"Letzte Generation" Radikaler Protest gegen Lebensmittelverschwendung

Jährlich landen in Deutschland etwa zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. In Privathaushalten werden pro Person und Jahr etwa 75 Kilogramm weggeworfen. Viele Menschen finden diese Verschwendung skandalös. Gerade, wenn es sich um noch genießbare Lebensmittel aus dem Supermarkt handelt. Diese zu retten, heißt containern und ist illegal. Eine Protest-Aktion in der Leipziger Innenstadt am Sonnabend machte auf dieses Problem aufmerksam - auf streitbare Art.

Protest-Aktion gegen Lebensmittelverschwendung
Die Protest-Gruppe "Aufstand der letzten Generation" machte mit einer Aktion in Leipzig auf Lebensmittelverschwendung aufmerksam. Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier

Mit einer ungewöhnlichen Aktion haben am Sonnabend auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig Mitglieder der Gruppe "Aufstand der letzten Generation" gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln protestiert. Sie bewarfen sich mit sogenannten containerten Lebensmitteln, also Essen, das aus den Müllcontainern von Supermärkten stammt.

Dieses abgelaufene Sushi hier für 14,95 Euro oder dieser Rucola-Salat lag schon im Müllcontainer eines Supermarktes und ist Teil der riesigen Kette der Lebensmittelverschwendung. Hier verschwenden wir es heute sozusagen vor den Augen vieler Menschen.

Aktivistin Antonia

15 junge Menschen, die meisten Studierende zwischen 19 und 25 Jahren, gehören der Protestgruppe an. "Uns ist klar, dass das eine Grenzüberschreitung ist", sagt eine der Organisatorinnen MDR SACHSEN. Doch man wolle aufrütteln und eine Diskussion anstoßen, wie reiche Industrienationen mit Lebensmitteln umgehen.

Kopfschütteln und Gesprächsversuche

Die öffentlichkeitswirksame Aktion blieb nicht lange unbemerkt von Passantinnen und Passanten. Während manche mit Kopfschütteln an der Aktion vorbeiliefen, blieben andere stehen und kamen mit den Aktivisten ins Gespräch.

Protest-Aktion gegen Lebensmittelverschwendung
Junge Menschen bewarfen sich mit containerten Lebensmitteln. Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier

"Meine Mutter arbeitet in einem Supermarkt. Es tut ihr wirklich jedes Mal leid, wenn sie Sachen in den Müll werfen muss", berichtet eine junge Frau. Ihr Freund neben ihr schaut auf die bunten Essensreste auf dem Boden und sagt, er finde die Aktion nicht schlecht, würde aber niemals mitmachen.

Eine Aktivistin geht auf eine ältere Frau zu, schenkt ihr eine Kartoffel und erhält Zuspruch von ihr: "Es ist ein absoluter Skandal, was an Essen täglich weggeschmissen wird. Wir leben anscheinend in zuviel Wohlstand", sagte sie im Weitergehen.

Protest-Aktion gegen Lebensmittelverschwendung
Vor der Aktion legten die Aktivisten die weggeworfenen Lebensmittel sorgfältig aus. Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier

Forderung an Bundesregierung: Gesetz zur Essensrettung

Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum liegen in einem Mülleimer.
Bildrechte: imago images/photothek

Mit der Protestaktion kämpft die Gruppe für ein sogenanntes Gesetz zur Essensrettung. "In Frankreich gibt es bereits ein solches Gesetz, dass das Wegwerfen von Lebensmitteln bei großen Supermärkten verbietet", sagte die Veranstalterin weiter. Durch ein solches Gesetz wären Supermärkte auch in Deutschland gezwungen, noch genießbare Lebensmittel zu spenden.

Passant: Tafeln brauchen mehr Unterstützung

Ein Mann mit einem kleinen Hund sieht aber genau da Probleme. Er sagte: "Es gab eine Zeit, da musste ich mal selbst zur Tafel gehen und habe manchmal auch echt schlechte Lebensmittel abbekommen. Supermärkte spenden zwar, aber die Tafeln können die Lebensmittel oft nicht richtig lagern". Ein Gesetz würde das Wegwerfproblem also nicht wirklich lösen, sondern nur verlagern.

MHD reformieren - Müll reduzieren?

Ein älterer Mann mit einer Einkaufstüte stand lange da und beobachtete die Protest-Aktion. Er finde sie zu radikal. "Ich habe vier Enkelkinder und wenn ich ihnen etwas zu essen anbiete, was gerade am Verfallsdatum ist, dann wollen die das gar nicht mehr essen. Viele jungen Leute begreifen das Problem gar nicht", beklagte er sich.

Im letzten beschriebenen Fall könnte eine Reform des Mindeshaltbarkeitsdatums der Lebensmittelverschwendung in den Supermärkten entgegenwirken. Die Stadt Leipzig hat sich außerdem auf die Fahne geschrieben, "Zero Waste City" zu werden. Mehr als 80.000 Tonnen Restmüll hat die Leipziger Stadtreinigung im vergangenen Jahr entsorgt.

Am Ende der etwa einstündigen Aktion kehrten die Aktivistinnen und Aktivisten das lose Suhi, den Salat und die zerstörten Kohlköpfe zusammen und warfen alles in die eigens mitgebrachte "Verschwendetonne".

MDR (sm)

10 Kommentare

geradeaus vor 21 Wochen

Ich ziehe ich den Hut vor diesen jungen Frauen und Männern. Sie haben danach aufgeräumt und alles ist gut. Und eines haben sie in jedem Fall erreicht..es wird darüber diskutiert. Und die ein oder anderen werden vielleicht ihre Angewohnheiten überdenken und etwas ändern.

Grüße

emlo vor 21 Wochen

Die Quelle Ihres Zitats lautet? Außerdem muss zwischen Mindesthaltbarkeitsdatum und Verfallsdatum unterschieden werden. Warum darf man nicht gegen Lebensmittelverschwendung demonstrieren, nur weil Pflanzen, die der Lebensmittelerzeugung dienen KÖNNTEN für die Erzeugung von Bioenergie genutzt werden? Ich stelle diese Frage, obwohl ich diese Form der Energiegewinnung auch kritisch sehe.

Blumohne vor 21 Wochen

Ich denke, in Deutschland sollte bedarfsgerecht Lebensmittel produziert werden und nicht im Überschuss. Wir haben ein Überangebot der verschiedenen Herstellern und Lebensmittelfirmen, dass kein Mensch veressen kann. Es sollte nur soviel Lebensmittel produziert werden, wie die Bevölkerung auch verwerten kann. Da helfen auch keine Änderungen im Verfallsdatum oder Apps. Ebenfalls sollte es mehr Möglichkeiten und Unterstützung für die Tafeln geben, die die Lebensmittel sachgerecht lagern können. Zudem gehen heutzutage viel mehr Menschen ins Restaurant essen als sich selbst zum Teil in die Küche zu stellen.

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