Vorsorgeuntersuchungen Der wachsende Druck auf werdende Mütter

Eine Schwangerschaft ist nicht selten eine Zeit zwischen Vorfreude und Unsicherheit, in der sich viele eine Vertrauensperson an ihrer Seite wünschen – eine Hebamme. Gleichzeitig gibt es auch den Wunsch nach bestmöglicher medizinischer Versorgung – einem Arzt. Doch offenbar ist es nicht möglich, beides in Einklang zu bringen. Dabei geht es vor allem um Geld.

Eine junge Frau lächelt ihr Baby im Kinderwagen an.
Das Baby von Anne Peinze ist nun vier Monate alt. Doch während der Schwangerschaft hat sie ausgerechnet ihre Gynäkologin verunsichert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es sind Probleme, von denen Anne Peinze vor der Schwangerschaft nichts ahnte. Denn ausgerechnet ihre Gynäkologin hatte sie verunsichert. Dass die junge Mutter nicht richtig handele und "ich vielleicht mein Kind gefährde", berichtet sie.

Die damals 29-Jährige möchte nur die Ultraschall-Untersuchungen bei ihrer Ärztin machen lassen. Die restliche Vorsorge wünscht sich die werdende Mutter von ihrer Hebamme. Ein Modell, das ihre Ärztin ablehnt. Die besteht darauf, dass "ich auf jeden Fall einmal im Monat zu ihr kommen muss", sagt Anne Peinze. Die Ärztin müsse sie sehen und könne die Verantwortung, die sie trage, nicht einfach an die Hebamme abgeben. Andersfalls werde die Frauenärztin die Behandlung abbrechen müssen. "Ich müsste auf jeden Fall, wenn ich die Hebamme weitersehen wollte, trotzdem zu ihr kommen. Zwei identische Termine im Monat."

Eigentlich haben Schwangere in Deutschland ein gesetzlich festgeschriebenes Wahlrecht ihrer Vorsorge. Sie dürfen frei entscheiden, welche Termine sie bei einer Hebamme und welche bei einem Arzt durchführen lässt – zumindest theoretisch.

"Wenn ich weiß, eine Schwangere möchte sowohl als auch betreut sein, dann schlage ich immer vor, in den Wochen wo ich sie nicht betreue, kann sie zur Hebammenbetreuung gehen", erklärt Cornelia Hösemann vom Berufsverband der Frauenärzte in Sachsen. Auch die Ärztin aus Großpösna lehnt das ergänzende System ab und fordert: Wenn sich eine Schwangere ärztlich betreuen lässt, müsse sie einmal im Monat gynäkologisch untersucht werden.

Eingeschränkte Wahlfreiheit zwischen Arzt und Hebamme

Für Schwangere bedeutet also eine Vorsorge durch Gynäkologen und Hebammen oft eine enge Taktung und doppelter statt ergänzender Untersuchungen. Besteht die Wahlfreiheit also nur auf dem Papier? Ein Problem dahinter: "Der Arzt kann die Leistung entsprechend der Mutterschaftsrichtlinie nur durchführen, wenn er sie komplett erbringt", erklärt Hösemann. Das sei eine gesetzliche Vorgabe der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigungen. Es sei keine Entscheidung des Arztes.

Laut Mutterschaftsrichtlinie müssten Ärzte mindestens zwei Untersuchungen pro Quartal erbringen, teilt die Kassenärztliche Vereinigung auf Nachfrage von MDR exakt mit. Doch auch Hebammen dürfen – bis auf den Ultraschall – alle vorgeschriebenen Untersuchungen durchführen. Wenn Frauen von Anfang an bei einer Hebamme betreut werden wollen, sind sie leider immer wieder "in einem Konflikt", sagt Hebamme Sarah Quosh aus Leipzig. Sie bekomme den Druck, der auf Schwangere ausgeübt werde, leider immer häufiger mit. 

Hebammen dürfen fast alle Vorsorgeuntersuchungen durchführen

Dabei dürfen Hebamme auch Bluttest durchführen, um mögliche Komplikationen zu erkennen. "Sobald irgendwelche Patholgien auftreten, oder wir in der Vorsorge feststellen, es stimmt irgendwas nicht, sind wir immer in der Pflicht an die Ärztinnen mit zu überweisen und mit ins Boot zu holen", sagt Hebamme Quosh. Dennoch schränkt die Mutterschaftsrichtlinie die Wahlfreit der Frauen ein.

"Die Mutterschaftsrichtlinie zu überarbeiten wäre auf jeden Fall eine Forderung", sagt Thomas Altgeld. Er setzt sich im Rahmen einer Initiative des Gesundheitsministeriums für eine bessere Situation der Schwangeren ein. Es gehe ihm darum zu sagen, dass es "teilweise Routinen sind, die eben auch noch aus dem Beginn des Jahrtausends oder noch älter sind". Deswegen gebe es in Deutschland auch "eine überdurchschnittliche Behandlungsquote in der Schwangerschaft" im Vergleich zu anderen Ländern. Es sollte daher geschaut werden, was ist wirklich notwendig.

Vor allem, weil wir ja bei einer relativ teuren Versorgung in diesem System keinen überdurchschnittlichen gesundheitlichen Outcome haben.

Thomas Altgeld

Vorsorge für Schwangere: Hohe Ausgaben, keine Vorteile?

Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für die Schwangerenvorsorge in Deutschland ist in den letzten fünf Jahren um 14 Prozent gestiegen – ohne positive Auswirkungen auf das Gesundheitssystem. Denn die Frühgeburtenrate ist in den vergangenen zehn Jahren gleich hoch geblieben. Denn mit etwa acht Prozent liegt Deutschland im europaweiten Vergleich auf den hinteren Plätzen. Dennoch sieht das Bundesgesundheitsministerium keinen Handlungsbedarf, wie auf Anfrage von MDR exakt mitgeteilt wird.

So müssen viele Schwangere weiter einmal im Monat zum Arzt gehen, obwohl sie gesund sind. Ihre Hebamme dürfen sie in der Vorsorge nur zusätzlich sehen. Anne Peinze hat schließlich eine Ärztin gefunden, bei der sie nur für die Ultraschalluntersuchungen war: "Ich entscheide, was gut ist, wo ich mich wohlfühle." Da wolle sie sich nicht reinreden lassen. Ihr Kind ist inzwischen übrigens vier Monate alt.

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 21. Juli 2021 | 20:15 Uhr

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