Interview Leipziger Virologin sieht für Tourismus derzeit keinen Spielraum

Der Lockdown zieht sich seit November durch die Monate, am Mittwoch entscheidet die Regierung über eine Verlängerung der Maßnahmen. Noch immer liegen sind die 7-Tages-Inzidenzen hoch, die Mutationen breiten sich weiter aus. Was bedeutet dies für den Tourismus? Im Gespräch mit MDR SACHSEN erklärt Corinna Pietsch, Leiterin des Instituts für Virologie am Uniklinikum Leipzig, ab wann sie eine Öffnung aus medizinischer Sicht für sinnvoll erachtet.

Dr. Corinna Pietsch,  Virologin Uni Klinik Leipzig
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Frau Pietsch, Sie sprechen sich für Lockerungen erst bei niedrigen Inzidenzen aus. Können wir wirklich erst wieder planen und kontrolliert öffnen, wenn die 7-Tage-Inzidenz kleiner zehn ist?

Ja, es ist einfach so. Wir haben in den letzten Wochen und Monaten leider lernen müssen, dass das ganze System schnell kippen kann. Selbst eine moderate Höhe von Fallzahlen entwickelt sich schnell instabil. Es ist nicht möglich, sicher vorauszusagen, wie lange wir die Zahlen niedrig halten können. Dies kann nur gelingen, wenn wir ganz niedrige Inzidenzen haben. Nur mit sehr niedrigen Inzidenzen können wir Infektionsketten sehr schnell erkennen und - wenn sie noch kurz sind - unterbrechen.

Wie lange dauert das, bis wir diese niedrigen Inzidenzen erreicht haben?

Das lässt sich tatsächlich schwer voraussagen. Man kann versuchen, das Infektionsgeschehen zu modellieren. Dies ist jedoch nicht nur stark abhängig von den formalen Vorgaben des Staates, sondern auch davon, was die Menschen daraus machen, inwieweit sie die Vorgaben umsetzen. Deshalb ist es schwierig zu sagen, ob dies kurz vor Ostern oder erst nach Ostern der Fall sein wird. Es wird sich in den Regionen sicher auch unterscheiden.

Was riskieren wir, wenn wir früher lockern?

Wenn wir früher lockern, riskieren wir, dass die Fallzahlen in die Höhe schießen. Wir riskieren auch, dass wir schnell wieder in den nächsten Lockdown rutschen. Währenddessen nehmen wir in Kauf, dass sich die neuen Virus-Mutanten ausbreiten, stark vermehren und damit wiederum Gelegenheit bekommen, neue Mutationen zu erwerben.

Wie gefährlich sind die Mutanten? Könnten sie uns einen Strich durch die Rechnung machen?

Sie machen uns insofern einen Strich durch die Rechnung, dass sie ja besser übertragbar sind. Das führt dazu, dass wir eigentlich verschärfte Eindämmungsmaßnahmen an den Tag legen müssen, um das gleiche Ziel zu erreichen.

Auf der anderen Seite steht einigen Hoteliers und Gastronomen das Wasser bis zum Hals. Können Hygienekonzepte im Tourismus überhaupt funktionieren?

Ich bin überzeugt, dass ein gutes Hygienekonzept die Übertragungswahrscheinlichkeit herabsenken kann. Es ist toll, was viele Gastronomen geleistet haben, gar keine Frage. Das Problem ist jedoch nicht nur die Übertragungswahrscheinlichkeit vor Ort. Tourismus und Gastronomie sind immer mit viel Mobilität verbunden. Zudem treffen sich Personengruppen in gemeinschaftlich genutzten Räumen, die oft aus unterschiedlichen Regionen und auch Haushalten kommen. Das ist nicht leicht für die Kontaktnachverfolgung.

Wie kann man ein Hotel oder eine Pension so umstrukturieren, dass es keine Infektionen gibt?

Dass es gar keine Infektionen gibt, halte ich nahezu für ausgeschlossen. Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben. Man kann natürlich sein Bestes tun. Hier sind ja auch wirklich gute Konzepte erarbeitet worden, die natürlich immer individuell an die jeweilige Einrichtung angepasst werden müssen. Es gibt es also kein Rund-um-Konzept, das für alle gut ist. Grundsätzlich gilt alles das, was wir seit Monaten gelernt haben: Kontaktbeschränkungen in den Räumlichkeiten, desinfizieren, lüften und so weiter.

Skilift im Schnee
Stillstand im Tourismus: Viel Schnee und keine Menschen - das ist die Situation in der Corona-Pandemie. Die vergangenen Jahre galt eher das Gegenteil - viele Menschen und wenig Schnee. Bildrechte: Bernd März

Also wäre unter Umständen doch Platz für Kompromisse?

Aufgrund dessen, dass Tourismus und Gastronomie mit so einer starken Mobilität verbunden sind, sind sie - so glaube ich - tatsächlich eine der schwierigeren Felder. Sie müssen bedenken, wir haben bereits jetzt in Deutschland Regionen mit unterschiedlichen Inzidenzen. Wenn es zwischen diesen Regionen wieder zur Mobilität kommt, ist es natürlich nachteilig für unsere zu erreichenden Ziele.  Zudem steigt das Risiko für die Ausbreitung der Virus-Mutanten.

Wenn wir uns alle an die Regeln halten – wie groß ist die Chance auf einen Sommer wie im letzten Jahr?

Jetzt hätte ich gern eine Kristallkugel. Das ist jetzt rein spekulativ. Ich denke schon, dass die  veränderte Witterung einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen hat. Das darf man jedoch nicht überschätzen. Und ich denke: Wenn wir uns jetzt alle gedulden und noch ein bisschen abwarten, bis die Fallzahlen noch niedriger sind - wenn wir erst dann öffnen, wird die Chance auf einen Sommer ähnlich wie im letzten Jahr auf jeden Fall größer.

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - das Sachsenradio | 09.02.2021 | 20:00 - 23:00 Uhr

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