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Desolate ZuständeLehrermangel: Delitzscher Oberschüler wenden sich verzweifelt an Kultusminister

24. November 2022, 11:44 Uhr

In Sachsens Schulen fehlen weiterhin Lehrkräfte. Deswegen und wegen der derzeitigen Erkältungswelle fällt viel Unterricht aus. An einer Oberschule in Delitzsch sind dies schon mehrere hundert Stunden in diesem Schuljahr. Schüler haben in ihrer Not einen Brief an Kultusminister Christian Piwarz (CDU) geschrieben. Er will sich nun kurz vor Weihnachten mit den Schülern treffen.

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Aus dem Brief des Schülerrats der Artur-Becker-Oberschule in Delitzsch spricht Verzweiflung: "Wir Schüler kommen teilweise nur für eine oder zwei Stunden in die Schule." In manchen Klassen falle der Unterricht ganz aus, weil Lehrer fehlen, schreiben die Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 bis 10. Sie fragen sich, wie sie den verpassten Stoff aufholen sollen: "Früher hat man sich über Ausfall gefreut. Heute jedoch hat man einfach nur Angst um seine Prüfungen."

Wir Schüler kommen teilweise nur für eine oder zwei Stunden in die Schule.

Schülerrat der Artur-Becker-Oberschule in Delitzsch

Der Elternrat der Oberschule hat allein für September in einer Statistik mehr als 300 Stunden Unterrichtsausfall erfasst, weil Stellen nicht besetzt sind. Hinzu kamen demnach noch einmal so viele wegen Krankheit. Aktuell gebe es in der Schule zwei Mathematiklehrer für 450 Schülerinnen und Schüler. Musik und Kunst würden nur in einigen Klassen unterrichtet, Religion gar nicht, so der Elternrat. Andere Fächer seien so stark gekürzt worden, dass der Lehrplan nicht eingehalten werden kann.

Kultusminister vertröstet Schüler auf späteren Termin

Der Schülerrat hat deshalb in dem Brief Kultusminister Christian Piwarz (CDU) und den Präsidenten des Landesamtes für Schule und Bildung (Lasub), Ralf Berger, zu einem Gespräch am 23. November eingeladen, um über den Lehrermangel an ihrer Schule zu sprechen und was das Ministerium dagegen tun will. Doch das Kultusministerium winkt zunächst ab: Zu kurzfristig sei der Termin. Der Minister will sich nun aber kurz vor Weihnachten mit den Schülerinnen und Schülern zum Gespräch treffen.

Eine ähnlich angespannte Situation wie in Delitzsch gibt es derzeit an vielen sächsischen Schulen, sagte der Lasub-Sprecher, Roman Schulz, MDR SACHSEN. Doch er kann der Artur-Becker-Oberschule zumindest Hoffnung machen: "Delitzsch steht auf der Versorgungsagenda ganz oben." Die Oberschule sei im laufenden Einstellungsverfahren mit zwei bis drei neuen Lehrkräften ab Februar vorgesehen. Ob sich allerdings tatsächlich Lehrkräfte für die Schule entscheiden, sei offen. Die stellvertretende Schulleiterin Veronika Melzer sagte dazu MDR SACHSEN: "Wir sind über jeden Lehrer froh, der zu uns kommt." Der Schülerrat an der Artur-Becker-Oberschule glaubt, dass etwa zehn neue Lehrkräfte nötig sind, um die Situation an der Schule zu verbessern.    

Delitzsch steht auf der Versorgungsagenda ganz oben.

Roman Schulz | Sprecher des Landesamtes für Schule und Bildung

Das Problem bei den Neueinstellungen sei weiterhin: "Wollen die Menschen auch dorthin, wo wir sie brauchen?", sagte Schulz. Das Gebiet um Delitzsch in Nordsachsen zähle ebenso wie die Lausitz und das Erzgebirge zu den weniger attraktiven Regionen für angehende Lehrkräfte.

Insgesamt haben sich nach Angaben des Kultusministeriums 650 grundständig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer auf die Stellenausschreibungen des Landes beworben, davon etwa 500 Referendare, die sich bis Ende des Jahres noch im Vorbereitungsdienst in Sachsen befinden.

Dazu kommen nach Ministeriumsangaben fast 200 Quereinsteiger, die im November in Sachsen eingestellt wurden und ab Februar vor den Klassen stehen sollen.

Einstellungen von Seiteneinsteigern in Sachsen zum 1. November 2022
SchulartBautzenChemnitzDresdenLeipzigZwickauGesamt
Grundschule10553023
Oberschule101724221487
Gymnasium5245117
Förderschule9490527
Berufsbildende Schule6769945
Gesamt4035482929199

Quelle: Kultusministerium Sachsen

Doch reichen die geplanten Neueinstellungen aus, die vorhandenen Lücken bei der Stellenbesetzung zu schließen? Eher nicht, räumt Schulz ein. Derzeit gebe es neben den 800 unbesetzten Stellen etwa 700 Lehrerinnen oder Lehrer, die wegen Schwangerschaft oder Krankheit nicht im Dienst sind. "Der Lehrermangel ist und bleibt eine Baustelle", sagt Schulz. Das Kultusministerium will deshalb im kommenden Schuljahr nach eigenen Angaben die Einstellungsvoraussetzungen für Seiteneinsteiger lockern und auch Bewerberinnen und Bewerber mit Fachhochschulabschlüssen zulassen. Außerdem hat Kultusminister Christian Piwarz Teilzeit-Lehrkräfte gebeten, mehr zu arbeiten.   

Lehrkräfte pendeln zwischen Schulen

Um den Unterrichtsausfall zu mildern, werden auch an vielen Schulen Lehrkräfte abgeordnet. Oft helfen sie nur für einzelne Stunden an benachbarten Schulen aus, wenn dort Lehrer fehlen oder erkrankt sind, sagte Lasub-Sprecher Schulz. "Auch in den Gymnasien nutzen wir das Programm Unterrichtsversorgung zur Absicherung." Das führe aber häufig zu Protesten von Eltern, weil dann auch an den Schulen, von denen Lehrer abgeordnet werden, die Unterrichtsversorgung leide.

MDR (kbe/msc)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Nachrichten | 18. November 2022 | 16:00 Uhr

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