Gesundheit Lungenarzt: Gehirnveränderungen bei Long-Covid-Patienten erschreckend

Der Lungenfacharzt Arne Drews aus Grimma hat seit Pandemiebeginn viele neue Erfahrungen in seiner Praxis machen müssen. Menschen, die wegen einer Corona-Erkrankung auf Intensivstationen lagen, sind bei ihm in Weiterbetreuung. Er hat bei Patientinnen und Patienten außerdem Gehirnveränderungen durch Long-Covid festgestellt. Katrin Funke hat mit dem Pneumologen gesprochen.

Ein Mann in weinrotem Shirt sitzt neben einem Bildschirm, das die Röntgenaufnahme eines menschlichen Oberkörpers zeigt.
Lungenarzt Arne Drews hat immer häufiger mit den Folgeschäden von Corona-Erkrankungen bei seinen Patienten zu tun. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Long Covid, Post Covid - wie erleben Sie die Spätfolgen von Corona-Erkrankungen in Ihrer Praxis?

Bei den Post-Covid-Patienten, da sehe ich Leute, die wirklich viele Monate damit zu tun haben. Die aus den Intensivstationen - also die im Krankenhaus mit Sauerstoff oder mit Beatmungsgerät versorgt worden sind - habe ich dann hier in der Weiterbetreuung.

Es heißt oft, es trifft nur die mit Vorerkrankungen. Manche sagen: Wer joggt und sich kalt duscht, kann es umgehen. Offenbar nicht, oder?

Es kann uns alle treffen, auf jeden Fall. Natürlich gibt es Risikofaktoren wie Alter, Gewicht und Vorerkrankungen. Die Statistiken zeigen - nicht nur in Deutschland, auch in Österreich und in der Schweiz  - wer jetzt im Krankenhaus liegt, das sind jüngere Menschen und Ungeimpfte. Die Älteren sind weitgehend geimpft. Die sind dadurch doch gut geschützt worden.

Die Erfahrung, dass es eben auch junge und gesunde Menschen in der Schwere treffen kann, wie hat das Ihre Sicht als Mediziner verändert?

Wir haben auf jeden Fall ständig dazugelernt. Was passiert? Wie schwer ist das Krankheitsbild? Wen erwischte es? Anfangs, mit der Ursprungsvariante, hat man noch gesehen, dass in den Familien Leute ausgespart wurden. Zum Beispiel hat es die Mutti bekommen, der Vater nicht, die Kinder auch nicht. Als dann ab Januar 2021 die britische Variante vorherrschte, ab da hat es niemanden mehr ausgespart.

Sie haben bereits gesagt, dass Impfen einen großen Schutz bietet, zumindest vor schweren Verläufen. Was sagen Sie Impfgegnern, mit denen Sie ja bestimmt auch zu tun haben?

Da gibt eine klare Antwort und die heißt "null und ja": Null Sekunden zögern und ja, diese Impfung wirkt und sie ist sicher. Impfen generell ist ja eine der der besten Erfindungen, die gemacht wurden, um Menschenleben zu retten. Und das sehen wir nicht nur bei Tetanus und bei Mumps, Masern, Röteln und all den Impfungen, die wir ja ohnehin schon viele Jahre kennen. Jetzt sehen wir es auch bei der Pandemie mit der Corona-Impfung. Über drei Milliarden Menschen auf der Welt sind schon geimpft. Also es gibt unglaublich viele Erfahrungen mit diesem Impfstoff. Oder mit den vielen Impfstoffen, die wir jetzt schon haben.

Was ich hier in der Praxis sehe, sind jetzt mittlerweile viele, die noch einmal Fragen haben, die noch nicht geimpft sind. Jetzt vielleicht aus den politischen Umständen oder weil die Oma gestorben ist, wollen sie sich jetzt doch gerne impfen lassen. Dafür bin ich dann natürlich da.

Dr. Arne Drews Arne Drews ist 1970 geboren und arbeitet als niedergelassener Lungenarzt in einer Praxis in Grimma im Landkreis Leipzig. Neben seinem Medizinstudium hat er Zentralasienwissenschaften studiert und unterstützt bereits seit Jahrzehnten ehrenamtlich Projekte in Nepal. Er ist Vorsitzender des Vereins nepalmed.

Wir haben über die Impfsituation bei uns gesprochen, über die Impfwilligen und die Unwilligen. Es gibt Länder wie Nepal, wo Sie ehrenamtlich tätig sind und wo einfach der Impfstoff fehlt, nicht aber der Wille. Wie ist Ihre Sicht auf die internationale Lage?

Erstmal muss man sich im Klaren sein: Dieses Virus schert sich überhaupt nicht darum, was wir an Freiheitsbedürfnis haben oder was eine politische Partei sagt. Das Virus will einen Wirt, befällt den und macht viele Menschen schwerstkrank. Und hat in Deutschland über 100.000 Tote verursacht in anderthalb Jahren. Das ist ja nicht mehr eine Glaubensfrage oder irgendetwas. Das ist so. Wir haben sie alle gesehen und genug Leute mussten dieses Schicksal erleiden und jetzt ist die Oma weg oder der Ehemann. Und das ist Realität. Das hat nichts mit Glauben zu tun.

In Nepal kann ich aus meiner ehrenamtlichen Arbeit sehen, dass dort wenig Impfstoff da ist und die Leute die Impfung gerne hätten. Und das macht mich natürlich dann schon betroffen, wenn ich sehe, in welchem Luxus wir leben. Wir können hier impfen, können sogar eine dritte Impfung geben und sehen auch, dass es nötig ist, das zu tun. Und das wünsche ich mir natürlich auch für die nepalesischen Kollegen.

Wenn man die Praxisarbeit anschaut – Post-Covid – wie viel macht das aus?

Seit Oktober 2020 haben wir wirklich Monat für Monat Rekord-Patientenzahlen und die zweithäufigste Diagnose ist dieses Post-Covid geworden. Also Leute, die monatelang noch zu tun haben mit den Folgen der Erkrankung. Long-Covid, das sind diese verlängerten Verläufe. In der Leitlinie, die es dazu gibt, heißt es etwa vier Wochen. Was dann länger als drei Monate noch andauert, dass die Schwäche nicht wieder weggeht, das ist dann Post-Covid.

Es gibt Menschen, die einen relativ milden Verlauf hatten und dann auf einmal nach drei Monaten irgendetwas auftaucht, was vorher eben nicht war und wo man jetzt nicht weiß, ob es wirklich ursächlich auf Covid zurückzuführen ist. Haben Sie da Erfahrung?

Ja, zu diesen Spätfolgen, die nicht gleich so erkennbar sind, das werden wir jetzt alles noch lernen. Was mich besonders erschreckt hat, ist, dass so etwa 20 bis 25 Prozent von den Leuten, die das durchgemacht haben und die ich gezielt befrage, über Minderleistungen vom Gehirn berichten. Also, die können sich Dinge nicht mehr merken. Sie können Sätze nicht zu Ende sprechen, müssen noch einmal überlegen. Eine Lehrerin zum Beispiel kann ihren Unterricht nicht einfach so die Stunde durchziehen, weil ihr Dinge einfach nicht einfallen. Das ist wirklich erschreckend und das hatte man anfangs gar nicht so auf dem Schirm.

Symbolgrafik eines menschlichen Gehirns
Bei einigen seiner Long-Covid-Patienten hat Pneumologe Arne Drews Veränderungen an der Gehirnleistung festgestellt. Bildrechte: PantherMedia / Illia Uriadnikov

Die Erklärung dafür wäre die Sauerstoffversorgung im Gehirn?

Nein, das weiß man noch nicht. In der Leitlinie zu Post-Covid sind so acht bis neun verschiedene Mechanismen beschrieben worden, was alles eine Rolle spielen kann. Noch wissen wir gar nicht, warum das Gehirn da so geschädigt wird.

Haben Sie einen Rat für solche Patienten? Was ist da die Prognose?

Im Moment sind zwei Empfehlungen zu entnehmen aus dieser wissenschaftlichen Leitlinie: Man muss halt wieder trainieren, versuchen sich ranzukämpfen und der zweite Rat wäre eben doch eine Impfung, um das Immunsystem zu stärken, es nochmal anzuregen.

Wie würden Sie Covid bezeichnen – also als jemand, der vornehmlich die Lungen der Menschen sieht? Was ist Covid für Sie nach der ganzen Zeit, in der Sie es erleben?

Vor allen Dingen ist es wahrscheinlich eine muskuläre Geschichte oder eine starke Beeinträchtigung der Leistung allgemein. Es lässt sich gar nicht so auf ein Organ festlegen. Ich als Lungenarzt sehe das natürlich dann an den Folgen. Aber diese Post-Covid-Sachen – da sieht man meistens, die Röntgenbilder sind wieder ordentlich, die Lungenfunktion in Ordnung, Sauerstoff im Blut ist wieder gut. Und trotzdem fehlt die Leistung. Also irgendetwas passiert im Körper, was uns dann schwer beeinträchtigt.

Ich sehe das auch für die Wirtschaft als Problem. Viele Leute sind noch nicht wieder arbeitsfähig mit diesem Post-Covid-Syndrom. Die müssen alle lang drum kämpfen, um wieder ihren Zustand von vorher zu erhalten und die Betriebe warten sicherlich auch auf die Mitarbeiter.

Was ist abschließend Ihr Wunsch für 2022?

Wir müssen natürlich irgendwann wieder rauskommen aus diesem Pandemie-Modus und ich hoffe da sehr darauf, dass wir uns auch wieder auf die anderen Erkrankungen konzentrieren können, die jetzt ins Hintertreffen geraten sind. HIV, Übergewicht, Blutzucker - all diese Dinge müssen wir ja wieder weiter angehen können.

Sehr hoffnungsfroh hat mich jetzt gerade eine Nachricht gemacht, dass dieser Malaria-Impfstoff gekommen ist und jetzt in Subsahara-Afrika verteilt wird. Also da, das ist ja eine der ganz großen Geißeln für viele Millionen Menschen. Und wenn das jetzt auch mit einem Impfstoff angegangen werden kann, da bin ich sehr gespannt und freue mich drauf.

Quelle: MDR

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 02. Januar 2022 | 19:00 Uhr

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