Kohleausstieg Neue Chance für ein verlorenes Dorf?

Pödelwitz muss nicht den Baggern weichen. Doch nun befürchten Anwohner und Klimaaktivisten, dass Großinvestoren über das Dorf herziehen könnten. Sie wollen versuchen, die Gemeinde in eine Modellregion zu verwandeln.

Luftaufnahme von Abrissdorf Pödelwitz, 2013.
Die Bagger stoppen fast direkt vor den Toren des kleinen Ortes im Landkreis Leipzig. Bildrechte: dpa

Das kleine Dorf Pödelwitz darf doch bleiben. Das Wegbaggern des Ortes bei Leipzig war beschlossen. Viele Häuser stehen bereits leer und verfallen langsam. Doch die verbliebenen Anwohner und Kohlegegner haben den Kampf gewonnen. Nun steht die Frage, was soll mit dieser Region geschehen, deren Ende in Sichtweite war.

25 Menschen wohnen noch in Pödelwitz. Es waren einmal fast 130. Die meisten haben ihr Haus an das Kohleunternehmen Mibrag verkauft und sind weggezogen. Viele Fassaden sind grau und der Putz blättert in großen Stücken ab.

Umweltaktivisten
Mambo (rechts) lebt seit knapp zwei Jahren in Pödelwitz. Bildrechte: MDR exakt

Auf einem von der Kirchengemeinde zur Verfügung gestelltem Grundstück lebt Mambo mit anderen Klimaschützern in einer Wagenburg. Die Gruppe nennt sich "AAA – Aufstand am Abgrund". Der junge Mann mit dem roten Vollbart lebt seit knapp zwei Jahren dort – und trug auch dazu bei, dass das Dorf bleiben kann.

Hat der riesige Protest das Dorf erhalten?

Mehrere Bündnisse brachten in den vergangenen Jahren einen riesigen Protest ins Dorf. Sie organisierten zwei Klimacamps, zu denen Hunderte Menschen kamen. Auch bundesweit gewann das Thema Klimaschutz an Bedeutung. Im Kohlekompromiss ist das Ende der Kohle bis 2038 festgelegt worden. Für Klimaschützer ist das zu spät. Dennoch: Im Koalitionsvertrag der sächsischen Regierung landet eine Absichtserklärung: Pödelwitz soll erhalten bleiben. Im Januar diesen  Jahres verkündet sie endgültig: Das Dorf bleibt.

Mambo war erst einmal skeptisch, berichtet er: "Was passiert jetzt? Ist das jetzt wieder ein Leerlauf über weitere zehn Jahre", sagt der junge Mann. Doch dann sei relativ schnell der Modus gekommen: Und was jetzt? "Was verändert sich dadurch für uns? Welche Ausrichtung geben wir dem Projekt? Wie wollen wir weiter wirken?", erklärt Mambo die Diskussionen der Gruppe. Es soll nicht "auf irgendeine Art einfach wiederbesiedelt werden".  Es soll ein solidarisches Leben mit Selbstbestimmung und Orientierung auf das Gemeinwohl geben.

Gemeinde soll Modellregion werden

Dafür haben die Aktivistinnen und Aktivisten einen Verein gegründet. Die Gemeinde soll eine Modellregion werden und die Gruppe arbeitet an der Umsetzung konkreter Projekte. Eines davon heißt "Essbares Dorf". Die Idee: Durch lokalen Anbau soll die künftige Bevölkerung von Pödelwitz versorgt werden. Das heere Ziel: eine solidarische Landwirtschaft. Die Ernte soll nicht erst an Supermarktketten gehen, sondern direkt vom Hof an die Verbraucher. Die sollen wiederum in die Herstellung eingebunden sein.

Umweltaktivistin
"Wir fangen gerade erst an, die Flächen zu checken", sagt Kea. Bildrechte: MDR exakt

Doch dafür benötigt die Gruppe Flächen. Die Aktivistinnen und Aktivisten stehen auf einer grünen Wiese am Rande des Dorfes. Wem diese gehört, ist noch nicht klar. Die Äste der umstehenden Bäume recken sich kahl gen Himmel. "Wir fangen gerade erst an, die Flächen zu checken", sagt Kea, eine junge Frau mit runden Brillengläsern. "Welche Flächen gibt es, wie groß sind die?" Später sollen dann Gespräche mit den Eigentümern geführt werden. Später müssten dann Gärtner gesucht werden.  

Neue Menschen müssen ins Dorf ziehen

Doch das ist auch davon abhängig, welche neuen Menschen ins Dorf kommen und wann. Dafür müsste geklärt werden, was aus den Flächen und Häusern wird, die derzeit im Besitz der Mibrag sind. Einer, der sich von der Mibrag nicht überzeugen ließ und nie gehen wollte, ist Jens Hausner. Er kämpft seit zwölf Jahren gegen die Abbaggerung von Pödelwitz. Er will, dass jetzt die verbliebenen Anwohner mitentscheiden dürfen, was aus dem Dorf wird.

Dabei setzt der blonde Mann auf die neue Generation. "Wir hatten zwölf harte Jahre. Jetzt haben wir viele junge Leute in der Dorfentwicklungsgruppe, die eine tolle Arbeit machen." Nun solle es einen gleitenden Übergang geben. Ideen gibt es viele.

Umweltaktivist
Jens Hausner hat sich nicht überzeugen lassen, sein Haus an die Mibrag zu verkaufen. Bildrechte: MDR exakt

Damit das geplante Modelldorf zum Leben erweckt werden kann, fordert die Gruppe, dass die freien Häuser nicht an höchstbietende Investoren gehen. Es soll stattdessen an Menschen oder Gruppen mit Konzepten vergeben werden. Die Mibrag hält sich zu ihren genauen Plänen bislang bedeckt.

Was wird aus den Häusern?

Mambo erklärt seine Pläne: "Das Dorfleben soll gleichzeitig auch ein Leben werden, das einen Schritt zur Regeneration setzt und uns gleichzeitig ernährt." Aus seiner Sicht ist es keine pure Utopie. "Es gibt das Kohleausstiegsgesetz und in der Region braucht es einen Strukturwandel." Für den benötigten lokalen Strukturwandel seien auch Gelder da. "Dafür braucht es Konzepte und Projekte. Und die haben wir."

Der junge Mann kümmert sich um den Antrag für die Dorfentwicklung. Bis Ende dieses Monats soll er fertig sein. Kea ist erst vor  wenigen Monaten zu der Gruppe gestoßen. Sie berichtet, dass sich bereits 80 Menschen dafür interessieren, nach Pödelwitz zu ziehen. Es scheint, als gibt es noch eine Chance für diesen Ort, vor dessen Toren die Braunkohlebagger stoppten.

Quelle: MDR exakt / mpö

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | MDR Sachsen | 21. Januar 2021 | 16:50 Uhr

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