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Bildrechte: IMAGO / Sven Simon

Click & Collect

Abholen erlaubt - So kämpft sich der Einzelhandel zurück ins Geschäft

von Katharina Pritzkow

Stand: 15. Februar 2021, 19:00 Uhr

In Sachsen dürfen Kundinnen und Kunden seit Montag wieder Waren im Geschäft bestellen und dort abholen. Auch wenn im Volksmund vom sogenannten Click & Collect - also der Bestellung im Internet und der Abholung vor Ort - gesprochen wird, sieht es gerade in kleinen Läden ganz anders aus: Viel Kundenkontakt, wenn auch nur am Telefon, ist gefragt. Gerade kleine Läden in Leipzig haben sehr unterschiedliche und kreative Wege gefunden, um mit ihren Kunden ins Geschäft zu kommen.

Es ist kurz nach 9 Uhr. Melanie Lobstädt steht hinter der Theke ihres Stoffladens nahe der Leipziger Innenstadt. Ausgedruckte Blätter liegen neben ihr: Bestelllisten. Sie stempelt, unterschreibt, faltet und packt Stoff um Stoff in weiße Papiertüten. Die stapeln sich schon bald in allen möglichen Größen neben dem Eingang des Ladens. Das sind Bestellungen, die wahrscheinlich noch im Laufe des Tages von Kunden abgeholt werden. Es ist der erste Tag, an dem das in Sachsen überhaupt wieder offiziell möglich ist. In den vergangenen Wochen haben Lobstädt und ihr Mann die Bestellungen innerhalb Leipzigs ausgeliefert. Die Kunden außerhalb bekommen ihre Ware wie sonst auch mit der Post.

Ob die Abholung jetzt eine Entlastung für uns bringt, wird sich zeigen. Manche sind ja trotzdem im Homeoffice mit ihren Kindern und kommen nicht weg. Für die ist der Lieferservice weiter attraktiv.

Melanie Lobstädt | Inhaberin "Melonie"

Aufschwung in der Branche

Wenn Designerin Lobstädt auf das vergangene Jahr zurückblickt, zieht sie eine durchwachsene Bilanz: 2020 habe gerade in ihrem Bereich einen regelrechten Aufschwung mit sich gebracht. "Durch diesen anfänglichen Masken-Notstand haben sehr viele selbst die Nähmaschine ausgepackt, Masken genäht und sind dann auch bei dem Hobby geblieben. Das Interesse ist groß an Do it yourself und Handmade und Upcycling sowie Recycling." Irgendwie ist es Glück im Unglück. Und trotzdem – richtig rund läuft es nicht, erzählt die Unternehmerin in einer kurzen Pause bei einer Tasse Tee. Durch die von der Politik verordneten Ladenschließungen seien gerade die kleinen inhabergeführten Läden arg getroffen.

Melanie Lobstädt kann auf ihre Stammkunden vertrauen. Täglich kommen Bestellungen zu Stoffen oder selbst genähten Kleidungsstücken an. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Bis auf die Inhaberin sind im Stoffladen alle Mitarbeiter in Kurzarbeit. "Eigentlich ist es wie vor neun Jahren, als ich angefangen habe", erzählt Lobstädt. Damit überhaupt etwas Umsatz reinkomme, habe ihr Team schon im Frühjahr einen Onlineshop aus dem Boden gestampft. Keine einfache Entscheidung: "Wir haben neun Jahre lang alles versucht, dass die Menschen zu uns in den Laden kommen. Und dann sagen wir mit einem Mal: 'Okay, jetzt machen wir online weiter!'"

Es sei trotzdem eine gute Entscheidung gewesen. Durch den Online-Shop wüssten Kunden immer, was es im Laden gibt. Doch bei Melonie ist es eher ein Call & Collect – fast alle Bestellungen werden telefonisch getätigt: "Die Kunden sind lieber mit uns im Gespräch. Es läuft auch viel über WhatsApp. Ich bin wirklich viel mit dem Handy unterwegs, weil sie natürlich auch Fotos brauchen."

Verkaufen ohne Onlineshop - eine Herausforderung

Ganz ähnlich handhabt das auch Sonja Weingarten vom England-Laden, nur drei Häuser weiter. In ihren Regalen stehen verschiedenste Tees, Marmeladen, Kannen und Tassen, Grußkarten, Keksen und Spiele – alles very british. Viele Flächen sind schon leer. Denn Ende März schließt der England-Landen nach 19 Jahren entgültig. "Nicht nur Corona hat uns den Garaus gemacht, sondern auch der Brexit. Wir haben uns dann im November entschlossen, den Laden zu schließen", erklärt die Inhaberin.

Sonja Weingarten führt seit 19 Jahren den England-Laden in Leipzig. In wenigen Wochen wird er Geschichte sein. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Nun muss alles raus. Doch ganz so einfach ist das nicht, denn Weingarten hat keinen Online-Shop. "Wir haben ganz viele Anfragen von Leuten. Ich habe eine Liste über unsere Restbestände vorbereitet, die ich an Interessierte verschickt habe. Und nun hoffen wir auch auf entsprechende Resonanz." Schon sieben Leute hätten sich gemeldet und bestellt. Wer möchte, bekomme auch Fotos von der Ware per Messenger geschickt. "Ich bin gerade dabei, die ganzen E-Mails durchzuarbeiten. Ich bin da und hoffe, dass die Leute im Laufe des Tages kommen."

Ich bin vorbereitet: Papiertüten in allen Größen stehen bereit und unser Kartengerät ist auch wieder aktiviert.

Sonja Weingarten | Inhaberin "Der England-Laden"

Die Unternehmerin setzt jetzt vor allem auf ihre Stammkunden. Die hätten auch in den vergangenen zehn Wochen mit ihren Bestellungen dafür gesorgt, dass wenigstens die laufenden Kosten gedeckt waren.

Stammkundschaft macht den Unterschied

Dass vor allem auf die Stammkunden verlass ist, kann auch Melonie-Inhaberin Lobstädt bestätigen. Nach eigenen Angaben kommen rund 80 Prozent der Bestellungen aus Leipzig. Rücklagen bilden, sei gerade trotzdem nicht drin, aber im Gegensatz zu vielen anderen Läden könnte sie ihre Miete mit den Einnahmen bezahlen.

Dafür steht die passionierte Näherin aber auch den ganzen Tag im Laden, erzählt sie, während sie Stoff um Stoff mit dem Rollschneider zerteilt: "Wir machen uns deswegen auch keinen Stress mit irgendwelchen Zeitfenstern und Terminvergabe für die Abholung. Ich bin sechs Stunden da. Eine Tüte zu übergeben, das dauert wenige Sekunden, hier bildet sich keine Schlange", ist sich die Unternehmerin sicher. Bezahlt wird entweder im Voraus online oder im Ausnahmefall auch per Karte im Geschäft. Ganz kontaktlos läuft es also nicht.

Kontaktlos in der Schleußiger Schleuse

Im Leipziger Südwesten will man da auf Nummer sicher gehen. Im Buchladen H24 in Schleußig setzt man schon seit einigen Wochen auf die kontaktlose Übergabe. Das funktioniert so: Der Kunde geht auf die Website des Ladens oder ruft an und bestellt das gewünschte Buch direkt bei den Mitarbeitern. Einige Stunden später ist die Ware dann bereit zum Abholen. Dafür meldet man sich per Gegensprechanlage, nennt Namen und Titel des Buchs. Sobald die Mitarbeiterin die Bestellung des Kunden gefunden hat, wird sie in einer Schleuse platziert – ein gläserner Windfang im Hinterhof der Buchhandlung. Der Bestellung liegt die Rechnung bei, Mitarbeiter und Kunde begegnen sich nicht.

Reservierung mit Hindernissen

Auffällig ist, dass bei allen angefragten kleinen Läden in Leipzig Bestellung und Abholung fast ausschließlich am Telefon oder per Mail funktioniert. In großen Einkaufsmärkten ist das anders: Beispielsweise Galeria Kaufhof in der Leipziger Innenstadt setzt auf Reservierungen über die Website. Für jeden Artikel, den man abholen möchte, muss die Warenverfügbarkeit geprüft werden. Das bedeutet: Artikel und Filiale auswählen, Kontaktdaten eingeben, absenden, warten. Will man mehr als eine Sache bestellen, muss der Vorgang für jeden Artikel einzeln wiederholt werden. Nach einiger Zeit kommt die Bestätigungsmail: "Ihre Wunschfiliale prüft nun, ob dieser Artikel für Sie zurückgelegt werden kann." Kurze Zeit später soll die endgültige Bestätigung kommen, doch auch nach drei Stunden Wartezeit ist noch völlig unklar, ob es geklappt hat.

"Einfach mal in einen Laden gehen und gucken"

Claudia Kretschmann war da weitaus erfolgreicher: Sie ist seit drei Jahren Stammkundin bei Melonie und am Montagmorgen die erste Kundin, die ihre Bestellung abholt. Bei minus 11 Grad klopft sie dick eingepackt an die gläserne Ladentür. Und das gleich aus mehreren Gründen: "Ich sage ja immer: 'Support your local Nähshop!' Es ist ganz großartig, dass man das jetzt wieder darf." Das Abholen sei ein Schritt Richtung Normalität, sich auch mal wiedersehen, und es sei auch verbunden mit der Hoffnung, dass die Läden bleiben. "Ich merke bei mir so eine tiefe Sehnsucht", erzählt die Leipzigerin. "Einfach nur mal in einen Laden gehen und gucken. Ich will gar nichts kaufen, sondern einfach nur mal das Gefühl haben, in einem Laden zu stehen. Das ist wirklich eine große Sehnsucht."

Dass der Laden endlich wieder voll ist und Kundinnen wie Claudia Kretschmann zum ausführlichen Stöbern wieder eintreten würden, wünscht sich auf der anderen Seite der Glastür auch Melanie Lobstädt: "Ich habe tolle Mitarbeiter. Ich Es wäre schön, wenn die relativ zügig auch wieder da sein dürfen. Und dass das Bewusstsein der Menschen in dieser Zeit weiter wächst für Nachhaltigkeit, für lokale Produktion, für das Bewusstsein, bei wem sie einkaufen."

Ein letzter Blick auf die Bestellliste. Melanie Lobstädt prüft, welche Papiertüte zu welcher Kundin gehört. Bei ihr kaufen größtenteils Frauen ein. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSENMDR SACHSENSPIEGEL | 15.02.2021 | 19:00 Uhr

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