Herzzentrum Helios: Höhere Gewinne auf Kosten der Patienten?

Der Konzern Fresenius hat in Deutschland mit seinen Helios-Kliniken im Jahr 2020 über 600 Millionen Euro Gewinn gemacht. Doch nun will das Unternehmen offenbar in den Helios-Kliniken Stellen abbauen. Von diesen Plänen berichten Ärzte und sagen: Die Verluste tragen Personal und Patienten.

Ärzte am Leipziger Herzzentrum
Das Herzzentrum Leipzig ist eine der führenden Fachkliniken für Herz-Medizin in Europa. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Herzzentrum in Leipzig ist eine der wenigen Fachkliniken in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Dort werden derzeit auch viele Corona-Patienten intensiv-medizinisch versorgt. Doch die Versorgung der Patienten leide, weil der Konzern Helios so brutal spare, kritisieren einige der Ärzte des Herzzentrums. Das sei nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie so.

"Es ist so, dass unsere Intensivstation einen Großteil der Zeit ihrem Versorgungsauftrag nicht nachkommen kann und sich von der Aufnahme akut erkrankter Patienten abmelden muss", sagt ein Arzt. Es müsste Patienten abgesagt und diese vertröstet werden – ohne diese in Augenschein zu nehmen zu können.

Das ist eine Lotterie, wenn ich den Patienten nicht kenne. Es gibt immer wieder Patienten, die auf der Warteliste versterben.

Arzt am Herzzentrum Leipzig

MDR exakt hat mit Ärztinnen und Ärzten aus verschiedenen Abteilungen der Klinik gesprochen. Sie wollen anonym bleiben. Sie fürchten, ihre Arbeit zu verlieren und dass es juristische Folgen haben könnte, wenn sie offen sagen: Wir können die Situation nicht mehr verantworten. So müssten sie etwa beinahe jeden dritten Tag der Rettungsleitstelle signalisieren, dass man sie nicht anfahren solle.

Notfälle konnten nicht aufgenommen werden

Das die Ärzte akute Notfälle absagen müssten, weil sie diese nicht behandeln könnten, kannten sie bislang nicht, erklärt ein weiterer Arzt. "Weil das Personal fehlt, in der Pflege, aber auch bei den Ärzten." Es gehe dabei nicht nur um Corona, sagt ein dritter Arzt. "Es sind es ganz normale Notfälle am Herzen, sprich Herzinfarkte, akute Herzschwäche, Lungenembolie und so weiter." Es seien Notfälle, die eine sofortige Behandlung benötigten und "die dann woanders hingehen müssen und wertvolle Zeit verlieren".

Drei Rettungswagen
Die Ärzte berichten, dass sie Notfälle absagen mussten, weil das Personal fehlte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein spezieller herzchirurgischer Notfall ist eine "Aortendissektion". Dabei sinkt die Chance zu überleben jede Stunde um fünf Prozent. Mit einem solchen Patienten hat eine Klinik in Leipzig im Herzzentrum angefragt, wie MDR exakt erfährt. Denn das Herzzentrum ist eines der ganz wenigen Häuser im weiteren Umkreis, an dem diese Spezialbehandlung durchgeführt werden kann. "Dieser Patient konnte nicht aufgenommen werden", sagt einer der Ärzte. Er hätte aus personellen Gründen nicht operiert werden können. "Er musste weit weg transportiert werden – in ein anderes Bundesland."

Klinik-Personal fehlt in Leipzig schon länger

Das Herzzentrum gibt auf Nachfrage zu: "Der Fall ist uns bekannt. Diese Verlegung wurde (…) situationsbedingt von uns abgelehnt. (…). Wir hatten an diesem Tag eine hochausgelastete Intensivstation." Auch Abmeldungen von der Rettungsleitstelle, wo die Notrufe der Region koordiniert werden, gesteht die Klinik ein. Sie betont aber, dass diese nur nicht-lebensbedrohliche Notfälle betreffe.

Alle anderen Vorwürfe der Ärzte bestreitet das Herzzentrum. Jegliche Kapazitätsengpässe seien durch die Corona-Pandemie begründet: "Die primäre Versorgung von Patient:innen mit schwersten Herzerkrankungen hat das Herzzentrum Leipzig auch in der Pandemie stets gewährleistet."

Doch das Personal hat in der Leipziger Klinik schon länger gefehlt. Der Betriebsrat hatte 2018 eine Klage vor dem Landesarbeitsgericht in Chemnitz erhoben. Die Klinik soll immer wieder Dienstpläne entwerfen, mit denen die Ärztinnen und Ärzte die erlaubten 96 Stunden Mehrarbeit überschreiten. Das darf die Klinik nicht – hat das Gericht erst Mitte März diesen Jahres entschieden.

Fresenius verspricht Aktionären mehr Geld

Das Herzzentrum ist ein Teil von Helios, Deutschlands größtem privaten Krankenhauskonzern. Der gehört zu Fresenius, einem der größten Gesundheitsunternehmen der Welt. Die Leipziger Klinik muss Gewinne erwirtschaften und hat dafür nicht viele Möglichkeiten, erklärt die Sozialwissenschaftlerin Michaela Evans: "Die Personalpolitik ist dann natürlich auch der Frage geschuldet: Wie können wir unsere Erlössituation verbessern?" Es gehe um die Gewinnerwartungen der Aktionäre.

Aus internen Berichten, die MDR exakt vorliegen, geht hervor, dass der Gewinn des Leipziger Herzzentrums im vergangenen Jahr 23 Millionen Euro vor Steuern und Zinsen betrug. Das ist eine Steigerung um 43 Prozent im Vergleich zu 2019.

"Die Pandemie hat uns belastet, aber wir haben auch unsere wirtschaftlichen Ziele erreicht", sagte der Geschäftsführer von Fresenius, Stephan Sturm, im Februar. Dabei versprach er seinen Aktionären mehr Geld: "Ausdruck davon ist die 28. Dividendenerhöhung in Folge, die wir nun vorschlagen." Und die Gewinne sollen weiter wachsen. Bis 2023 jedes Jahr um fünf bis neun Prozent. "Um diese Ziele zu erreichen müssen wir […] in 2021, für 2022 und 2023 deutlich das Tempo erhöhen", sagte Stephan Sturm.

Ärzte aus Deutschland berichten von Kürzungsplänen

Das bedeutet: Sparen, sparen, sparen. Doch Fresenius versichert: "Oberste Priorität hat für uns stets, unsere Patient:innen gut medizinisch zu versorgen. Dafür investieren wir Geld in immer bessere Medizin. Das können wir nur indem, wir wirtschaftlich sind und bleiben." Dafür brauche es Effizienzsteigerungen. Was das für Helios Deutschland genau bedeutet, will der Mutterkonzern am 6. Mai bekannt geben.

Bereits jetzt berichten Ärzte aus ganz Deutschland von Kürzungsplänen. "Wir hören von unseren Mitgliedern aus fast allen Landes-Verbänden, dass im Helios-Konzern Arztstellen eingespart werden sollen", sagt die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna. "Es scheint so zu sein, dass Helios plant, etwa zehn Prozent der Arztstellen im Konzern abzubauen." Dies würde bedeuten, dass die verbleibenden Ärzte noch mehr Überstunden leisten müssten.

Arzt: Patienten werden als Produkt gesehen

Auch im Herzzentrum soll es offenbar Kürzungen geben. Nach Informationen von MDR exakt sollen möglichst viele Ärzte ihre Arbeitszeit auf 95 Prozent verringern. Befristete Verträge sollen Berichten zufolge schon ab April auslaufen. Das wäre mitten in der dritten Corona-Welle, also genau dann, wenn der Personalbedarf besonders hoch ist. Die Klinik erklärt, die ersten befristete Verträge würden erst ab Juni auslaufen; einsparen wolle sie 9,5 Stellen, und begründet dies mit einem Patientenrückgang.

"Viele von uns können einfach nicht mehr", sagt einer der Ärzte aus Leipzig. Sie könnten nicht noch das kompensieren, was so eine Kürzung mit sich bringen würde. "Weil wir sind schon bei 130 Prozent unserer Leistung." Ein anderer Arzt sagt: "Wir werden als Teil einer Maschine gesehen. Und die Patienten als ein Produkt. Dagegen wehren wir uns."

Quelle: MDR exakt

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 31. März 2021 | 20:15 Uhr

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