LGBTQ-Porträtfilm "Caroline hatte Vertrauen in uns": Transidentität und Kindheitstrauma in Debüt von Leipziger Filmemachern

Die beiden Leipziger Filmemacher Oliver Matthes und Volker Klotzsch haben in diesem Jahr ihr Herzensprojekt "Und ruhig fließt der Rhein" veröffentlicht - ein emotionaler Porträtfilm über Caroline, die ihre traumatische Kindheit verarbeitet und in einem neuen Leben ankommt. In einer ersten Version erhielt der Film unter anderem den vom MDR geförderten FinEx-Preis. Die Langfassung wurde auch durch die Kulturstiftung Sachsen unterstützt. MDR SACHSEN hat mit Volker Klotzsch über die Entstehung und die Bedeutung des Films gesprochen.

Eine Frau sitzt im Halbdunkel an einem Tisch und schaut aus dem Fenster.
Caroline, die Protagonistin des Films "Und ruhig fließt der Rhein", blickt aus dem Fenster. Bildrechte: Root Films

Seit etwa fünf Jahren begleitet der Leipziger Filmemacher Volker Klotzsch die Protagonistin Caroline. Für seinen Abschlussfilm lernte er die aus dem Rheinland stammende und nun in Leipzig Lebende kennen und ging mit ihr die letzten Schritte auf ihrem Weg vom Mann zur Frau. Im Herbst diesen Jahres feierte "Und ruhig fließt der Rhein" endlich Weltpremiere auf den Hofer Filmtagen. "Wir haben eine gute Rückmeldung zu dem Film bekommen. Die Umsetzung sei uns empathisch gelungen, hat man uns gesagt, aber ich denke, der Film polarisiert auch", sagte Volker Klotzsch im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Eine Gruppe Menschen steht vor einem Kino.
Caroline und ihr Partner (Mitte), Oliver Matthes und Volker Klotzsch (1.u.2.v.r.) sowie weitere Beteiligte bei der Premiere des Films im Herbst in Hof. Bildrechte: Hofer Filmtage/Thomas Neumann

Schicksalsschlag gibt Film neue Ebene: Kindheitstrauma

Im Laufe der Entstehung als Langfilm kam der Leipziger Filmemacher Oliver Matthes im Regisseur-Team dazu und Caroline erhielt die Nachricht, dass ihr Vater im Sterben liegt. Dadurch wurden verdrängte Kindheitserinnerungen wach. So wurde aus dem ursprünglich monothematischen Film über Transidentität ein emotionaler Porträtfilm auch über das Verarbeiten einer traumatischen Kindheit, die geprägt war von sexuellem Missbrauch durch ein Familienmitglied.

Wir thematisieren das Menschsein. Ich würde mir wünschen, dass man bei den Themen Transidentitäten und sexualisierte Gewalt einfach als Erstes zuhören lernt und den Menschen ernst nimmt, anstatt Täter-Opfer-Vergleiche zu machen oder den Diskurs auf geschlechtsangleichende OP zu reduzieren.

Volker Klotzsch Filmemacher aus Leipzig

Leipzig und das Rheinland als Schauplätze

"Ich wusste selbst nicht, was mit mir los war", kommentiert Caroline im Film ihre Gefühle und die sie plagenden Albträume. Caroline arbeitet als Serviererin in Leipzig und zu ihren Hobbies zählt unter anderem der Besuch des jährlichen Wave-Gotik-Treffens.

Einem Freund von früher erzählt sie im Film, dass sie viel Mut aufbringen musste, mit ihrer neuen Identität in die Öffentlichkeit zu gehen. Der Film wechselt zwischen dem Rheinland und Leipzig als Schauplätzen, vermittelt Informationen über Carolines Vergangenheit und begleitet die zum Teil sehr intimen Therapiesitzungen, an denen sie teilnimmt.

Eine Hand hält eine tarotähnliche Karte, auf der "Das Kind" und "Und ruhig fließt der Rhein" steht.
Eine Zuschauerin hält bei der Premiere einen Flyer zum Film in der Hand. Bildrechte: Hofer Filmtage/Thomas Neumann

Caroline gewährt emotionale Einblicke

Mit Carolines sogenanntem "dead name" - also ihrem Namen vor der Geschlechtsangleichung - geht sie und geht der Film offen um. Der Name Reiner fällt recht häufig und die Zuschauenden erfahren, dass Caroline Mitteilungen an Reiner verfasst hat als Bewältigungsstrategie. Sie setzt den "dead name" im Film mehrfach selbst, wodurch klar wird, dass sie viel Vertrauen in den Produktionsprozess hatte. Dieses Gefühl von Vertrauen bestätigt auch Klotzsch im Gespräch und erläutert die Bedeutung dieses Verhältnisses und warum der Film so individuell ist.

Jede Biografie hat ihren Ursprung in Lebenserfahrungen, die positiv oder negativ konnotiert sein können. Uns war klar: Wenn wir uns auf Caroline und ihre Bewältigung einlassen, dann kann das nur ein Film über sie sein - ein Mensch von vielen. Für andere zu sprechen, war nie unser Anspruch.

Volker Klotzsch Filmemacher aus Leipzig

Fertigstellung des Films dank Fördergeldern und Spenden

Ermöglicht wurde der Film unter anderem durch die Kulturstiftung Sachsen. "Dort war man wirklich sehr kooperativ. Dafür sind wir dankbar", sagte Klotzsch. Für die Post-Produktion des Films veranstalteten Klotzsch und Matthes dann eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne.

"Und ruhig fließt der Rhein" ist kein Film für den Genuss, sondern er nimmt emotional mit. Vor allem Menschen, die in der Therapie arbeiten, hätten sich bisher bei den beiden Filmemachern gemeldet. In der Zukunft wollen sie weiter tiefgründige und mutige Dokumentarfilme produzieren, persönliche Schicksalsgeschichten erzählen und Lösungsmöglichkeiten für gesellschaftliche Probleme anbieten.

Quelle: MDR(sm)

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