Sachsen HNO-Praxis: Profit auf Kosten der Patienten?

Möglicherweise unnötige Operationen und Verstöße gegen das Recht auf freie Therapeutenwahl: Gegen ein Medizinisches Versorgungszentrum gibt es schwere Vorwürfe. Bislang konnte die Landesärztekammer in Sachsen diese nicht beweisen. Nach den Recherchen von MDR exakt will sie nun nochmal ganz genau hinschauen.

Rezeptschein
Es geht um Rezepte für Logopädie, Ergo- und Physiotherapie – sogenannte Heilmittelverordnungen. Bildrechte: MDR exakt

Es gibt schwere Vorwürfe gegen ein Medizinisches Versorgungszentrum aus Leipzig, das in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Berlin HNO-Praxen betreibt. Es geht um möglicherweise überflüssige Operationen und um Rezepte für Logopädie, Ergo- und Physiotherapie – sogenannte Heilmittelverordnungen – die angeblich nur bei den eigenen Therapeuten eingelöst werden können. Das wäre ein klarer Verstoß gegen das Recht auf freie Therapeutenwahl.

Ein Reporter von MDR exakt hat im Laufe der mehrmonatigen Recherchen nach einem Rezept für Logopädie in einer Leipziger Filiale gefragt und dabei mit versteckter Kamera gefilmt. Als er sagt, dass die Behandlung extern erfolgen soll, heißt es: "Wir stellen in diesem Jahr keine externen Verordnungen für Logo, Ergo und Physio mehr aus. Uns drohen Regresszahlungen durch die Krankenkassen." Schuld sei das Budget. Eine Therapie im Kopfzentrum dagegen sei kein Problem. In einer weiteren Praxis gibt es dieselbe Auskunft: Für externe Verordnungen sei das Budget zu klein.

Interne Mail mit Anordnung an Mitarbeiter

Wieso argumentieren die Mitarbeiter so? MDR exakt wird eine interne Mail zugespielt. Im Schreiben des Geschäftsführers und medizinischen Leiters des Kopfzentrum, Gero Strauß, an die Mitarbeiter steht als Überschrift: "Logo, Physio, Ergo nur intern. Externe Verordnungen nur im Ausnahmefall." Angeblich, so schreibt er, gelten für interne Verordnungen andere Budgetregelungen.

Eine Behauptung, die nicht stimmt. Dies bestätigen mehrere gesetzliche Krankenkassen. Die AOK Plus etwa schreibt: "Eine diesbezügliche Regelung wäre weder sinnvoll noch rechtmäßig und würde den gesetzlichen Regelungen widersprechen."

älterer Mann
Der Geschäftsführer und medizinische Leiter des Kopfzentrum, Gero Strauß. Bildrechte: MDR exakt

Einige Logopäden, Ergo- und Physiotherapeuten aus Leipzig sagen, dass ihre Patienten berichtet hätten, kein Rezept für eine Behandlung bei ihnen bekommen zu haben. So hätte das Kopfzentrum in den letzten zwei Jahren mindestens fünf ihrer Patienten mitgeteilt, ein Rezept gäbe es nur, wenn sie sich dort therapieren lassen, sagt eine Logopädin. "Das grenzt für mich ganz klar an Nötigung. Und für mich bedeutet jeder fehlende Patient auch fehlendes Einkommen." Professor Gero Strauß reagiert überrascht und sagt, dass es trotz der Mail keinen Zwang gäbe, denn: "Ich habe keinerlei Motivation, Verordnungen in irgendeiner Weise in die Höhe zu treiben, oder gar in irgendeine Richtung zu treiben. Das bringt uns nichts."

Bei Verstoß droht ein Bußgeld durch die Kammer

Doch wem nützt es dann? Die Therapeutenabteilung, die sich "Kopfzentrum Training" nennt, arbeitet wirtschaftlich selbstständig. Aus dem Arbeitsvertrag mit einer ehemaligen Physiotherapeutin geht hervor, dass dieser mit der Ehefrau von Gero Strauß abgeschlossen worden ist. Auch das Geld, das Patienten für eine im Kopfzentrum stattgefundene Therapie zuzahlen müssen, fließt offensichtlich auf ihr Konto.

Für Gero Strauß ist das nicht anrüchig: "Ich möchte doch darum bitten, dass da eine klare Trennung ist." Es dürfe nicht zum Nachteil gereichen, dass es sich um seine Frau handele. Sie nehme ihren Beruf genauso ernst, wie er.

Das Konstrukt mit der Ehefrau sei erstmal nicht verwerflich, sagt der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck zu den Recherchen von MDR exakt. Aber: "Wenn tatsächlich die Nötigung an die Patienten da ist, wenn also gesagt wird: 'Sie bekommen nur ein Rezept, wenn Sie dort hingehen', dann ist es berufsrechtlich relevant." Bei einem Verstoß droht ein Bußgeld durch die Kammer. Die Kammer kenne die Vorwürfe schon länger, konnte sie aber bislang nie beweisen. Nun wolle man ganz genau hinschauen.

Sind Operationen unnötig erfolgt?

Doch es ist nicht der einzige Vorwurf gegen das Versorgungszentrum. Ein wichtiges Standbein der Praxen: Operationen. Die meisten finden in der hochmodernen Aquaklinik in Leipzig statt, die ebenfalls von Gero Strauß geleitet wird. Etwa 4.500 Operationen gibt es pro Jahr. Einige davon sollen unnötig sein. Stimmt das?

Von einer HNO-Ärztin aus Leipzig, die anonym bleiben will, erfährt MDR exakt, dass sie von etwa 100 Patienten, bei denen das Kopfzentrum eine Operation  vorschlug, in den letzten acht Jahren um eine Zweitmeinung gebeten worden sei. Bei rund 80 Prozent, so ihre Einschätzung, hätte keine Notwendigkeit für eine Operation vorgelegen. Die Fälle hat sie notiert.

Zwar seien unterschiedliche Einschätzungen nicht ungewöhnlich, sagt der Medizin- und Strafrechtler Gunnar Duttge. "Aber wenn Sie statistisch betrachtet, ein so starkes Abweichen feststellen, dann liegt was im Argen", sagt er in seiner vorläufigen Einschätzung zu den MDR-Recherchen.

Quote für Operationen pro Arzt

In einer weiteren internen  Mail erwähnt Gero Strauß die Wichtigkeit von OP-Indikationen: Jeder Arzt ist angehalten, eine gewisse Anzahl auszustellen. Die untere Grenze liegt bei 20 OP-Indikationen pro Monat und sechs pro Woche. Das sei Teil des Qualitäts-Managements, erklärt Gero Strauß dazu. 

Die ehemalige Ärztin des Kopfzentrums berichtet, wenn man diese Quote nicht eingehalten habe, sei man als schlechter Arzt bezeichnet worden. Es seien einige unnötige Operationen vorgekommen. "Nicht jede schiefe Nase muss immer operiert werden. Dort heißt es: schiefe Nase gleich funktionelle Störung. Also Op." Für sie sei solch ein Vorgehen nicht mit dem hippokratischen Eid vereinbar.

Gero Strauß widerspricht dem Vorwurf, manche Patienten des Kopfzentrums würden unnötig operiert: Alle OP-Indikationen folgten klaren Richtlinien. Dass Berufskollegen unterschiedliche Auffassungen haben, sei normal. Es scheint ein schmaler Grat zwischen verantwortungsvollem Arzt und erfolgreichem Unternehmer zu liegen. Die sächsische Landesärztekammer, die kassenärztliche Vereinigung Sachsen und eine große Krankenkasse gehen jetzt gemeinsam den Vorwürfen nach.

Quelle: MDR exakt / mpö

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 24. März 2021 | 20:15 Uhr

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