Runder Tisch Wo bleibt die Perspektive, Herr Kretschmer?

Ein Ende der Corona-Krise ist nicht absehbar und die Menschen werden ungeduldig. Möglicherweise drohen schon bald härtere Maßnahmen, wenn sich die Lage in den Krankenhäusern weiter so zuspitzt. Um den sozialen Frieden ein Stück mit zu erhalten, hat der Delitzscher Oberbürgermeister Manfred Wilde einen Runden Tisch per Video-Schalte organisiert und zum Austausch eingeladen.

Grüne Pfeile, rote Linien und Verbotsschilder sind für die Einhaltung von Abständen auf den Fußboden geklebt
Wie sollen Handel, Kulturschaffende und Unternehmer in Zukunft überleben? Wie werden wir alle mit dem Virus leben? Diese Fragen blieben am Mittwoch bei einem Runden Tisch unbeantwortet. Bildrechte: dpa

In einer Onlinedebatte haben mehrere sächsische Verbandsvertreter echte Öffnungsstrategien statt ständiger Lockdowns verlangt. "Ich höre politisch davon gar nichts", kritisierte Anne Pallas vom Landesverband Soziokultur am virtuellen Runden Tisch, den der Delitzscher Oberbürgermeister Manfred Wilde initiiert hatte. Auch Vertreter von Einzelhandel, Gastronomie und Wirtschaft fragten nach Perspektiven und wie man "mit dem Virus leben" wolle. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hatte kein fertiges Konzept parat.

Welche Öffnungsstrategien gibt es? Wir verlieren unsere Menschen.

Kurt Kirpal Unternehmer aus Wermsdorf (Nordsachsen)

Mehrfach erklärte Kretschmer, dass Sachsen "zu niedrigen Inzidenzzahlen gelangen" und "das Land zur Ruhe kommen" müsse. "Danach bauen wir die Sache langsam wieder auf". Mit welchen konkreten Schritten das geschehen soll, dazu machte er im 130 Minuten langen Online-Austausch keine Angaben.

Kritische Auslastung bald erreicht

Vielmehr verwies der CDU-Politiker auf die steigenden Impfdosen pro Woche, Tests und besser aufgestellte Gesundheitsämter im Land und darauf, "dass das wärmere Wetter uns in die Hände spielt". Aber erst Ende Mai würden Impfungen "relevante Wirkung" zeigen. Bei der derzeitigen Infektionsentwicklung halte die Gesundheitsversorgung allerdings nicht bis dahin durch. Die Intensivstationen gelangten schon früher an ihre Belastungsgrenzen, so Kretschmer. Aktuell seien 1.200 Normalbetten mit Corona-Patienten belegt.

Auf den Intensivstationen sind wir am Ende. Wir können uns nicht auf Thüringen und Brandenburg verlassen. Wir sind auf uns alleine gestellt und an der Belastungsgrenze.

Prof. Dr. Christoph Josten sächsischer Krankenhauskoordinator und Vorstand am Uniklinikum Leipzig

Sächsische Regeln contra Bundesregeln?

Die Notbremse soll bei 1.300 mit Coronapatienten belegten Normalbetten gezogen werden. Mit dem Erreichen dieser 1.300er-Marke würden drei Werktage später Lockerungen im öffentlichen Leben und im Einzelhandel wieder zurückgenommen, sagte Kretschmer. Nur Kitas und Schulen sollen nach sächsischer Regelung weiterhin offenbleiben.

Er setze sich auch auf Bundesebene dafür ein, dass die Kindereinrichtungen geöffnet bleiben und vom verschärften Infektionsschutzgesetz ausgenommen werden. Ob Sachsen dem Gesetz andernfalls die Zustimmung verweigern wird, ließ er offen. "Wir werden sehen", sagte er.

Michael Kretschmer
Ministerpräsident Michael Kretschmer hörte an einem online organisierten Runden Tisch Verbands- und Wirtschaftsvertretern, Eltern und Schülern zu und begründete das Handeln der Landesregierung in der Corona-Krise. Bildrechte: dpa

Freistaat lockert Impfprioritäten

Änderungen soll es bei der Priorisierung der Corona-Schutzimpfung geben. "Wir haben uns dazu durchgerungen, die Prioritätengruppe 3 ab nächste Woche zu öffnen", sagte Sozialministerin Petra Köpping (SPD) in der Videorunde. So sollen sich Kameradinnen und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehren für Impfungen anmelden können. Wer noch alles zum Personenkreis gehört, wurde am Mittwochabend nicht genannt. Schon bisher konnten sich aus dieser Gruppe Menschen im Alter ab 60 für eine Impfung anmelden.

Mediziner für Impfungen 20- bis 50-Jähriger

Der Krankenhauskoordinator und Chef-Mediziner des Universitätsklinikums Leipzig, Prof. Dr. Christoph Josten mahnte in der Runde eine viel stärkere und umfassender Lockerung der Impfpriorisierung an. Die Gruppe mit der größten Mobilität sei jetzt zu impfen - das seien die 20- bis 50-Jährigen. "Die Situation ist deutlich dramatischer, als es die meisten annehmen", warnte der Mediziner. Noch nie seien so viele junge Menschen auf den Intensivstationen gelandet wie jetzt. Derzeit habe bundesweit kein Krankenhaus eine solche Belastungen zu bewältigen wie das Klinikum Chemnitz. Das hänge vor allem mit der hohen Zahl britischer Virus-Varianten zusammen.

Gespräche in Moskau über Sputnik V

In der kommenden Woche will Regierungschef Kretschmer in Moskau Gespräche über den russischen Impfstoff Sputnik V führen. Dabei gehe es um Informations- und Erfahrungsaustausch. Die Mehrzahl der deutschen Ministerpräsidentinnen und -präsidenten sei davon überzeugt, dass Russland es geschafft habe, "einen sehr guten Impstoff zu produzieren". Kretschmer lehnte Notzulassungen ab und sprach sich für "ein anständiges Zulassungsverfahren" aus. In Moskau wolle er dafür werben, dass die Hersteller "intensiv mit dem Paul-Ehrlich-Institut zusammenarbeiten, die ja für die EMA (Europäische Arzneimittelbehörde, Anmerk. d. Red.) die Zulassung machen".

Ich würde mich mit Sputnik V genauso impfen lassen wie mit jedem anderen Impfstoff, wenn er ordentlich zugelassen ist.

Michael Kretschmer sächsischer Ministerpräsident

Quelle: MDR/kk/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | in den Nachrichten | 14. April 2021 | 19:00 Uhr

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