Diversity Day am 18. Mai Hilfe für Opfer von Gewalt gegen sexuelle Minderheiten

Immer wieder werden Menschen wegen ihrer sexuellen Idendität angegriffen. Um Betroffenen den Weg zur Anzeige zu erleichtern, gibt es direkte AnsprechpartnerInnen, wie Staatsanwältin Mareen Klenke in Leipzig.

Grafik zum Thema Gender Transsexuell
Am 18. Mai 2021 ist bereits der 9. Deutsche Diversity-Tag, um Zeichen zu setzen für mehr Vielfalt in der Gesellschaft und mehr Vielfalt in Unternehmen. Bildrechte: Colourbox.de

"LSBTTIQ*" – immer öfter liest man das Kürzel. Doch den wenigsten ist bewusst, was sich dahinter verbirgt. Die Buchstaben stehen für alle Menschen, die nicht als Frauen Männer lieben oder umgekehrt. Und auch 2021 haben eben lesbische, schwule, bisexuelle, transgeschlechtliche, transgender, intersexuelle bzw. queere Menschen mit Vorurteilen zu kämpfen.

Der Stern hinter LSBTTIQ ist Zeichen aller, die sich auch nicht in diese "Kategorien" "einordnen" lassen (wollen). Doch wird ihnen oft ein Stempel aufgedrückt: der des Anders-Seins. "Der Alltag dieser Menschen ist oft immer noch durch Diskriminierung, verbale und physische Gewalt geprägt", sagt Martin Wunderlich von der Landesarbeitsgemeinschaft Queeres Netzwerk Sachsen.

Betroffene schweigen zu 90 Prozent – auch aus Angst vor Polizei und Justiz

Die offiziellen Fallzahlen zu Hasskriminalität gegen homo- oder transsexuelle Menschen seien nicht repräsentativ, so das Queere Netzwerk Sachsen. Die Organisation hat eine Studie zu Gewalterfahrungen von queeren Menschen in Sachsen durchgeführt. Ein Ergebnis: 90 Prozent der Straftaten würden nicht angezeigt. "Viele Betroffene haben Vorbehalte, ja sogar Angst gegenüber Polizei und Justiz, weil sie befürchten, entweder nicht ernst genommen, vielleicht sogar verlacht oder erneut diskriminiert zu werden. Deswegen ist es enorm wichtig, dass Polizei ausführlich geschult und sensibilisiert wird, um Vertrauen zu queeren Menschen aufzubauen und damit auch die Anzeigebereitschaft zu erhöhen", so Wunderlich.

Die offizielle Kriminalstatistik in Sachsen habe zwischen 2001 und 2019 lediglich 71 Fälle registriert. Die Studie des Netzwerkes habe laut Wunderlich zwischen 2014 und 2019 über 1.600 Fälle von Hass motivierter Gewalt gegen Menschen nachweisen können. Viele davon seien Mehrfach-Opfer. Die Übergriffe reichten von verbalen Attacken bis zu schweren Körperverletzungen.

Mareen Klenke, Staatsanwältin
Mareen Klenke ist die LSBTTIQ*-Ansprechperson für den Langerichtsbezirk Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Direkte AnsprechpartnerInnen bei Behörden sollen Hemmschwellen verringern

Für den Landgerichtsbezirk Leipzig gibt es seit Februar eine direkte Ansprechperson für Menschen, die wegen ihrer ("LSBTTIQ*"-) sexuellen Identität Opfer von Gewalt geworden sind: Staatsanwältin Mareen Klenke. Die Position entstand innerhalb eines Pilotprojekts, initiiert durch das Sächsische Ministerium für Justiz, Demokratie, Europa und Gleichstellung. Dies ist bisher einmalig bei der Staatsanwaltschaft Sachsen. Zuvor gab es nur eine zentrale Ansprechstelle bei der sächsischen Landespolizei.

Staatsanwältin Mareen Klenke betreut Opfer von Straftaten, beantwortet Fragen zu Strafverfahren und vermittelt Hilfesuchende an die zuständige Ermittlungsbehörde bei der Polizeidirektion Leipzig. Darüber hinaus sollen Betroffene ermutigt werden, überhaupt Anzeige zu erstatten. "Meine Aufgabe sehe ich vorrangig darin, den Betroffenen hier Aufklärungshilfe zu geben. Wenn die Betroffenen selber, aber auch Zeugen oder Zeuginnen wissen wollen, wie das Strafverfahren abläuft, was sind eigentlich die Voraussetzungen, eine Anzeige zu erstatten? Ich kann auch Anzeigen aufnehmen, wenn die Betroffenen das wünschen. Ich kann zu diesem Zweck die Betroffenen auch vermitteln. Entweder an besonders sensibilisierte Beamte oder Beamtinnen bei der Polizei", beschreibt sie ihr Aufgabenspektrum.

LSBTTIQ*-Ansprechperson Mareen Klenke: "Schweigen hilft nur den TäterInnen"

Es sei wichtig, dass jede Straftat angezeigt werde, damit die Staatsanwaltschaft auch Ermittlungen einleiten könne. "Nur dann kann es Sanktionen geben", betont Mareen Klenke. Schweigen helfe nur den TäternInnen, die dann so weitermachen könnten. Hasskriminalität betreffe indes auch eine Vielzahl anderer Menschen, wie Opfer rassistischer oder antisemitischer Angriffe. "Das ist eine Gefährdung für die Vielfalt in unserer Gesellschaft", so Klenke. Martin Wunderlich betont: "Es kann jeden treffen". Die TäterInnen würden entscheiden, wen sie für andersartig hielten. "Es macht keinen Unterschied, ob ein Mensch beispielsweise tatsächlich homosexuell oder eine transgeschlechtliche Person ist. Allein entscheidend ist, ob du vom Täter so gesehen wird."

Martin Wunderlich, Queeres Netzwerk Sachsen
Martin Wunderlich von der Landesarbeitsgemeinschaft Queeres Netzwerk Sachsen: "Viele Betroffene haben Vorbehalte, ja sogar Angst gegenüber Polizei und Justiz". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Klenke: Bei der Polizeiarbeit "gibt es hier in der Breite Verbesserungsbedarf"

Die Bilanz nach drei Monaten: Die neue "LSBTTIQ*"-Anlaufstelle für den Landgerichtsbezirk Leipzig wird gut angenommen: "Die Menschen sind in erster Linie dankbar", sagt die Staatsanwältin. Es werde positiv gesehen, "dass es jetzt diese Möglichkeit gibt, dass sie sich an eine konkrete Person wenden können". Und dies sei auch dringend nötig, wie die Polizeipraxis zeige. Die Anzeigen aufnehmenden MitabeiterInnen müssten sensibilisiert werden, "dass dort zum einen erkannt wird, dass hier eine homofeindliche oder transfeindliche Motivation vorliegen könnte und das auch mit den Betroffenen sensibel kommuniziert wird", so Klenke. "Da gibt es in der Breite einfach Verbesserungsbedarf. Das ist nicht im Einzelnen immer problematisch."

Martin Wunderlich/Queeres Netzwerk Sachsen: Kämpfen für eine "gleichberechtigte Teilhabe von queeren Menschen in der Gesellschaft"

So sieht es auch Martin Wunderlich von der Landesarbeitsgemeinschaft Queeres Netzwerk Sachsen: Problematisch ist aus unserer Sicht ist, dass Hasskriminalität gegen sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität eben ein sehr weit verbreitetes Problem ist." Deswegen kämpfen er und sein Netzwerk für eine gleichberechtigte Teilhabe von queeren Menschen in der Gesellschaft. Das Queere Netzwerk ist auch mit Mareen Klenke vernetzt. Denn die LSBTTIQ*-Ansprechstelle soll auch mit Vereinen und Interessensvertretungen zusammenarbeiten. Dazu zählen in Leipzig neben dem LAG auch der RosaLinde e.V. und der RAA Leipzig.

Kontaktdaten der LSBTTIQ*-Ansprechpersonen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

  • Sachsen

  • Sachsen-Anhalt

  • Thüringen

Quelle: Kripo live

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Bildrechte: MDR SPUTNIK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Kripo Live | 15. Mai 2021 | 19:50 Uhr

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