Gastronomie im Lockdown Wie Leipzigs Traditionslokal "Auerbachs Keller" durch die Pandemie kam

Als vor einem Jahr Kultur- und Gaststätten für Monate geschlossen wurden, traf das auch den weltberühmten "Auerbachs Keller" in Leipzig hart. Finanzielle Ängste, Ärger, Gleichmut oder der Wunsch nach Neuorientierung - da waren viele Gefühle dabei. Dutzende Mitarbeiter gingen von Bord. Mitarbeiterin Tanja Adams ist dem Haus seit 1996 treu, vertritt es unter anderem auf Messen und organisiert Veranstaltungen. Im Gespräch mit MDR SACHSEN blickt sie auf ein turbulentes Jahr zurück.

Eine Frau steht in einer historischen Gaststätte
"Auerbachs Keller"-Mitarbeiterin Tanja Adams steht im Großen Keller. Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier

Durch die Corona-Pandemie gibt es in der langen Geschichte des "Auerbachs Keller" den nunmehr dritten Eintrag zur Schließung. 100 Jahre nach dem Kellnerstreik 1921 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwang der verhängte Corona-Lockdown das Traditionslokal für Monate dazu, den Gastraum zu verschließen.

"Unfassbar beklemmende Stille"

Tanja Adams arbeitet seit 25 Jahren im "Auerbachs Keller" - sie lebt dafür. Als MDR SACHSEN sie Anfang November 2020 besucht, ist sie, wie alle in der Branche, am Boden zerstört. "Diese Stille ist unfassbar beklemmend, weil man nicht weiß, wo die Reise hingeht. Man kann dem Ganzen nur hilflos zusehen", erzählt sie damals.

Und jetzt - wie ist die Lage ein Jahr später? Während "Auerbachs Keller" im Geschäftsjahr 2019 noch etwa 300.000 Gäste begrüßen durfte, sieht die Bilanz für 2020 und 2021 mau aus. Nur langsam geht es wieder aufwärts. Und auch wenn wieder Gäste bewirtet werden und Veranstaltungen stattfinden, überwiegen in Tanja Adams Gefühlswelt immer noch die traurigen Momente, wenn sie an das Erlebte zurückdenkt.

Bildergalerie "Auerbachs Keller" - 500 Jahre Geschichte

Auerbachs Keller
"Auerbachs Keller" hat schon viele Prominente gesehen. So zum Beispiel 2006. Bildrechte: dpa
Auerbachs Keller
"Auerbachs Keller" hat schon viele Prominente gesehen. So zum Beispiel 2006. Bildrechte: dpa
Auerbachs Keller
Damals weilt das schwedische Königspaar Carl Gustaf von Schweden und Königin Silvia, in Leipzig und stattete dem Restaurant einen Besuch ab. Bildrechte: dpa
Auerbachs Keller
Im Jahr 2000 ließ es sich der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht nehmen, gemeinsam mit dem damaligen Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee das Weinfass zum 475-jährigen Jubiläum des Restaurants anzuzapfen. Bildrechte: dpa
Auerbachs Keller
2013 statteten Islands Präsident Ólafur Ragnar Grimsson und seine Frau Dorrit Moussaief dem Leipziger Lokal einen Besuch ab, begleitet vom damaligen sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich und seiner Frau Veronika. Bildrechte: dpa
Auerbachs Keller
Der historische Fasskeller vom Auerbachs Keller. Bildrechte: dpa
Eingang zu Auerbachs Keller in der Mädlerpassage in Leipzig.
Im Herzen von Leipzig - in der Mädlerpassage nahe des Marktes - steht seit Jahrhunderten "Auerbachs Keller". Die Figurengruppen stammen von dem Bildhauer Mathieu Molitor. Bildrechte: imago/Carola Koserowsky
Auerbachs Keller Leipzig
Durch die Corona-Pandemie musste die berühmte Gaststätte ein drittes Mal in seiner langen Geschichte schließen. Hier ein Blick in den Großen Keller. Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier
Zwei Menschen im Auerbachs Keller Leipzig
Langjährige und treue Mitarbeiter im "Auerbachs Keller": Herr Richter (Service) und Tanja Adams (Verkauf) in einem separaten Teil des Großen Kellers. Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier
Eine Frau steht in einer historischen Gaststätte
Im Gespräch mit MDR SACHSEN blickt Tanja Adams auf die Arbeit im "Auerbachs Keller" während der langen Zeit der Schließung zurück. Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier
Auerbachs Keller Leipzig
In Goethes Tragödie "Faust I" führt Mephisto Faust in den "Auerbachs Keller", damit er die Freuden des einfachen Volkes erlebt. Goethe war inspiriert von seinen eigenen Besuchen und von der Sage von Dr. Faustus aus dem 16. Jahrhundert. Die schildert, dass Mephisto und Faust auf einem fliegenden Weinfass aus dem Keller geritten waren. Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier
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Großer Verlust: Etwa 30 Mitarbeitende sind gegangen

Mehrere Dutzend Mitarbeitende haben dem "Auerbachs Keller" - möglicherweise damit auch der Gastronomie - den Rücken gekehrt und arbeiten nun in anderen Branchen. Adams findet das "traurig" und sagt, damit sei etwas Wichtiges im Haus verloren gegangen. Beispielsweise habe es einen Kollegen gegeben, der immer informiert war, welche Musikstars oder Fußballer gerade in der Stadt waren, die vielleicht ins Restaurant kommen könnten. "Diese Kollegen werden uns sehr fehlen".

Soziale Kontakte haben gelitten

Von den Kolleginnen und Kollegen, die noch da sind, habe sie viele monatelang nicht gesehen, erzählt sie weiter. Ein Kernteam habe alles aufrechterhalten und die neuesten Verordnungen umgesetzt, während ein Großteil der Mitarbeitenden in Kurzarbeit war. "Das war sehr schwierig. Da ist sehr viel an sozialen Kontakten geschrumpft." Über Telefon oder soziale Medien verbunden zu sein, sei nicht das gleiche wie der tagtägliche Umgang miteinander.

Gastro heißt: ganz großer Idealismus. Da hilft jeder jedem. Sonst könnten wir das Tagesgeschäft gar nicht bewältigen. Deshalb hat man zu vielen Kollegen einen sehr engen Draht.

Tanja Adams

Lockdown für umfangreiche Modernisierungen genutzt

Trotz alledem: Die während der Schließzeit stattgefunden Veränderungen könnten sich sehen lassen, freut sich die Gastro-Expertin. Ein neues Buchungssystem wurde eingeführt, es gab mehr Lehrunterweisungen für Auszubildende, und durch die To-Go-Speiseangebote blieb der Kontakt zu den Gästen erhalten. Das alles sind für Tanja Adams positive Entwicklungen, für die die Corona-Pandemie wie ein Katalysator gewirkt habe.

Das hätten wir im normalen Gastroalltag nicht stemmen können. Insofern haben uns da gut aufgestellt und modernisiert.

Tanja Adams

Zur Geschichte des "Auerbachs Keller" in Leipzig In Goethes Tragödie "Faust I" führt Mephisto Faust in den Auerbachs Keller, damit er die Freuden des einfachen Volkes erlebt: Trinken, Singen, Lachen, Feiern. Diese Szene wurde durch Goethes eigene Besuche inspiriert. Auch Martin Luther war im "Auerbachs Keller". Seinen heutigen Namen erhielt das Lokal durch den Erbauer und Rektor der Universität, Heinrich Stromer. Er wurde auch "Dr. Auerbach" genannt.

Heute werden die "Mephisto Bar", das Restaurant "Historische Weinstuben" und das Restaurant "Großer Keller" von einem Betreiber verwaltet. Es gibt insgesamt knapp 700 Plätze zu bedienen. 2025 feiert die Gaststätte ihr 500-jähriges Bestehen.

Den Neustart erlebte jeder anders

94 Mitarbeitende halten derzeit das Geschäft in "Auerbachs Keller" am Laufen - von der Küche, über Service, Buchhaltung bis hin zu Verkauf, Marketing und Geschäftsführung. Sie kommen aus verschiedensten Altersgruppen. Und sie gehen verschieden mit der Situation um, wie Tanja Adams bemerkt hat.

Die älteren Kollegen haben sehr gelitten. Kollegen mittleren Alters haben sich sehr gut arrangieren können. Für die jungen Leute verändert sich täglich sehr viel und deshalb ist für sie insgesamt die Veränderung nicht so groß.

Was sie sich abschließend im Umgang mit der Pandemie gewünscht hätte? Gute Frage, so Tanja Adams und antwortet nach kurzem Nachdenken: "Ich hätte mir von den Behörden eine klarere Strategie gewünscht".

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