Lernschwäche Kinder mit Dyskalkulie werden benachteiligt

Etwa drei bis acht Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind von einer Rechenschwäche betroffen – ähnlich viele wie von einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Doch in keinem Bundesland haben die Schüler die gleichen Rechte. Die Schüler mit Rechenschwäche müssen ihre Lerntherapien aus eigener Tasche finanzieren.

"Null mal sieben ist gleich sieben. Ein mal sieben ist gleich 14", sagt Lucca. Die 13-Jährige hat eine Rechenschwäche – eine sogenannte Dyskalkulie. Deshalb absolviert das Mädchen eine Lerntherapie. Die 180 Euro pro Monat müssen ihre Eltern aus eigener Tasche bezahlen. Denn Schülerinnen und Schüler mit Dyskalkulie haben in keinem Bundesland die gleichen Rechte wie die mit Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS).

Die WHO definiert Dyskalkulie als eine schwere Störung beim Erlernen des Rechnens. Der Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie geht von etwa drei bis acht Prozent Betroffene in der Bevölkerung aus. Von der Lese-Rechtschreibschwäche sind je nach Schätzung zwischen fünf und zehn Prozent betroffen.

Lehrer nicht auf Dyskalkulie vorbereitet

"Bei Lucca haben wir vorgefunden, dass sie massive Probleme im räumlich-visuellen Wahrnehmungsbereich hat", sagt ihr Lerntherapeut Sven Lychatz. Er versucht über das Erkennen von Mengen auf die Symbolebene überzuleiten und so zu rechnen. Das Mädchen geht in die sechste Klasse der Sportoberschule in Leipzig.

Lucca und ihre Eltern sagen, dass sich ihr Mathelehrer Tobias Reichard viel Mühe mit allen Schülerinnen und Schülern gibt – auch in Homeschooling-Zeiten. Aber auf den Umgang mit Dyskalkulie hat ihn in über 30 Berufsjahren niemand vorbereitet, berichtet er: "Ich fühle mich nicht ausreichend ausgebildet, um auf die Rechenschwäche einzugehen." So könne nur jeder Lehrer für sich entscheiden, inwieweit er selbst daran arbeitet.

Das große Problem ist, da es keine anerkannte Lernschwäche ist, spielt es überhaupt keine Rolle ob ein Schüler Rechenschwäche hat oder nicht.

Tobias Reichard Mathelehrer an Sportoberschule in Leipzig

"Der Schüler muss im zehnten Schuljahr die Prüfung in der Zeit absolvieren wie alle anderen Schüler auch", so Reichard.

Die meisten Lehrerinnen und Lehrer sind nicht dafür ausgebildet, Kinder mit Rechenschwäche parallel zum normalen Mathe-Unterricht zu fördern, kritisiert einer der renommiertesten Mathematik-Didaktiker in Deutschland, Wolfram Meyerhöfer: "Es gibt einfach einen bestimmten Anteil von Kindern, die im Mathematikunterricht das Rechnen nicht lernen." Das komme auf die jeweiligen Lehrerinnen und Lehrerin an. "Prinzipiell besteht in allen Bundesländern das Problem, dass den Eltern eigentlich die Problemlösung zugeschoben wird. Das heißt, dass sie die Rechenschwäche-Therapien privat bezahlen müssen.”

Große Unterschiede bei den Bundesländern

Im Ländervergleich gibt es große Unterschiede: Neben Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es auch in fünf westlichen Bundesländern keine schulrechtlichen Regelungen für den Umgang mit Dyskalkulie. Kinder, Eltern und Lehrkräfte müssen improvisieren. In weiteren sieben Bundesländern gibt es einzelne schulrechtliche Regelungen, jedoch oft nur für Grundschulkinder.

Nur in Mecklenburg-Vorpommern haben Betroffene aller Schulklassen ein Recht auf Nachteilsausgleich. Dort dürfen sie etwa Hilfsmittel bei Prüfungen nutzen. Außerdem kann die Benotung ausgesetzt werden.

In Sachsen hatten sich 2018 mehrere Elternräte zusammengetan und eine Petition gestartet, in der sie von der Staatsregierung mehr Unterstützung für Kinder mit Rechenschwäche fordern. Doch warum behandelt der Freistaat die Schülerinnen und Schüler mit Dyskalkulie nicht genauso wie jene mit LRS?

Sachsen fördert Therapien für Schüler nicht

"Bei Schwierigkeiten im Erlernen des Rechnens ist die Forschungslage sehr widersprüchlich. Und wir sagen nicht, dass es keine SchülerInnen gibt, die Schwierigkeiten haben", erklärt Richard Neun, Referatsleiter für Grund- und Förderschulen im Sächsischen Kultusministerium. Doch es müsse mit einem konsequenten und guten Mathematikunterricht angesetzt werden, um diese Schwierigkeiten zu überwinden. "Es kommt uns nicht darauf an, irgendeinen Status zu diagnostizieren, sondern in der Diagnostik festzustellen, wo ist das Kind, um darauf aufbauend die geeignete Förderung für dieses Kind zu etablieren.”

Doch an Luccas Schule in Leipzig – so wie auch an vielen anderen Schulen in Sachsen – gibt es keine Möglichkeit einer gezielten Dyskalkulie-Förderung und auch keine rechtliche Gleichstellung mit der Lese-Rechtschreib-Schwäche.

Lucca findet, "dass jetzt LRS so mehr gefördert wird so und Dyskalkulie jetzt gar nicht finde ich ein bisschen doof weil Dyskalkulie ist genauso eine Schwäche wie LRS. Er wird also weiterhin auf die privat finanzierte Lerntherapie angewiesen bleiben und auf das persönliche Engagement seines Lehrers.

Quelle: MDR exakt/ mpö

Mehr zum Thema Schule

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 14. Juli 2021 | 20:15 Uhr

Mehr aus der Region Leipzig

Mehr aus Sachsen