Endlagersuche Delitzsch will keinen Atommüll unter sich begraben

Auf der Suche nach einem Atommüllendlager in Deutschland sind mehrere Gebiete in Sachsen im Gespräch. Unter anderem könnte es ein Endlager unter der Stadt Delitzsch in Nordsachsen geben. Grund dafür sind offenbar geeignete geologische Bedingungen. Nach jahrzehntelanger Braunkohleförderung in der Region jetzt noch ein Endlager? Dagegen regt sich Widerstand.

Schwarzes Fass mit Ortsschild von Delitzsch
Liegt bald Atommüll unterhalb von Delitzsch? Möglich wäre es, doch entschieden ist noch lange nichts. Bildrechte: Imago

Seit Jahren schon beschäftigen sich Experten mit der Frage, wo in Zukunft Atommüll gelagert werden soll. Nun ist klar, dass womöglich direkt unter der Stadt Delitzsch ein geeignetes Lager eingerichtet werden könnte. Grund dafür ist eine Gesteinsformation, die tief unter der Stadt liegt. Noch ist nichts entschieden, aber im Delitzscher Rathaus schrillen die Alarmglocken.

Geeignetes Gestein 400 Meter unterhalb von Delitzsch

Manfred Wille, der parteilose Oberbürgermeister von Delitzsch, erklärt die geologischen Fakten so: "Es ist eine Fläche von 104 Quadratkilometern im Gebiet zwischen Leipzig und Bitterfeld, die Kernzone liegt direkt unter Delitzsch. Das ist sogenannter Pluton, eine besondere geologische Formation in mehr als 400 Meter Tiefe. Und diese Formation könnte möglicherweise geeignet sein."

Welche Standorte sind geeignet?

Um als geeigneter Standort für die Atommüllendlagerung in Frage zu kommen, muss ein Gebiet eine Vielzahl von Bedingungen erfüllen. Dazu zählen unter anderem folgende:

  • Es darf beispielsweise keine Risikoregion für Erdbeben sein, ebenso sollte es keine negativen Einflüsse aus bergbaulicher Tätigkeit geben.
  • Das zukünftige Endlager soll in mindestens 300 Meter Tiefe liegen.
  • Eine mächtige Schicht aus Tongestein, Steinsalz oder Kristallingestein soll die hochradioaktiven Abfälle umgeben.
  • Naturschutzgebiete, Kulturdenkmäler oder dicht besiedelte Gebiete sollen möglichst nicht beeinträchtigt werden.

Dass Atommüll unter ihrer Stadt gelagert werden könnte, mit diesem Gedanken will sich niemand in Delitzsch anfreunden. Eine kleine Umfrage unter den Bewohnerinnen und Bewohnern der Kleinstadt zeigt, viele befürchten, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wird: "Wenn sie es machen, machen sie es, da fragen sie uns nicht", meint ein Passant.

Karte zu möglichen Gebieten für ein Atommüllendlager in Sachsen
Welche Regionen in Sachsen sind geologisch zu geeignet, in den nächsten Jahrhunderten als Atommüllendlager zu fungieren? Bund und Land kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Bildrechte: Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie

Stadtrat ruft zu Widerstand auf

Die Entscheidung, ob das Gebiet unter Delitzsch wirklich als Endlager in Frage kommt, wird erst in den nächsten Monaten oder sogar Jahren entschieden. Das Rathaus will nicht einfach abwarten. Stadtrat Uwe Bernhardt von den Freien Wählern ruft zu einem partei- und fraktionsübergreifenden Bündnis auf. Denn Delitzsch und die gesamte Region habe gerade erst die Schäden des Tagebaus verdaut: "Die Delitzsch-Bitterfelder Region als ehemaliges Braunkohlegebiet hat bereits in der Vergangenheit und über die Wende hinweg einen großen Beitrag für die Energieversorgung in diesem Land getragen. Deshalb gilt es parteiübergreifend, egal wie man politisch tickt, zusammenzustehen und Widerstand zu leisten."

Oberbürgermeister will Zivilgesellschaft mobilisieren

Auch der Oberbürgermeister richtet einen Appell an die Delitzscherinnen und Delitzscher: "Mir geht es darum, dass wir schon frühzeitig die Zivilgesellschaft beteiligen. Neben den behördlichen geologischen Fachexperten, deren Untersuchungen ja außer Frage stehen, geht es darum, die Bevölkerung frühzeitig aufzuklären und vor allem davor zu warnen, dass es hier nicht zu Müllimporten kommt innerhalb Deutschlands."

Digitale Konferenz soll für Aufklärung sorgen

Schon in rund einer Woche könnte sich die Bevölkerung aktiv für ihre Region stark machen. Vom 10. bis 12. Juni findet eine digitale Fachkonferenz statt, erklärt eine Sprecherin des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE): "Es ist eine selbstorganisierte Fachkonferenz, zu der jeder kommen kann - Bürgerinnen und Bürger, Organisationen, Politikerinnen und Politiker und Akteure aus der Wissenschaft." Ziel sei es, die Bevölkerung aufzuklären, Fragen zu beantworten, Meinungen einzuholen und Transparenz zu schaffen.

Endgültige Entscheidung erst in mehreren Jahren erwartet

Eine weitere Fachkonferenz soll es den Angaben zufolge im August geben. "Danach erarbeitet die Fachkonferenz eine Stellungnahme, die im Spätsommer der Bundesgesellschaft für Endlagerung übergeben wird", erklärte die BASE-Sprecherin weiter. Unsere Stellungnahme wird ins weitere Suchverfahren mit einbezogen." Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) sei dann dafür verantwortlich, aus den bisher 90 in Frage kommenden Endlagern in Deutschland auszusieben. In neun Jahren, so der Plan, will sich die BGE auf einen Standort festlegen. Bis 2031 soll ein atomares Endlager gefunden werden.

Suche in Sachsen nach einem Atommüllendlager Die Bundesgesellschaft für Endlagerung ist seit geraumer Zeit auf der Suche nach einem geeigneten Atommüllendlager. Im September vergangenen Jahres hat die BGE rund 62 Prozent der Fläche in Sachsen (11.526 Quadratkilometer) als geeignet ausgewiesen. In einer fachlichen Stellungnahme kam das Landesamt für Geologie zu einer anderen Einschätzung. Demnach seien nur rund 6.155 Quadratkilometer potentiell geeignet für ein Atommüllendlager (rund 29 Prozent der Fläche des Freistaats).    

Den Angaben zufolge sind vor allem die Regionen Erzgebirge, Lausitzer Bergland, Mittelsächsisches Hügelland sowie Teile der Leipziger Tieflandsbucht geeignet.

Quelle: MDR/kp/ms

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Leipzig | 02. Juni 2021 | 16:30 Uhr

8 Kommentare

AlexLeipzig vor 15 Wochen

Mein erster Gedanke war: ist heute der erste April? Atommüll unterhalb einer 25.000 Einwohner-Stadt "vergraben"? Eine absurde Vorstellung! Hoffentlich denken die Delitzsch jetzt mal intensiv über ihren Stromanbieter nach.

Basil Disco vor 15 Wochen

Jetzt rächt es sich, dass man nicht nur in Delitzsch jahrzehntelang mehrheitlich die Atomparteien gewählt hat. Wenn jetzt die Partei der erfolglosen ehemaligen CDU-Mitglieder (Freie Wähler) zum "Widerstand" aufruft ist das billiger Populismus. Und lieber Ralf Richter: Ich würde Ihre Lösung befürworten wenn dafür im Gegenzug sämtliche Sonderförderung für "den Osten" eingestellt würde. Die Abermillionen, die in die Infratstruktur im Osten geflossen sind, wurden sicher nicht im Osten erwirtschaftet.

Reiner Wahnsinn vor 15 Wochen

@Kelte vom Oechsenberg: Die Delitzscher nutzten nie und nutzen keinen Atomstrom,sondern immer nur Kohlestrom, auch wenn die Stromrechnungen der Anbieter anderes suggerieren möchten. Klar, es kamen minimal Wind- und Sonnenstrom dazu. Warum sollte es nun für Delitzscher verpflichtend sein, Atommüll aus den gebrauchten Bundesländern unter ihren Vorgärten zu lieben, nur weil das Zeug im Westen keiner "verpflichtend" haben will? Ich stimme den Ausführungen von Ralf Richter vollumfänglich zu. Sollte ich Ihre Ehre als Wessi angegriffen haben, fressen Sie bitte Ihren Frust lieber in sich hinein, als mir zu antworten.

Mehr aus Torgau, Halle und Wittenberg

Mehr aus Sachsen