Corona-Pandemie Schule: Zwischen Belastung der Lehrer und Entlastung der Kinder

Die vierte Welle trifft auch wieder die Kinder – wegen zahlreicher Corona-Infektionen müssen auch immer wieder Schulen zeitweise schließen oder Kita-Kinder aus Personalmangel zu Hause bleiben. Was ist aus den Plänen geworden: Einbau von Lüftungsanlagen, strukturierte Konzepte zur besseren Betreuung der Kinder in der Coronakrise?

Ein Lehrer und eine Schülerin beugen sich über eine Schulaufgabe.
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Bevor der Unterricht beginnen kann, bekommen die Schüler einen Corona-Selbsttest. Dreimal pro Woche soll getestet werden. Das ist auch für die Kinder der Klasse 4c an der August-Bebel-Grundschule in Leipzig inzwischen Alltag. Sachsen ist das Bundesland mit der höchsten 7-Tage-Inzidenz. Coronabedingt sind im Freistaat aktuell 41 Schulen befristet geschlossen. In 230 Schulen befinden sich einzelne Klassen vorrübergehend im häuslichen Lernen.

Bis das Ergebnis an der Schule in Leipzig am Freitagmorgen da ist, tragen die Jungs und Mädchen Masken. "Mittlerweile habe ich mich schon dran gewöhnt", sagt Joy. "Am Anfang war das gar nicht so toll." Bislang haben sich sieben Kinder in den vergangenen drei Monaten in der 4c mit Corona angesteckt. "Ich konnte nichts mehr riechen und für eine Zeit nichts mehr schmecken und hatte öfter Kopfschmerzen", sagt Elba. "Ich konnte meine Freunde nicht sehen und durfte nicht raus. Das war doof", sagt Caro.

Kinder sitzen mit Masken im Unterricht 8 min
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Lehrer in Sorge: Corona positiv trotz negativem Test?

Nach 15 Minuten liegt das Testergebnis vor. "Alle negativ getestet, ihr dürft die Masken absetzen", sagt Lehrerin Cindy Fabian. Bei den Lehrern ist die Sorge groß, dass ein Kind trotz Test positiv ist. Deshalb wird während des Unterrichts regelmäßig gelüftet. Vor den kalten Temperaturen schützen sich die Kinder mit Jacken und Decken.

Die Schule hätte gern mobile Luftreiniger von ihrem Träger, der Stadt Leipzig. Immerhin stellen Bund und Länder dafür Fördermittel bereit. Doch gefördert werden nur Schulen, in denen sich die Fenster nicht so gut öffnen lassen, wie an der August-Bebel-Schule. Die hat weite zweiflügelige Doppelfenster. Die Stadt teilt MDR exakt mit: Nur vier der etwa 170 Leipziger Schulen hätten Räume, die die Voraussetzungen erfüllen – diese Räume liegen meist im Keller. "In allen anderen Fällen bleibt regelmäßige Frischluftzufuhr das Mittel der Wahl."

Für die Direktorin der Schule in Leipzig Neuschönefeld, Nancy Kallenbach, geht die Förderrichtlinie an der Realität vorbei: "Wenn man dann alleine vor 27 oder 28 Kinder steht, dann ist nicht immer der Gedanke an das Lüften da." Außerdem würden manchmal auch die Fenster geschlossen bleiben, weil die Kinder frieren. "So eine Lüftungsanlage, die würde halt einfach unabhängig von Emotionen und Temperaturen, einfach lüften."

Direktorin: Nach zwei Jahren Pandemie ist die Luft raus

Immer wieder hat es an der August-Bebel-Schule Corona-Fälle gegeben, teils mussten ganze Klassen in Quarantäne. "Wir sind fast alle geimpft. Aber trotzdem denkt man jedes Mal, wenn man in die Klassen geht, hoffentlich geht das gut", sagt Direktorin Nancy Kallenbach. "Wir haben geimpfte Kolleginnen gehabt, die sich jetzt infiziert hatten und die dann auch krank waren." Teilweise waren so viele Kollegen ausgefallen, dass etwa Mitarbeiter vom Schulsozialdienst einspringen mussten, um zumindest die Betreuung der Kinder abzusichern.

"Die Luft ist einfach raus. Man ist des Ganzen müde", sagt Nancy Kallenbach nach fast zwei Jahren Pandemie. Sie und die Kollegen hofft, dass es bald ein Ende hat. Solange beiße man sich weiter durch – zum Wohle der Kinder. Doch die Schuldirektorin sieht auch das Geschehen außerhalb der Klassenräume.

"Ich erlebe, wenn wir hier infizierte Kinder haben, dass diese Infektionen in die Familie getragen werden", sagt Nancy Kallenbach. Das treibe die Infektionen in die Höhe. Dann denke sie, vielleicht müssten die Schulen doch bis Weihnachten geschlossen werden, um die Situationen auf den Intensivstationen und in den Kliniken zu entspannen. "Aber ich weiß nicht, was da richtig ist und ich bin heilfroh, dass ich diese Entscheidung nicht treffen muss."

Schulschließung oder Corona-Infektion: Was ist schlimmer?

Die sieben Tage Inzidenz in Sachsen beträgt bei den Fünf- bis Neunjährigen aktuell 2.404 – deutschlandweit der höchste Wert. Doch für die Landesregierung kommen generelle Schulschließungen vorerst nicht in Frage. Schriftlich heißt es: "[…] die Erfahrungen aus dem letzten Winter und Frühjahr zeigen, dass die Folgen von Schulschließungen bei weitem die Folgen von Corona bei Kindern übersteigen." Anders ausgedrückt: Ein Bildungsausfall hätte fatalere Folgen als eine Infektion.

Diese Auffassung vertritt auch Kinderärztin Melanie Ahaus. Sie betreibt in Leipzig eine Praxis und vertritt den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Sachsen. Die Befürchtung, Kinder seien Pandemietreiber, teilt sie nicht: "Natürlich können die Kinder auch die Erwachsenen anstecken. Das ist aber seltener der Fall, als umgekehrt." Dies belegten Studien. Die hohe Inzidenz erklärt Ahaus mit der häufigen Testung der Kinder.

Anmerkung zu Altersgruppen: Die Einteilung in die jeweiligen Gruppen stammt vom RKI.

Die Situation an den Kitas

Doch wie ist die Situation an den Kitas? Ein Beispiel: Das Freinet Kinderhaus in Moritzburg wirkt verwaist. Von sieben Erziehern sind fünf krank. Die Kita hat den normalen Betrieb eingestellt, doch zu zweit stemmen sie zumindest eine Notbetreuung – für die beruflich eingebundenen Eltern: "Krankenhauspersonal, Polizei, Erzieher, Ärzte", sagt Kita-Leiterin Itta Schmidt. Sollte noch jemand ausfallen, dann werde es ganz schwierig. Fast alle im Krankenstand haben Corona.

Itta Schmidt und ihre einzig verbliebene Kollegin haben sich gerade erst vom Virus erholt. Vor allem die Kleinsten in der Notbetreuung brauchen aber ihre volle Aufmerksamkeit: Abends merke sie dann manchmal, wie die Kraft fehle. In der Kita gehe es noch: "Hier sind die Kinder und die brauchen uns und da kann man das noch ein bissel wegschieben."

Die Einrichtung in Moritzburg gehört zum Paritätischen Wohlfahrtsverband. Der hat für Sachsen gefordert, die Kitas sofort zu schließen und auf Notbetreuung umzustellen. Andere Träger, wie Caritas, AWO und Diakonie teilen MDR exakt auf Nachfrage mit, teilen diese Auffassung nicht. Ein generelles Runterfahren ist in Sachsen derzeit nicht geplant.

Kita-Leiterin Itta Schmidt ist hin und her gerissen: "Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Weil wenn ich aus der Sicht der Kinder denke, dann aufmachen. Aus Sicht des Personals denke ich, wäre es vielleicht sinnvoll jetzt Notbetreuung zu machen."

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 08. Dezember 2021 | 20:15 Uhr

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