehe Weihnachten vor der Tür. "Wir werden versuchen es dann im Januar rauszuholen."

Wenn Michelle ihr Handy bis spätestens Ende Februar 2023 nicht abholt, dann wird es versteigert. So ist es gesetzlich festgelegt. "Wenn uns nichts Anderes übrigbleibt, weil sie nicht wiederkommen. Dann müssen wir es halt versteigern", sagt Michael Söllner. Das geschieht über ein Online-Auktionshaus. Übersteigt dabei der Erlös die angefallenen Kosten, steht dieser Überschuss dem ursprünglichen Besitzer zu. Holt der sich das Geld aber nicht ab, geht es an den Staat. Knapp ein Drittel der Pfandgegenstände landet bei Auktionen. Darunter sind Erbstücke, Autos oder Uhren. Alles, was die Menschen gerade entbehren können.

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 09. November 2022 | 20:15 Uhr

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