Feiern trotz Corona Clubs wollen im Herbst wieder komplett öffnen – wie realistisch ist das?

Der Bundesverband der Clubbetreiber LiveKomm will, dass die Clubs auch im Herbst öffnen dürfen und dann alle Einschränkungen für den Innenbereich aufgehoben werden. Rein sollten alle dürfen, die geimpft, genesen oder PCR-getestet seien. Denn noch einen Winter ohne Betrieb würden viele Clubs nicht überleben. In der Politik und bei Virologen herrscht Uneinigkeit darüber.

Menschen tanzen im Club Distillery
Betreiber wollen ihre Clubs wieder uneingeschränkt öffnen. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Steffen Kache, Inhaber des Leipziger Clubs Distillery und Vorstandsmitglied der LiveKomm, steht am Tresen seines Clubs und schließt die Telefonkonferenz auf seinem Laptop. Gerade ist die wöchentlich stattfindende Krisensitzung der LiveKomm zu Ende gegangen. Auch wenn es intern unterschiedliche Meinungen gibt, wie weit sie mit ihren Forderungen gehen könnten – die Geduld sei bei allen aufgebraucht, sagt Kache. Jetzt müsse es endlich eine Perspektive geben.

Er erinnert an das Versprechen der Politik, dass ab dem Moment, wenn alle ein Impfangebot erhalten hätten, alle Maßnahmen aufgehoben werden sollten. "Jetzt aktuell können wir zwar nur den Außenbereich öffnen, aber selbst das hilft uns. Wir verdienen genügend Geld, auch unsere Kurzarbeit runterzufahren. Wir können unsere Miete selbst bezahlen, und in diese Situation wollen wir wieder kommen", erklärt der Clubbetreiber. Denn: Auch, wenn die Überbrückungsmaßnahmen der Regierung die Fixkosten gedeckt hätten, noch einen Winter ohne Betrieb würde die Szene nicht überleben.

Clubs wieder wirtschaftlich unabhängig machen

Simone Barrientos, kulturpolitische Sprecherin der Linken, findet die Forderungen der LiveKomm vernünftig, vor allem mit Blick auf die jüngere Generation: "Die Clubleute sind nicht der Meinung, dass man jetzt machen kann, was man will. Aber natürlich kann man nicht auf Dauer Menschen die Freiheit nehmen, auch zur Berufsausübung übrigens. Wenn wir jetzt schnell wieder wirklich hohe Zahlen hätten, dann muss man das überdenken. Aber genau das steht ja auch im Papier drin."

Auch Michael Theurer von der FDP will, dass Clubs wieder wirtschaftlich unabhängig sein können. Er befürchtet jedoch, dass das nur geht, wenn alle getestet würden – auch Geimpfte und Genesene. Er sagt: "Jetzt gibt es allerdings im Zusammenhang mit der Delta-Variante die Diskussion darüber, dass eben auch Geimpfte gegebenenfalls ansteckend sein können. Dann müssten alle getestet werden, und da sind wir der Meinung, dass die Bundesregierung mehr tun sollte, um diese innovative Weiterentwicklung der PCR-Tests schnell voranzubringen."

PCR-Tests für alle Clubbesucher kaum machbar

Auch Michael Hennrich, stellvertretender Sprecher der Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Fraktion, ist skeptisch und findet die Forderungen zu verfrüht. Er will erst die Auswertung der Modellprojekte abwarten.

Menschen stehen vor einem Club in einer Schlange.
Bei dem Modellprojekt im Juni konnte im Leipziger Club Distillery – mit Test – gefeiert werden. Bildrechte: IMAGO / Christian Grube

Doch schon die Modellprojekte aus Leipzig und nun auch Berlin haben gezeigt: Alle testen zu lassen, ist in der Praxis nicht anwendbar. Die Infrastruktur sei gar nicht vorhanden, um die Masse an PCR-Tests schnell durchzuführen, sagt Clubbetreiber Kache. Deshalb sollen Geimpfte und Genesene auch ohne Test rein dürfen, fordert die LiveKomm.

Prof. Dr. Martin Scholz vom Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie an der Universität Leipzig sieht darin kein Problem. Noch gebe es keine Variante, die die Schutzimpfung komplett umgehe, erklärt der Virologe. Deswegen sei es die bessere Alternative, dass nur Geimpfte und Genesene in die Clubs dürften – zumal das gleichzeitig ein Impfanreiz wäre. "Es ist auch kein hundertprozentiger Schutz, aber es ist sicherer, als wenn da nur jemand mit einem negativen Testergebnis ist, der vielleicht infiziert ist. Denn der kann auch die Genesenen und Geimpften anstecken" sagt Scholz.

Die sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus, Barbara Klepsch, könnte sich das ebenso vorstellen, schreibt sie auf Anfrage von MDR AKTUELL. Dann nämlich, wenn sich eine Überlastung des Gesundheitswesens abzeichne. Bis dahin sei auch für sie die Forderung der LiveKomm akzeptabel. Nämlich: In den Club soll dürfen, wer geimpft, genesen oder getestet ist – auch im Herbst.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. August 2021 | 06:41 Uhr

Mehr aus der Region Leipzig

Mehr aus Sachsen