Innovation Vom Patient zum Erfinder - Mit "Künstlicher Intelligenz" den Diabetes im Griff

Laut Bundesgesundheitsministerium leiden etwas mehr als sieben Prozent der Deutschen an Diabetes. Rund 90 Prozent an Diabetes Typ 2 – der erworbenen Zuckerkrankheit. An Typ 1, der genetisch bedingten Variante, leiden rund 350.000 Menschen. Therapien gibt es viele, heilbar ist Diabetes bislang aber nicht. Vor allem Patienten mit Typ 1 leiden häufig an Blutzuckerschwankungen. Langfristig schädigen hohe Werte die Gefäße und Nerven, die Lebensdauer verkürzt sich.

Ein Mann hält ein Smartphone in der Hand
Thomas Wuttke ist seit langer Zeit selbst Diabetiker. Um die Insulinberechnung für Betroffene genauer zu machen, hat er mit Kollegen eine App entwickelt. Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

Thomas Wuttke, Unternehmensberater aus Leipzig, ist seit 25 Jahren Diabetiker mit Typ 1. Sein Arzt prophezeit ihm: "Wenn du so weitermachst, erlebst du das 65. Lebensjahr nicht." Dieser Satz löst einen Denkprozess aus, der in einer Unternehmensgründung mündet.

Funktionierende Systeme für Mäuse in der Nacht

Thomas Wuttke ist sie leid, die ständigen Achterbahnfahrten seines Blutzuckers. Er beschreibt sie wie einen Dauerlauf, der einfach nicht endet. Das zehrt an den Kräften und Nerven. Mit seiner Erkrankung kennt er sich gut aus, kümmert sich intensiv und trotzdem liegt sein Durchschnittsglukosewert, der sogenannte HbA1c, bei über neun Prozent. Viel zu hoch.

Thomas Wuttke kommt dahinter, dass es an der falschen Insulindosis liegen muss. Die meisten Apps und Systeme (wie Pumpen), die es auf dem Markt gibt, funktionieren mit einem Dreisatz, bei dem der Blutzucker in die Berechnung einbezogen wird, die Menge der Kohlenhydrate und der ganz individuelle Mahlzeitenfaktor. Diese Berechnung sei aber nur für Mäuse in der Nacht geeignet, aber nicht für Menschen am Tag, meint der 55-Jährige.

Ein Mann hält ein Smartphone in der Hand
Ergebnis seiner Forschungsarbeit: Alle Insulin-Berechnungen sind zu ungenau, so Wuttke. Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

Schließlich untersucht er in einer Forschungsarbeit mit der Uni Ilmenau bestehende Algorithmen, die es zur Insulinberechnung gibt, mit dem Ergebnis: Allesamt sind viel zu ungenau. Ein Beispiel: Bewegung, Hormone, Stress und viele weitere Faktoren haben Einfluss auf den Stoffwechsel und somit den Blutzuckerhaushalt. Die berechnete Insulindosis kann also mal stimmen, mal aber zu Über- oder Unterzucker führen.

Experten an Bord

Thomas Wuttke holt sich Dr. Markus Oehme, Experte auf dem Gebiet der Mathematik und Informatik, ins Boot. Die beiden entwickeln die Diabetes-App "DIAfyt". Diese arbeitet mit einer Künstlichen Intelligenz und lernt mit ihrem Nutzer. Markus Oehme versucht für Laien zu erklären, was die App kann: "Man könnte einem Diabetiker, wenn er etwas essen möchte, nicht zumuten 100 verschiedene Parameter in die App einzugeben, um die Insulindosis zu berechnen. Unsere App macht das im Hintergrund. Man muss sie mit nur wenigen Daten füttern, aber regelmäßig, damit die KI sich auf den Nutzer einstellt."

Ein Smartphone mit einer geöffneten APP
Seit Anfang letzten Jahres ist die App auf dem Markt. Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

Die App sei zudem robust gegen Fehler. Seit Anfang 2020 ist die App auf dem Markt. Seit Thomas Wuttke die App für sich nutzt, haben sich seine Werte enorm verbessert.

Wie geht es weiter

Um weitere Fehlerquellen auszumerzen, wie zum Beispiel bei der Injektion des Insulins, hat Thomas Wuttke am Institut für Feinwerktechnik und Elektronik-Design der TU Dresden einen smarten Aufsatz für einen Insulin-Pen entwickeln lassen. Die eingebaute Sensorik kann die Menge des Insulins erfassen und ob die Injektion tatsächlich erfolgt ist. Die Daten werden dann per Bluetooth an die App gemeldet, so dass die KI die Eingaben überprüfen und einbeziehen kann.

Ein Mann sitzt an einem Schreibstisch mit technischen Geräten
Für noch genauere Berechnungen wird zurzeit an einem Aufsatz getüftelt. Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

Bis das Gerät aber marktfähig ist, wird es noch dauern. Und damit nicht genug: Thomas Wuttke tüftelt gemeinsam mit der Charité an einem völlig neuen Glukosesensor. Im Herbst soll der Prototyp fertig sein. Dann ist der Leipziger seinem Wunsch nach der perfekten Diabetes-Therapie wieder ein Stück näher.

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL

Mehr aus Leipzig, dem Leipziger Land und Halle

Ein Auto, aus dem es stark qualmt. Feuerwehrleute löschen. 1 min
In Leipzig haben in der Nacht zu Donnerstag zwei Autos im Stadtteil Stötteritz gebrannt. Bildrechte: Nonstop News

In Leipzig haben in der Nacht zu Donnerstag erneut zwei Fahrzeuge gebrannt. Dieses Mal im Stadtteil Stötteritz. Es war die dritte Nacht mit Autobränden in nur einer Woche.

28.10.2021 | 10:42 Uhr

Do 28.10.2021 10:14Uhr 00:47 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/leipzig/leipzig-leipzig-land/video-braende-autos-leipzig-serie-stoetteritz-100.html

Rechte: Nonstop News

Video

Mehr aus Sachsen