Lärmschutz Gutachten rät von Flughafen-Ausbau Leipzig/Halle ab

Der Flughafen Leipzig/Halle soll ausgebaut werden: mehr Stellplätze, mehr Starts und Landungen – auch in der Nacht. Denn in erster Linie soll der Luftfrachtverkehr gestärkt werden. Schon seit Jahren beschweren sich Anwohner über den Lärm des stadtnahen Airports. Nun geht der Streit in die nächste Runde. Denn nachdem Bürgerinitiativen bereits mehrfach auf die Lärmbelästigung hingewiesen haben, legt die Fraktion der Grünen im Sächsischen Landtag ein Lärmgutachten vor. Das Fazit: Ein Ausbau des Flughafens wird nicht empfohlen - dafür mehr Schutz für die Anwohner.

Der Fluglärm am Airport Leipzig/Halle kann gesundheitsschädliche Auswirkungen auf die Bevölkerung haben. Zu diesem Schluss kommt ein lärmmedizinisches Gutachten der Universität Mainz, das die Fraktion der Grünen im Sächsischen Landtag in Auftrag gegeben hatte. Demnach ist besonders der Lärm in der Nacht schädlich für die Gesundheit und kann unter anderem zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Von einem weiteren Ausbau des Flughafens, der mehr Starts und Landungen mit sich bringen soll, rät das Gutachten ab.

Gutachten: "Lärmbedingte Krankheitsgefahr nicht zumutbar"

Gutachter Thomas Münzel, Professor für Kardiologie und Angiologie an der Universität Mainz, betonte bei der Vorstellung seines Gutachtens den dringenden Handlungsbedarf in Bezug auf den Lärmschutz: "Für den Flughafen Leipzig/Halle liegen zahlreiche Messdaten aus der Messstation Großkugel vor. Anhand der dort aufgezeichneten Lärmereignisse lässt sich feststellen, dass diese aufgrund der beschriebenen lärmbedingten Krankheitsgefahr für die Anwohnerinnen und Anwohner nicht zumutbar sind."

Insbesondere Nachtfluglärm wirke sich schädlich auf die Gesundheit aus. Dieser mache einen überproportional hohen Anteil der Flüge im Fall Leipzig aus. "Bei dem, was wir evaluiert haben, waren die Werte deutlich zu hoch", erklärt der Professor. "Es war weit jenseits von dem, was die Weltgesundheitsorganisation empfohlen hat." Genauere Angaben zu den untersuchten Werten machte Münzel nicht.

Hintergrund: Gutachter Thomas Münzel

Thomas Münzel ist Professor für Kardiologie und Angiologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er hat sich unter anderem auf die Erforschung von Gesundheitsschäden in Folge von Lärm spezialisiert. So erschien bereits 2013 ein wissenschaftlicher Artikel im Fachblatt "European Heart Journal" zum Einfluss der nächtlichen Lärmbelastung von Flugzeugen auf die Gefäße und die Freisetzung von Stresshormonen.

Warum ist Lärm gesundheitsschädigend? Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO zählt Lärmbelastung zu den wichtigsten umweltbedingten Gefahren für die körperliche und psychische Gesundheit in Europa. In den "Leitlinien für Umgebungslärm für die Europäische Region" hat die WHO deshalb festgelegt, dass tagsüber der Lärmpegel von Flugzeugen nicht über 45 Dezibel liegen sollte. In der Nacht empfehlen die Experten einen Wert von unter 40 Dezibel im Freien. In Häusern und Wohnungen sollten der Pegel 25 Dezibel nicht überschreiten.

Das Problem mit dem Lärm ist, dass er unter anderem Stress auslöst. Das passiert beispielsweise dann, wenn zu viel Lärm zu Schlafstörungen führt. Der Stress kann dann zu physiologischen Stressreaktionen führen – die Reaktionen werden also körperlich spürbar. Am Ende führt eine ständige Lärmbelastung zu einem erhöhten Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Bluthochdruck, koronare Herzerkrankung, Herzinfarkt und Schlaganfall. World Health Organisation (WHO)

Grüne: "Stehen Ausbau kritisch gegenüber"

Dazu erklärt Daniel Gerber, Leipziger Abgeordneter der Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag: "Die Lärmbelastung am Flughafen Leipzig/Halle stellt schon seit vielen Jahren ein Problem für die umliegenden Bewohnerinnen und Bewohner dar. Darum rufen die aktuellen Ausbaupläne völlig zurecht einige Bürgerinitiativen auf den Plan. Auch wir als Bündnisgrüne-Fraktion stehen dem geplanten Ausbau sehr kritisch gegenüber."

Widerstand gegen Ausbaupläne des Flughafen

Das Gebiet um den Leipziger Airport ist dicht besiedelt, der Flughafen stadtnah. Dennoch verfügt er über eine uneingeschränkte Nachtfluggenehmigung. Das macht ihn so attraktiv für die Frachtwirtschaft. DHL will das Drehkreuz Leipzig deshalb ausbauen. Doch das stößt bei Bürgern, Initiativen und auch in den Rathäusern der umliegenden Gemeinden auf Widerstand.

Im Planfeststellungsverfahren hatte beispielsweise der Leipziger Stadtrat auf seiner Ratsversammlung den Ausbauplänen des Flughafens eine Absage erteilt - in der aktuellen Form. Mit großer Mehrheit wurde eine Wiederholung des Beteiligungsverfahrens gefordert. Konkret hatten die Räte ungenaue Prüfungen zum Nacht- und Bodenlärm bemängelt. Auch andere Gemeinden wiesen die Pläne zurück - aus Angst vor noch mehr Lärm.

Empfehlung: Mehr Schallschutz-Maßnahmen

Aus Sicht des Gutachters Münzel müssten "strengere Maßnahmen ergriffen werden, um unter die von der WHO festgesetzte Grenze von 25 Dezibel Innenlärmpegel zu kommen. Das bedeutet aktive Schallschutzmaßnahmen für diejenigen, die innerhalb und knapp außerhalb der Schutzzone wohnen." Außerdem sei eine gesetzlich festgelegte Nachtruhe von 22-6 Uhr nötig.

Aufgrund der gesundheitlichen Nebenwirkungen von Fluglärm und mit Blick auf das Pariser Klimaabkommen empfehle ich keinen weiteren Ausbau des Flughafens!

Thomas Münzel Professor für Kardiologie und Angiologie

Als Schutzmaßnahmen, um den Schall vor allem in der Nacht zu reduzieren, nennt Münzel in seinem Gutachten drei Möglichkeiten: das sogenannte CDA Approach, also den kontinuierlichen Abstieg der Flugzeuge, ein steileres Landen aus einer höheren Flugfläche und den GPS gesteuerten Anflug über bevölkerungsarme Gebiete. Zudem sei es sinnvoll, den Flugverkehr nachts einzuschränken und mehr Flüge auf die Tagstunden zu verlagern. Auch Start- und Landeverbote für besonders laute Maschinen seien denkbar.

CDA

CDA steht für Continuous Descent Approach und bedeutet übersetzt kontinuierlicher Sinkflug. Die Deutsche Flugsicherung beschreibt den Vorgang als ein Anflugverfahren, bei dem das Flugzeug mit minimaler Triebwerksleistung - idealerweise im Leerlauf - sinkt und weitestgehend Horizontalflugphasen vermeidet. Dadurch werde Treibstoff eingespart, der Ausstoß von CO2 verringert und es könne Lärm reduzieren.

Maximale Flughöhe und steiler Sinkflug

In einer Untersuchung, die im Rahmen des Deutschen Luft- und Raumfahrtkongresses 2016 vorgestellt wurde, wird beschrieben, wie durch eine "maximale Anhebung des Höhenprofils" eine Lärmreduzierung beim Landen erreicht werden kann. Demnach müsse die Maschine möglichst lange auf der Ausgangsflughöhe fliegen, um dann anschließend möglichst steil abzusteigen. Dazu müsse noch im Horizontalflug das Fahrwerk ausgefahren und die Landegeschwindigkeit eingenommen werden. Das Verfahren führt den Wissenschaftlern zufolge zu einer deutlichen Lärmminderung.

Erhebung von Gebühren

An Flughäfen ist es üblich, dass Start- und Landeentgelte erhoben werden. Sie sind abhängig von der jeweiligen Lärmzertifizierung des Flugzeugtyps. Das bedeutet, für moderne leisere Flugzeuge wird eine geringere Gebühr fällig als für ältere lautere Maschinen. Fluggesellschaften sollen so dazu gebracht werden, lärmärmere Maschinen einzusetzen.

Der Betreiber des Flughafens Leipzig/Halle schreibt auf seiner Website: "Die lärmemissionsabhängige Staffelung der Entgelte ist ein wichtiger Bestandteil der Bemühungen zur Reduktion des Fluglärms am Flughafen Leipzig/Halle." Sowohl die Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag als auch Bürgerinitiativen halten die Gebühren in Leipzig für deutlich zu niedrig. Laut der Bürgerinitiative "Gegen den Fluglärm" werden beispielsweise für die Antonow AN-124 in Leipzig für Start oder Landung Entgelte in Höhe von 6.000 Euro fällig - egal ob am Tag oder in der Nacht. "Am Flughafen Frankfurt/Main müssen die Airlines 25.000 Euro pro Start und Landung zahlen - tagsüber. Und wenn sie in der Nachtkernzeit zwischen 0 und 5 Uhr starten, bezahlen sie in Frankfurt 98.000 Euro."

Flughafenbetreiber sehen keine Probleme

Thomas Reinhold, Leiter Kommunikation und Politikbeziehungen bei der Mitteldeutschen Flughafen AG, teilte auf Nachfrage zu dem Gutachten mit: "Wir kennen die Unterlagen von Prof. Münzel noch nicht. Die Planfeststellungsbehörde hat unseren Planänderungsantrag zum Ausbau des DHL-Drehkreuzes mit allen vorgelegten Plänen, Erläuterungsberichten, Gutachten und sonstigen Unterlagen eingehend geprüft und die Vollständigkeit bestätigt, auch was die Darstellung der Auswirkungen des Vorhabens einer Vorfelderweiterung betrifft."

Flughafenausbau - Was ist geplant? Mehr als 60 Fracht-Airlines steuern den Flughafen Leipzig/Halle an. Das Streckennetz umfasst mehr als 200 Ziele überall auf der Welt. Die Nachfrage steigt von Jahr zu Jahr. Mehr als 1,22 Millionen Tonnen Luftfracht wurden 2018 am DHL-Drehkreuz Leipzig/Halle bewegt - das Frachtvolumen hat sich in den vergangenen Jahren verzehnfacht.

Um das Verkehrswachstum auch in Zukunft bewältigen zu können, sollen nun das Vorfeld 4 erweitert, zusätzliche Rollwege, Rangierflächen, Stellflächen und Logistikgebäude gebaut werden. Es soll Platz für zusätzlich 66 neue Frachtflugzeuge vor dem Verteilerzentrum entstehen.

Ein entsprechendes Planänderungsverfahren wurde im vergangenen Jahr bei der Landesdirektion Sachsen beantragt und hat begonnen. Der Flughafen will sein rund 60 Hektar großes Vorfeld um 40 Hektar erweitern; bis 2032 wird mit rund 50 Prozent mehr Frachtfliegern gerechnet. Nach diesem Plan würde dann alle vier bis fünf Minuten ein Flugzeug starten bzw. landen.

Quelle: MDR/kp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 10. Mai 2021 | 19:00 Uhr

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