Wirtschaftsfolgen Immer mehr Berufsunfähigkeiten wegen Long Covid

Mario Gräf aus Grimma leidet nach mehr als einem Jahr noch immer an den Folgen einer Corona-Erkrankung. Für den 52 Jahre alten Büroangestellten wird die Krankheit immer mehr zur Geduldsprobe. Mediziner aus Sachsen zeigen sich wegen der Zunahme körperlicher Beschwerden nach einer Corona-Infektion besorgt. Die Folgen für die Wirtschaft sind bislang nicht abzusehen.

Die Röntgenaufnahme eines Torsos.
In Deutschland leiden mehr als 500.000 Menschen an Long Covid. Viele können ihrer Arbeit seit einer Corona-Erkrankung nicht länger nachgehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mario Gräf hat das tückische Coronavirus schwer getroffen. Im Februar 2021 schon hat sich der 52 Jahre alte Hobby-Fußballer infiziert. So schwer, dass er Wochen auf der Intensivstation und im Koma verbrachte. An den Folgen leidet der Mann aus Grimma bis heute. Es sei immer noch schwer, jeden Morgen aus dem Bett zu kommen, erzählt er. Die Füße schmerzen, die Hände auch, es schmerze einfach alles.

Mario Gräf, ein Mann mit Brille und Goldkette, sitzt in seinem Garten.
Nach mehr als einem Jahr leidet Mario Gräf aus Grimma noch immer an den Folgen einer Corona-Erkrankung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sieben Monate Reha nach Covid-19-Erkrankung

Dass Mario Gräf überlebt hat, komme einem Wunder gleich, hätten seine Ärzte gemeint, erzählt er. "Das Virus war in meinem Blut, in meinem Körper. Es hat eigentlich alles befallen, was möglich war. Die Nieren sind zum Stillstand gekommen, die Lunge hat schlappgemacht, die Milz. Und so wurde mein Zustand dann immer schlimmer." Nur das Herz habe noch funktioniert.

Ein Mann mit kurzen Haaren trägt eine FFP2-Maske im Geischt.
Sieben Monate war der 52 Jahre alte Büroangestellte aus Grimma zur Reha. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mario Gräf kommt direkt von der Intensivstation in die Rehaklinik. Erst nach sieben Monaten darf er zurück nach Hause - immer noch schwer gezeichnet. Ohne ein Sauerstoffgerät könne er keine 200 Meter gehen. Sein Körper sei ein Wrack, erzählte er. Er wisse nicht, wie es weitergehe mit ihm.

Eine Long Covid-Patientin. 30 min
Eine Long Covid-Patientin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Long Covid als Belastung für die Wirtschaft

Schon damals - im Februar 2021 - spricht der behandelnde Arzt Arne Drews über die gesellschaftlichen Folgen von Long Covid bzw. Post Covid. "Was mich besonders erschreckt, ist die Tatsache, dass etwa 20 bis 25 Prozent meiner Patienten davon berichten, dass sie sich Dinge nicht mehr merken, Sätze nicht zu Ende sprechen können. Ich sehe das auch für die Wirtschaft als Problem." Viele von ihnen seien so wie Mario Gräf noch nicht wieder arbeitsfähig.

Der Pneumologe Arne Drews sitzt an einem Schreibtisch. Im Hintergrund ist auf einem Bildschirm die Röntgenaufnahme eines Torsos zu sehen.
Dr. Arne Drews ist Facharzt für Lungenerkrankungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Joachim Kugler leitet seit 1999 den Lehrstuhl für Gesundheitswissenschaften/Public Health an der Technischen Universität Dresden. Er ist überzeugt: All diese Patienten werden eine große Herausforderung für die Gesellschaft. "Die Debatte findet schon statt. Was ist eine Berufsunfähigkeit und was nicht? Denn wenn ich die Infektion in meinem Beruf akquiriert habe, dann ist das ein Fall für die Berufsunfähigkeitsrente."

Doch wie der Einzelne nachweisen kann, dass er oder sie sich ausgerechnet bei der Arbeit mit Covid-19 infiziert habe, sei unklar. Es werde viele Grenzfälle geben. "Wie aber wird unser Sozialstaat darauf reagieren?", fragt der Mediziner. Das werde eine spannende Entscheidung.

Ein Mann mit Anzug und Brille steht neben einer Wand voller Bücher. Es ist der Psychologe Joachim Kugler von der Technischen Universität Dresden.
Professor Joachim Kugler forscht an der TU Dresden zum körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefinden sowie zu Lebensqualität und Patientenzufriedenheit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fast 90.000 anerkannte Berufsunfähigkeiten

Die Vermutung von Joachim Kugler scheint nicht übertrieben. 2020 hat es in Deutschland rund 106.000 Anträge auf Berufsunfähigkeit wegen Corona gegeben. Ein Jahr später waren es bereits 132.000 Anträge. 87.000 davon sind inzwischen anerkannt. Das übersteigt ein Mehrfaches der bisher anerkannten Berufskrankheiten.

Das Ende der Fahnenstange sei noch längst nicht erreicht, sagt der Pneumologe Arne Drews: "Wir haben bestimmt jeden Tag noch zwischen fünf und zehn Fälle, die auch Monate nach der Covid-Erkrankung Beschwerden haben." Das Fatale daran sei, dass es junge Menschen gleichermaßen wie Ältere treffe. Sie kämen alle nicht wieder auf die Beine - egal ob nach schwerer Krankheit oder nach milden Verläufen.

Mehr als 500.000 Long-Covid-Fälle in Deutschland

Mario Gräf hat es inzwischen für sich akzeptiert, dass er mit kleinen Erfolgen zufrieden sein muss, dass es nichts bringt, sich unter Druck zu setzen. "Momentan kommt Arbeit ganz weit hinten", sagt er. Das Ziel sei natürlich, irgendwann wieder arbeiten zu gehen. "Aber wann das wird und ob das überhaupt wieder wird, kann ich nicht sagen."

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass jeder zehnte Covid-19-Patient Long Covid bekommt. Über 25 Millionen Menschen haben sich bereits in Deutschland mit Corona infiziert. Mario Gräf ist einer von mehr als 500.000 Menschen in Deutschland, die von den Langzeitwirkungen der Pandemie betroffen sind: Statistisch genesen, aber chronisch krank. Es wird lange dauern, bis dem Sachsen und allen anderen nachhaltig geholfen werden kann.

Ein Mann mit Brille sitzt auf einer Hollywoodschaukel und liest Zeitung.
Ob und wann Mario Gräf seine berufliche Tätigkeit wieder aufnehmen kann, ist noch unklar. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt - die story | 18. Mai 2022 | 20:45 Uhr

1 Kommentar

Eulenspiegel vor 4 Wochen

Aber Korona ist ja nur eine Erkältung. Und die ganzen Korona Maßnahmen eischließlich der Impfung war ja nur Terror gegen das Volk.
Long Covid lässt grüßen.

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