Engelsdorf Traditionskneipe für Eisenbahnverliebte in Leipzig schließt

Seit zwei Jahrzehnten ist die "Traditions- und Begegnungsstätte der Eisenbahner" in Engelsdorf eine Zeitmaschine für DDR-Nostalgiker und Bahnliebhaber. Zum 16.1. schließt die TBE nun endgültig ihre Türen. Der Eigentümer der Immobilie hat andere Pläne. Der Abschied fällt dem Betreiber und seinen Stammgästen schwer, denn die Kneipe steckt voller Erinnerungen.

TBE Eisenbahnertreff Leipzig-Engelsdorf
Andreas Schließauf (Mitte) und seine Stammgäste erinnern sich an bessere Zeiten in der "Traditions- und Begegnungsstätte der Eisenbahner" in Engelsdorf. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

Gleisanzeigen, Signalanlagen und eine Bahnhofsuhr weisen den Weg zum ehemaligen Bahnbetriebswerk Engelsdorf. Die Wendeltreppe in den Keller führt vorbei an Metallschildern und Modellbahnen, Rangierlampen und Andreaskreuzen in eine längst vergangene Zeit. Damals lag der Kilometerpreis in der ersten Klasse noch bei 11,6 Pfennig.

Refugium für Bahnbegeistere

In dem ehemaligen Heizraum des BW Engelsdorf entstand 1998 die Traditions- und Begegnungsstätte der Eisenbahner. Der ehemalige Bürgermeister von Engelsdorf hatte angeregt, einen Ort der Erinnerung an das Werk zu schaffen. Andreas Schließauf füllte ihn 23 Jahre mit Liebe und Leidenschaft. Dabei glaubte anfangs kaum jemand daran, dass die "Traditions- und Begegnungsstätte der Eisenbahner" lange existieren würde, erinnert sich der Betreiber. "Viele haben uns gesagt: 'Ihr habt aber Mut, hier an dieser Stelle so etwas auf die Beine zu stellen.' Das ehemalige Bahnbetriebswerk liegt ja jenseits von jeder großen Straße in einem Gewerbegebiet und es sind kaum Leute unterwegs."

Man hat uns vielleicht drei oder vier Jahre zugestanden.

Andreas Schließauf Betreiber TBE

Konzerte im Foyer

Daraus wurden Jahre voller Erinnerungen, auch an unvergessliche Konzerte im großen Foyer. "Sechs Mal war die Gruppe Karussell zum Beispiel bei uns. Mehrfach die Gruppe MTS, Tom Pauls war zweimal hier, die Ilse Bähnert, Eva Maria Pieckert und so weiter und so fort."

Alles was ein Stückchen DDR im Körper hatte, war hier irgendwann mal zu Gast.

Andreas Schließauf Betreiber TBE

Ort der Erinnungen

Abend für Abend begrüßte "Schaffner" Schließauf seine Stammgäste im urigen Keller der Begegnungsstätte, wo es in jeder Ecke kleine Schätze zu entdecken gibt. Ein Lieblingsstück ist das Erste-Klasse-Abteil, komplett mit Schiebetüren und grün-schwarzen Samtsesseln. Dort sitzt seit 19 Jahren an jedem Dienstag Wolfgang Busch. Er hatte damals im BW Engelsdorf gearbeitet und fühlt sich hier zuhause. "Es hieß, hier habe eine Gaststätte von der Eisenbahn aufgemacht. Da bin ich mit drei Kollegen hin. Und dann sind wir kleben geblieben. Das war Mitte 1999."

Wolfgang Horn war 1959 bereits in dem Gebäude als hier noch der "medizinische Dienst des Verkehrswesens" seinen Sitz hatte, denn er wollte ursprünglich zur Marine. Auch wenn ihn sein Lebensweg im Anschluss aufgrund einer Rot-Grün-Schwäche auf andere Gleise lenkte, führte er ihn rund 40 Jahre später wieder hier her. Der Engelsdorfer und seine Frau lieben die gemütliche Atmosphäre und auch die Kinder sind seit vielen Jahren fast jede Woche hier, erzählt er.

TBE Eisenbahnertreff Leipzig-Engelsdorf
Unzählige Schätze stapeln sich im Keller der Gaststätte. Für sie sucht "Schaffner" Schließauf ein neues Zuhause. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

Geschlossen und verdrängt

Nun schließen sich die Türen zum letzten Mal. Der neue Besitzer der Immobilie möchte die Räumlichkeiten anderweitig nutzen, sagt Pächter Schließauf. Nicht zuletzt die lange Schließung durch Corona sei das endgültige Aus gewesen für die TBE. Ein Nachfolger, der die Museumskneipe andernorts weiter betreiben könnte, fand sich nicht. "Vielleicht ist die Zeit einfach gekommen", konstatiert Schließauf. Ein Jammer, finden die Gäste. "Es ist ein Kleinod gewesen hier für Engelsdorf und die Umgebung", sagt Christina Busch. "Es ist wirklich sehr, sehr schade, dass es jetzt schließen muss. Mir tut das ein bisschen weh." Ihr Sitznachbar Herr Wolf ergänzt: "Damit ist dann wieder eine schöne gemütliche Gaststätte in Leipzig weniger."

Museumsschätze erhalten

Eine Woche ist die Gaststätte noch geöffnet, dann muss Andreas Schließauf den Keller räumen. Der 60-jährige kümmert sich noch darum, all die historischen Schätze in gute Hände zu übergeben. Dann macht er es so, wie er es immer getan hat, wenn er die Gäste auf den Weg schickt und wünscht ihnen allen eine gute Weiterfahrt.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport aus dem Studio Leipzig | 07. Januar 2022 | 16:30 Uhr

2 Kommentare

sommersatt vor 24 Wochen

Ja wenn die Immobilienhaie zugreifen. Leider ist die Gaststätte nicht die erste, die auf Grund von Besitzerwechsel aufgeben müssen. Da muss man sich schon fragen, was treibt Menschen dazu, eine Immobilie zu kaufen in der sich eine gut laufende Kneipe befindet. Aber am Ende ist es ein Immobilienfond und die Investoren haben keine Ahnung. Schade, dass es dafür keinen Schutz gibt, zumal das gleiche ja auch Mietern einer Wohnung passieren kann.

lk2001 vor 24 Wochen

Und wieder geht ein Stück Kulturgut verloren. Eine einst Stolze Gemeinde wurde durch die Eingemeindung in ein langweiliges Wohnviertel verwandelt. Ich lebe seit mehr als 40 Jahren hier, Heimatgefühle sind keine mehr da. Es ist beliebig geworden.

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