Initiative Tanzschulen in Sachsen tüfteln an Unterrichtskonzepten in der Pandemie

Ein, zwei, Wiegeschritt - seit Monaten schon hören begeisterte Tänzer diese Worte höchstens aus Lautsprechern im Online-Unterricht. Die Tanzschulen haben seit mehr als fünf Monaten in Sachsen geschlossen. Nur Leistungssportler aus den Landes- und Bundeskadern dürfen aufs Parkett. Die Tanzlehrer im Freistaat wollen das jetzt ändern und berufen sich auf eine Grauzone in der Corona-Schutzverordnung.

Teilnehmer eines Tanzkreises für feste Tanzpaare tanzen am Abend in der Tanzschule Nebl.
Endlich wieder in der Tanzschule über das Parkett schweben - davon träumen viele leidenschaftliche Tänzer. Doch für die meisten ist das im Moment nicht möglich. Eine Initiative setzt sich nun für mehr Öffnungen auch im Bereich der Tanzschulen ein. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Oliver Thalheim sitzt im Lounge-Bereich seiner Tanzschule. Fein gekleidet ist er, mit Krawatte, Weste und Lederschuhen, als würde gleich sein nächster Standardkurs beginnen. Doch der Schein trügt. Die Säle bleiben auch heute leer – zumindest fast.

"Seit dem 2. November befinden wir uns im Lockdown. Wir Tanzschulen sind da nie rausgekommen. Wir sind sehr frustriert", berichtet der ehemalige Profitänzer. Staatliche Hilfen hat es gegeben, wenn auch spät, erzählt Thalheim. Doch das reicht ihm inzwischen nicht mehr. Thalheim will endlich wieder anpacken: "Wir wollen helfen, diese Pandemie zu besiegen. Es gibt ganz viele Studien, die schon in den Vordergrund gestellt haben, dass Tanzen sehr, sehr gesund für Kopf und Körper ist." Doch die aktuelle Corona-Schutzverordnung lässt Tanzsport in der Regel nicht zu.

Perspektive gesucht

Ein Mann steht an einer Bar in einer Tanzschule
Oliver Thalheim tüftelt seit Monaten daran, wie er seine Tanzschülerinnen und Tanzschüler erreichen kann: Online-Kurse stehen auf dem Programm. Doch es plant noch mehr. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Thalheim und seine Kollegen aus anderen Einrichtungen haben aber eine Idee: "Wir akzeptieren natürlich alle Auflagen, die es gibt. Aber es gibt in dieser letzten Verordnung auch die Möglichkeit, dass man sich mit einem Hausstand treffen kann. Unser Ansatz ist: Ein Tanzlehrer und eine Hygienegemeinschaften treffen sich unter Auflagen in der Tanzschule." Tests wären denkbar, auch eine Maskenpflicht. Genug Abstand zwischen Tanzlehrerinnen oder Tanzlehrern und den Paaren sei immer möglich - die Säle seien schließlich groß genug. Doch diese Möglichkeit hatten Politiker anscheinend nicht auf dem Radar, mutmaßt Thalheim. Der Vorschlag sei zwar nicht wirtschaftlich und noch nicht einmal kostendeckend, aber er wäre eine dringend benötigte Perspektive.

100 Institutionen für eine Idee

Um diese Idee bis in die Politik zu tragen, haben sich inzwischen mehrere Tanzschulen zu einer Initiative zusammengeschlossen - keine Selbstverständlichkeit, wie der Tanzschullehrer aus Leipzig berichtet: "Es gibt ja die ADTV-Tanzschulen, die freien Tanzschulen und auch die Tanzsportvereine. Am Ende des Tages haben wir alle das gleiche Ziel: Wir wollen den Menschen das Tanzen näher bringen. Und jetzt haben wir etwas geschafft, was vor Corona nicht möglich war. Wir haben uns alle zusammengeschlossen und eine Initiative mit mittlerweile 100 Institutionen."

Villa Wigman 4 min
Bildrechte: Villa Wigman für TANZ e.V.

Modellprojekt in Arbeit

Freiwillige Paare gäbe es genügend, meint Thalheim. Zum Beispiel Annet und Pierre. Das Ehepaar tanzt seit 14 Jahren und ist mittlerweile im Leistungssport angekommen, nimmt seit Jahren an Wettkämpfen teil. "Ich gehe Laufen und versuche mich mit Seilspringen fit zu halten, aber die lange Zeit ohne Tanztraining hat schon Spuren hinterlassen", berichtet Annet. Ihr Partner Pierre fügt hinzu: "Auch die Figuren und Tanzschritte sind nach einer so langen Zeit ein Problem. In der Stube kann man einiges üben, aber man kommt schnell an eine Grenze."

Für die Tanzschulinhaber ist das Ehepaar aktuell ein wichtiger Bezugspunkt: "Wir versuchen gerade mit ihnen ein Konzept zu erarbeiten, mit dem auch Tanztrainings, also Einzelunterricht, möglich sind." Thalheim will dann nach eigenen Angaben mit weiteren Kollegen aus Leipzig ein entsprechendes Modellprojekt bei der Stadt anmelden.

Ein schwarzgekleidetes Paar steht in Tanzpose vor einem großen Spiegel. Neben ihnen steht eine schwarz gekleidete Frau.
Die Leistungssportler Annet und Pierre werden von Tanzschulinhaberin Tina Spießbach unterrichtet. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Tanzen im Livestream

Doch bis wieder regelmäßig Tanzpaare durch die Säle in Gohlis schweben, wird es wohl noch eine Weile dauern. Bis dahin bleiben Thalheim sowie seine 19 Kolleginnen und Kollegen an der Tanzschule aber nicht untätig: Täglich gibt es Tanzkurse - per Video-Livestream. Doch ein Allheilmittel ist das nicht: "Grundsätzlich ist erst mal alles möglich. Videoclip-Tanzen, Hip-Hop, Breakdance, aber auch der Ehepaar-Tanzkurs, Cha Cha, langsamer Walzer, Tango, Discofox. Aber man merkt natürlich, es ist limitiert. Sobald es um eine Choreografie geht, wird es schon schwierig. Der Platz fehlt", erzählt Thalheim.

Eine junge Frau steht in T-Shirt und Leggings bekleidet vor der Kamera.
Anna-Maria ist eine von 18 Angestellten der Tanzschule. Aktuell gibt sie nur Unterricht vor der Kamera und erreicht damit ihre Tanzschülerinnen und Tanzschüler zu Hause. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Doch vielleicht wird es im Sommer wieder mehr Angebote geben, so ist zumindest die Hoffnung des Tanzschullehrers. Wie genau das aussehen wird, verrät Thalheim noch nicht. Ein Konzept dafür liegt aber schon in der Schublade bereit.

Quelle: MDR/kp

Dieses Thema im Programm MDR KULTUR - Das Radio | 12.02.2021 | 06:00 Uhr

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