Corona - und dann? Schöner, schwerer Beruf: Vom Alltag auf der Intensivstation

Seit Jahren arbeitet Claudia Heinze auf der Intensivstation in einem kirchlichen Krankenhaus der Regelversorgung in Leipzig. Der für sie schöne Beruf der Krankenschwester wurde erheblich erschwert in Zeiten von Corona-Pandemie und Besuchsverbot.

Eine Krankenschwester (Claudia Heinze) mit Patient.
An den Arbeitsbedingungen in der Pflege muss sich etwas ändern, sagt ITS-Krankenschwester Claudia Heinze aus Leipzig. Bildrechte: privat

Vor über einem Jahr, etwa Weihnachten 2020, so sagt Claudia Heinze, hat sie sich gefragt, wie lange der Ausnahmezustand noch anhalten würde. Die "persönlichen Tankstellen" wie Kino und Theater waren geschlossen, auch der Chor hatte Ruhepause.

Inzwischen dauert die Pandemie an. Immer wieder, erinnert sich Claudia Heinze, seien Patienten auf ihrer Station gestorben. Manchmal fragt sie sich, woher sie die Kraft für die Arbeit nimmt.

Wir sind das Sterben gewöhnt, aber wir sind ja auch dafür da, dass Menschen ein gutes Lebensende haben können. Das ist auch unsere Passion. Aber hier kann man so gar nichts tun, nur so zuzugucken, das ist das Schwere in diesen Zeiten.

Claudia Heinze ITS-Krankenschwester

"Über all die Jahre, die ich da bin, habe ich viel schon gesehen", sagt die Intensivschwester - und meint ihre Arbeit vor der Pandemie. Das Anstrengende bei Covid-Patienten sei, dass die Krankheit so hoffnungslos macht. Man sitze "angekittelt" im Zimmer, fühle den Feind Virus und "kämpfe irgendwie blind in der Gegend rum". Abgesehen von der körperlichen Anstrengung belastet sie nach eigenen Worten stets der Gedanke, der Patient werde es vermutlich nicht schaffen.

Und das ist das, was so sehr belastet, so viele von ihnen zu verlieren.

Claudia Heinze ITS-Krankenschwester

Claudia Heinze sagt, sie sei damit nicht allein. Dieses Problem bestehe überall, auf allen Intensivstationen.

Patienten verkraften Besuchsverbot nur schwer

Die Patienten seien meist noch ansprechbar, wenn sie auf die ITS verlegt würden. Aber sie leiden laut Heinze unter starker Atemnot. Und diese nehme rasch zu, zu einem beständigen Nicht-genug-Luftkriegen. Sie wüssten nicht mehr, wie sie liegen oder sitzen sollten und seien nach kurzer Zeit erschöpft und krankheitsergeben.

Sie, sagt Claudia Heinze, sehe die Angst. Die Patienten wüssten genau, was ihnen bevorstehe. Und auch die Angehörigen zu Hause, die den Patienten nicht sehen dürfen. Das Besuchsverbot sei eine menschliche Katastrophe.

Ärzte und Pfleger untersuchen einen Patienten auf der Covid-19 Intensivstation
Für das Zwischenmenschliche bleibt den Pflegekräften wenig Zeit. Bildrechte: dpa

Denn normalerweise unterhalte sie sich mit den Kranken auf der ITS oder deren Angehörigen. Das fehle. Sie wisse nicht, wer zu den Patienten gehöre. "Wie sieht die Frau aus, hat der Kinder, ist er frisch verliebt, gerade getrennt oder ist die Mutter grad gestorben?" Nichts weiß sie darüber. Nicht einmal, ob der Patient lieber Kaffee oder Tee trinke. Das Erschreckende sei, dass die Besuchszeit im Stationsablauf einfach nicht mehr existent sei. Früher sei sie normal eingetaktet gewesen, jetzt sei irgendetwas anderes in diese Lücke gerutscht. Das sei allerdings kein ITS-Problem, sondern betrifft alle Stationen. Die meisten Patienten leiden unter Heimweh, wie die Krankenschwester berichtet.

Pflegeberufe durch Corona-Pandemie im Fokus

Zum Thema Impfpflicht äußert sich die Schwester skeptisch. Es gebe Pflegepersonal, das sich nicht impfen lassen wolle: "Die haben ihre Gründe". Sie selbst wird jeden vermissen, der mit der Impfpflicht ab Mitte März nicht mehr am Patientenbett arbeiten darf. "Es ist ein Riesenberg an Arbeit, der dann bleibt."

Bislang aber sind alle Pflegekräfte regulär weiter eingeplant. Auch habe noch niemand während der Pandemie die Station verlassen. Ihr Beruf, sagt Claudia Heinze, ist für sie nach wie vor ein schöner. Doch auf allen Kanälen, berichtet sie, laufen zurzeit Sendungen, die zeigen, wie schlimm die Arbeit in der Pflege ist: zu sehen seien dann etwa Schwestern mit tiefen Augenringen, die erst im Abspann zu Wort kämen um mitzuteilen, dass Krankenschwester ein wunderbarer Beruf sei.

Eine Krankenschwester von der Evangelischen Sozialstation der Diakonie in Freiburg hilft am 27.10.2005 einer bettlägerigen Seniorin aus ihrem Bett. 25 min
ITS-Krankenschwester Claudia Heinze aus Leipzig berichtet über die erschwerten Anforderungen in ihrem Beruf. Bildrechte: dpa

Vielleicht bietet die Pandemie darum dennoch auch eine Chance: die Kranken- und auch die Altenpflege mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Denn an den Arbeitsbedingungen müsse sich etwas ändern, betont Claudia Heinze. Die Gesellschaft sollte anerkennen, dass ein Pflegeberuf bedeutet, jahrelang im Schichtdienst auch an Wochenenden und Feiertagen zu schuften, um mit 67 eine normale Rente zu beziehen. Das müsste attraktiver gemacht werden, sagt sie, um den Berufsstand zu heben und mehr Interesse zu wecken. Sie glaubt nämlich nicht, "dass die jungen Leute heutzutage weniger Interesse haben an anderen Menschen als zu allen anderen Zeiten. Und dass sie weniger empathisch sind."

MDR (fn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 12. Februar 2022 | 18:00 Uhr

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