(Kein) Tourismus in Leipzig Gästeführer zwischen Hartz IV und Hoffnung

Seit Monaten steht die sächsische Tourismusbranche coronabedingt still. Hotels, Restaurants und Kulturbetriebe sind geschlossen. Im vergangenen Jahr hat die Corona-Pandemie im sächsischen Tourismus ein Minus von über 40 Prozent gemacht. Neben der Hotellerie und Gastronomie leiden auch die zahlreichen Gästeführer und Reiseleiter unter dieser Situation. Sie haben seit Monaten nichts zu tun, viele von ihnen bangen um ihre Existenz. Was Gästeführer ohne Gäste machen, darüber hat MDR SACHSEN mit Leipziger Stadtführern gesprochen.

Eine Reisegruppe steht um einen Mann an einem Denkmal
In Leipzig gibt es zahlreiche thematische Stadtführungen. Doch bereits zum zweiten Mal läuft coronabedingt in dieser Branche nichts mehr. Bildrechte: Leipzig Erleben GmbH

Frank Dietze ist mit Leib und Seele Gästeführer und Reiseleiter. Studiert hat er Slawistik und Kunstgeschichte. Seit 2010 begleitet er Touristen als Angestellter für Studiosus-Reisen, organisiert aber auch eigene Reiseangebote, vor allem nach Slowakei, Tschechien, Albanien und dem Kosovo. Seit 2020 ist Dietze auch in Leipzig als Gästeführer unterwegs, arbeitet dort als freier Mitarbeiter für das Unternehmen Leipzig Erleben. Doch im März 2020 war damit für ihn erstmal Schluss - keine Gäste, keine Einnahmen. Das Coronavirus hatte seine Branche komplett ausgebremst. Erst im September konnte Dietze wieder als Gästeführer in Leipzig arbeiten. Aber schon Mitte November war es damit wieder vorbei. Der zweite Lockdown bremste nicht nur ihn erneut aus. Bis heute ist Dietze ein Gästeführer ohne Gäste.

Wenn das Sparschwein das Überleben sichert

Aktuell finanziert Dietze sein Leben von seinem Ersparten. Bis vor Kurzem erhielt er Arbeitslosengeld. Jetzt wurde ihm Hartz IV bewilligt. "Hartz IV zu beantragen gehört nicht zu den schönsten Momenten im Leben", erzählt Dietze im Gespräch mit MDR SACHSEN. Diese Hilfe erhält er nun rückwirkend ab Januar bis Juni dieses Jahres. Dank vereinfachter Verfahren beim Jobcenter, wie er erzählt.

Das ist schon relevant in der Absicherung. Eben keine Krankenversicherung selbst zahlen zu müssen. Und auch die Rentenversicherung abgedeckt zu wissen.

Frank Dietze Gästeführer aus Leipzig

Auf einen negativen oder positiven Bescheid zu der beantragten Überbrückungshilfe II für seine Arbeit als Selbstständiger wartet er bis heute.

Ein Mann auf einer Treppe
Frank Dietze ist mit Leib und Seele Gästeführer und Reiseleiter. Seit Monaten kann er seinen Beruf wie hier im Haus Schminke in Löbau nicht mehr ausüben. Er steckt aber den Kopf nicht in den Sand. Die Zeit des Lockdowns nutzt er, um neue Touren zu planen. Bildrechte: Frank Dietze/www.osthorizonte.com

Auch seine rund 80 Kolleginnen und Kollegen von Leipzig Erleben berichten ähnliches in Sachen Finanzen. Eine Gästeführerin, die in Vollzeit arbeitet, kritisierte, dass unter "Solo-Selbstständige" scheinbar nur Künstler, Musiker und Schauspieler fallen. Der Berufsstand "Gästeführer" sei immer noch nicht anerkannt.

Wenn das der Fall wäre, vielleicht wäre es für einige der Kolleginnen auch einfacher gewesen, schneller und präziser an die entsprechenden Hilfsprogramme zu kommen.

Gästeführerin Leipzig

 Eine Reisegruppe steht um einen Mann an einem Denkmal
Als noch Touristen nach Leipzig kamen, hatten Gästeführer alle Hände voll zu tun. Bildrechte: Leipzig Erleben GmbH

Manche Gästeführer kommen nur über die Runden, weil sie Grundsicherung beantragt haben oder Regale im Supermarkt auffüllen. Andere haben ihre Rentenversicherungen und Sparverträge beitragsfrei gestellt. Mancher hat das Auto abgemeldet, damit die Grundsicherung ausreicht. Wieder andere erzählen, dass sie derzeit vom Einkommen der Partner leben. Oder sie berichten von dem Glück, Soforthilfe von der Stadt Leipzig erhalten zu haben.

Probleme bei der Beantragung gab es keine, außer dass das Formular sehr umfangreich war und wahrscheinlich eine sehr umständliche Abrechnung folgen wird.

Vollzeit-Gästeführerin Leipzig

Auch die Chefin von Leipzig Erleben, Anke Knote, ist froh über die Hilfen von Bund und Land. Vor allem das Kurzarbeitergeld habe ihr sehr geholfen, erzählt sie MDR SACHSEN. "Das mussten wir durchgängig für 2020 beantragen", so Knote. 70 Prozent Umsatzeinbußen musste sie für das vergangene Jahr verkraften. Und auch das Jahr 2021 scheint vorerst kein gutes zu werden.

Für März haben wir 16 Gruppenbuchungen. In den Vorjahren hatten wir da schon um die 100.

Anke Knote Geschäftsführerin Leipzig Erleben

Doch dank der eigenen Rücklagen und Hilfen kann sie wenigstens die laufenden Kosten decken. Eine Prognose, wie lange sie den erneuten Lockdown noch durchhalten kann, will sie nicht abgeben. "Bis zum Frühjahr kommen wir aber hin," ist sich die Geschäftsführerin sicher.

Lockdown als Chance nutzen

Noch im ersten Lockdown überlegte Gästeführer Frank Dietze ernsthaft, ob er einen anderen Beruf ergreifen soll. Doch mittlerweile hat er sich arrangiert und sieht auch Chancen im diktierten Nichtstun. So hat er zusammen mit einer Freundin eine neue Internetseite erstellt, auf der Gebäude der Zwischenkriegszeit präsentiert und beschrieben werden. Die möchte er auch künftig für seine Reiseleitertätigkeit nutzen. Bereits bestehende Touren hat er überprüft und weiterentwickelt. Aber auch neue Routen konzipiert, wie die der jüdischen Geschichte in Leipzig. Dabei sei alles in Ruhe und mit viel Lust erstellt worden, erzählt er. "Das Wort 'schnell' ist aus meinem Wortschatz irgendwie gestrichen".

So viel freie Zeit hatte ich noch nie und im besten Fall kommt das nicht wieder.

Frank Dietze Gästeführer aus Leipzig

Er und die anderen, die sich dem Wohl der Gäste verschrieben haben, hoffen, dass es bald wieder losgeht. Damit sollte lieber noch ein wenig gewartet werden, um dann richtig und mit aller Kraft wieder zu starten, findet Anke Knote. Städtetourismus ohne offene Kultureinrichtungen, Hotels und Gastronomie mache auch wenig Sinn.

Dennoch sind die meisten der Gästeführer optimistisch. Vor allem setzen sie, wie bereits nach dem ersten Lockdown, auf die Individualreisenden. Diese kamen im Sommer mit den Lockerungen auch als erstes wieder zurück. Frank Dietze und seine Kolleginnen und Kollegen stehen auf jeden Fall bereit.

Eine Gruppe Menschen in einem Raum
Frank Dietze in Aktion. In Zlín, Tschechien, ist er mit einer Gruppe zum Thema Funktionalismus in der Architektur (Bauhaus) unterwegs. Bildrechte: Frank Dietze/www.osthorizonte.com

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 09.02.2021 | 20:00 - 23:00 Uhr

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