Beratung Wie kann eine Patchworkfamilie funktionieren?

Neben der klassischen Familie mit Vater, Mutter, Kind werden inzwischen viele andere Familienmodelle gelebt. Das Modell Patchworkfamilie ist längst Thema bei den Erziehungsberatungsstellen im Freistaat, meint Psychologin Sylvia Will. Normalerweise beschäftigt sie sich in der Beratungsstelle Wegweiser in Böhlen mit ehemaligen Partnern, die versuchen, eine gute Lösung für den Kontakt, die Versorgung und Betreuung ihrer Kinder zu finden. Doch immer öfter suchen auch Patchworkfamilien Rat.

Grafik Patchwork Familie
Bildrechte: MDR/Panthermedia/julynx

Im Gespräch mit MDR SACHSEN erklärt die systemische Familientherapeutin, welche Herausforderungen die neuen Familien häufig meistern müssen und wie man es vor allem den Kindern leichter macht, sich in der neuen Konstellation zurechtzufinden.

Frau Will, Sie arbeiten schon länger mit Patchworkfamilien zusammen. Gibt es Probleme oder Herausforderungen, die Sie immer wieder beobachten?

Man darf nicht vergessen, dass eine Patchworkfamilie immer dann entsteht, wenn vorher eine Trennung stattgefunden hat. Die kann ganz frisch sein, die kann ganz lang her sein. Das heißt, wir haben es in einer Phase der Verliebtheit der Erwachsenen nicht nur mit einem gutem Gefühl zu tun, sondern es gibt auch immer andere Gefühle, die auch eine Rolle spielen. Das kann bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen da sein.

Die Erwachsenen gehen mit Kindern 'im Gepäck' nicht so unbelastet in eine neue Beziehung rein, wie sie es als kinderlose Singles machen würden. Es gibt immer noch diesen ehemaligen Partner oder eine ehemalige Partnerin, mit dem oder der ich Kontakt halten muss, weil Absprachen notwendig sind. Das verändert natürlich die Art, wie eine neue Beziehung startet. Und manchmal ist es schwierig für die Kinder, den Erwartungen der Erwachsenen zu entsprechen.

Welche Erwartungen meinen Sie?

Dass es nur gute Gefühle macht, dass es hier eine neue Familienkonstellation gibt oder einen neuen Menschen im Leben der Kinder, der jetzt auch eine Rolle spielen möchte, der sich beteiligen will, der wichtig sein will. Darüber muss man sprechen: Wie kann man das gut aushalten, dass es so eine Ambivalenz an Gefühl geben kann in diesen Familienkonstellationen? Und wichtig ist auch immer die Frage nach der Rolle der neuen Partnerin oder des neuen Partners. Welche Rolle soll diese Person in der Familie bekommen? Da gibt's häufig Konkurrenzdenken und Eifersuchtsthemen zwischen dem biologischen Elternteil und dem neuen Partner. Manchmal sagen auch die neuen Partner, dass sie das Gefühl haben, die Kinder sind eifersüchtig auf ihre neue Rolle im Leben des Elternteils.

Was kann denn der neue Partner oder die neue Partnerin tun, um ein gutes Verhältnis zu den Kindern aufzubauen?

Generell tendieren wir dazu, neuen Partnern zu sagen, dass es wichtig ist, erst einmal vorsichtig in der Kontaktaufnahme zu sein. Vor allem sollte man nicht versuchen, durch machtvolle Gesten oder Handlungen irgendwie eine Beziehung herstellen zu wollen oder die Kinder zu drängen.

Was meinen Sie mit "machtvollen Gesten"?

Manchmal gehen neue Partner in Familien und haben eine bestimmte Erwartung, welche Rolle sie bekommen sollen und die die Kinder ihnen auch geben sollen. Es kommt noch vor, dass die Erwachsenen beispielsweise vorgeben: 'Du sagst jetzt zu der oder dem Mama oder Papa.' Das ist dann keine Entscheidung des Kindes. Die Rolle wird erstmal definiert, bevor das Kind sie annehmen kann. Das ist sehr schwierig.

Oder ich definiere mich als neuer Elternteil schon als soziale Mutter oder sozialer Vater und teile dem Kind mit, dass ich so behandelt werden möchte: 'Du hast auch auf mich zu hören, wenn ich hier bin'. Auch ein Parteiergreifen 'So sprichst du nicht mit deiner Mutter' ist einfach schwierig. Es gibt ein Machtungleichgewicht. Erwachsene haben natürlicherweise mehr Macht, als Kinder sie haben. Und wenn ich als neuer Elternteil in eine Familie reinkomme und das direkt einsetze und damit versuche, dem Kind zu sagen, ich möchte, dass es sich auf diese Art und Weise verhält, dann ist es sehr, sehr schwierig fürs Kind, sich da gut einzufinden.

Wie ist der bessere Weg?

Erst mal vorsichtig dazukommen und schauen, wie dieses Familiensystem funktioniert. Wo kann ich mich einbringen? Und dann immer in Rücksprache mit dem anderen Elternteil gehen. Und der biologische Elternteil sollte wiederum in Rücksprache mit dem anderen Elternteil gehen, also dem Ex-Partner. Man könnte sagen: 'Ich habe jetzt diese neue Beziehung. Wir planen beispielsweise zusammenzuziehen, und ich würde gern mit dir darüber sprechen. Wie kann das gut funktionieren? Welche Rolle kann mein neuer Partner oder eine neue Partnerin haben, mit der du auch einverstanden bist, sodass wir hier zu dritt gut zusammenarbeiten können?'

Das klingt erst mal so, als hätte der Ex-Partner dann weiter einen großen Einfluss auf das eigene Leben. Das ist doch bestimmt von vielen gar nicht gewollt. Warum ist es aus Ihrer Sicht notwendig?

Das ist ganz wichtig. Wenn die Erwachsenen diese Grundlagen klären, dann fühlen sich die Kinder sicher und aufgehoben. Und dann gibt es auch die Möglichkeit, dass eine enge Beziehung wächst. Wenn es schwierig zwischen den Erwachsenen schwierig ist, könnte es auch sein, dass die Kinder denken, sie dürfen zu dem neuen Elternteil, also dem neuen Partner der Mutter oder des Vaters, keine enge Beziehung entwickeln. Denn damit würden sie ja das andere Elternteil hintergehen. Das wollen wir natürlich vermeiden. Kinder spüren Schwingungen ganz stark. Und immer wenn ich zum Vater gehe und vom neuen Freund der Mutter erzähle und der rollt jedes Mal mit den Augen, dann ist das eine Botschaft ans Kind. Da muss ich gar nicht unbedingt böse Dinge sagen.

Das reicht schon aus, dass das Kind weiß: Okay, hier spreche ich lieber nicht darüber. Und wenn ich zu Hause bin, dann gucke ich mir den noch einmal ganz genau an, um zu gucken, ob das wirklich ein guter Mensch ist oder ob er nicht vielleicht doch etwas Böses will.

Ein Kind hält sich die Ohren zu
Ständiger Streit zwischen den Eltern ist für Kinder eine große Belastung. Auch getrennte Paare mit Kindern sollten sich deshalb um gemeinsame Problemlösungen bemühen. Bildrechte: Colourbox.de

Das heißt, der Ex-Partner oder die Ex-Partnerin ist mit dafür verantwortlich, dass die neue Familie funktioniert?

Sie sind dafür verantwortlich, dass es den Kindern gut geht, dass die keine Schuldgefühle haben, wenn die sich beispielsweise mit dem neuen Partner der Mutter oder des Vaters wohlfühlen. Oder auch wenn die gern Zeit miteinander verbringen und sich in dieser neuen Familienkonstellation gut zurechtfinden. Ich finde, man ist darauf angewiesen, dass die Erwachsenen ganz aktiv sagen: 'Ja, wir wollen da mitarbeiten. Und wir wollen dafür sorgen, dass hier eine gute Möglichkeit geschaffen wird, dass die Konflikte, die entstehen auch geklärt werden können.'

Das klingt nach sehr viel Potential für Schwierigkeiten. Kann man überhaupt erwarten, dass es reibungslos abläuft, wenn eine Patchworkfamilie entsteht?

'Reibungslos' ist ein schwieriges Wort. Es gibt natürlich Konfliktfelder. Aber Konflikte sind nicht die Schwierigkeit. Konflikte kann man gut miteinander besprechen und bearbeiten. Es ist nur wichtig, dass den Erwachsenen klar ist, dass sie diejenigen sind, die was tun müssen und bereit sein müssten, in einen Austausch zu gehen. Auch wenn es schwierig ist. Und trotzdem ist es meine Verantwortung, als Elternteil dafür zu sorgen, dass hier eine gute Basis geschaffen werden kann.

Nehmen wir mal an, das Zusammenleben klappt ohne größere Schwierigkeiten. Was mache ich denn als neuer Elternteil, wenn ich das Kind meiner Partnerin oder meines Partners einfach nicht lieben kann?

Das ist so eine gesellschaftliche Erwartung: Wenn ich eine neue Partnerschaft eingehe, dass ich die Kinder dazubekomme und mitliebe. Es ist natürlich schwierig, wenn ich merke, dass ich diese Erwartung nicht erfüllen kann. Auch das ist ein Thema, was gut besprochen werden sollte. Die Partner sollten sich darüber austauschen, welche Rolle der nichtbiologische Elternteil im Leben des Kindes spielen kann. Es muss nicht so sein, dass ich zwangsläufig eine soziale Elternrolle einnehme für dieses Kind. Ich kann auch ein guter Freund oder ein Begleiter des Kindes bleiben. Aber es ist wichtig, dass diese Dinge ausgesprochen werden und auch ausgesprochen werden dürfen.

Wie lange dauert es, bis sich so eine Patchworkfamilie zusammengefunden hat?

Ich glaube, viele unterschätzen, wie lange dieser Prozess andauert. Viele sind, glaube ich, etwas ungeduldig und wollen gerne, dass das schnell geht und schnell funktioniert. Wir brauchen tatsächlich so einen Zeitraum zwischen fünf und sieben Jahren, bis wir eine Ebene gefunden haben, in der wir merken, dass jetzt alles geklärt ist und alles ist gut. Das ist keine Angabe, die Eltern Angst machen soll. Sie sollte die Eltern eher entlasten. Es gibt Aufs und Abs und Dinge werden gut laufen. Und dann wird's wieder Krisen geben, in denen man zurückgeworfen wird. Das ist normal. Und wenn Eltern Unterstützung brauchen in diesen Prozessen und Hilfe, dann wäre es gut und wichtig, dass sie sich an Familien- und Erziehungsberatungsstellen wenden, die dabei unterstützen können. Und am liebsten dann, wenn die Probleme entstehen und nicht erst dann, wenn sie so gravierend sind, dass man viele Dinge rückwirkend klären muss, die schon kaputt gegangen sind.

Quelle: MDR/kp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Expertenrat | 11. Mai 2021 | 10:00 Uhr

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