Kriegsfolgen Ukrainerinnen auf der Flucht: "Oft schon an Grenze von Zuhältern angesprochen"

Seit Beginn des Krieges Russlands gegen die Ukraine sind Millionen Frauen mit ihren Kindern auf der Flucht. Dabei sind die Ukrainerinnen noch längst nicht in Sicherheit: Unterwegs und angekommen in Deutschland lauern Zuhälter, Freier und Kriminelle. MDR SACHSEN hat mit Dorothea von der Leipziger Ortsgruppe des Vereins "Sisters" gesprochen. Der Verein klärt auf und hilft Frauen in Not beim Ausstieg aus der Prostitution.

Frauen und Kinder, die aus der Ukraine geflohen sind, werden am polnischen Grenzübergang Medyka von einer freiwilligen Helferin
Viele Ukrainerinnen wurden und werden bereits an den Grenzen von Zuhältern aber auch direkt von Freiern angesprochen - die ihnen beispielsweise eine Wohnung anbieten (Symbolfoto). Bildrechte: dpa

Frage: Was haben ukrainische Geflüchtete mit Prostitution zu tun?

Dorothea*: Hier hat sich etwas gezeigt, was sich schon oft vorher in vielen Kriegen und kriegerischen Auseinandersetzungen gezeigt hat: Frauen, die fliehen, sind einer erhöhten Gefahr ausgesetzt, in der Prostitution zu landen. Oft werden sie schon an der Grenze von Zuhältern angesprochen und gefragt: "Sie brauchen doch eine Wohnung, ich habe eine Wohnung." So werden Frauen oft sehr subtil und fies in die Prostitution gelockt.

*Dorothea möchte aus Sicherheitsgründen nur mit ihrem Vornamen genannt werde. Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.

Die Frauen werden mit falschen Versprechungen gelockt?

Ja. Teilweise wird auch gefragt: "Sie wollen doch schnell eine Arbeit finden? Wir haben da etwas für Sie." Manche sprechen es auch direkt aus, sehen Sexarbeit vor allem positiv: "Sie haben keine Ausbildung in Deutschland. Prostitution ist hier legal, da kann man schnell Geld verdienen – wie wär's denn?"

Menschen bei einer Kundgebung
Der Verein "Sisters" klärt über Prostitution auf - auch von ukrainischen Frauen. Anne (li.) und Fania (re.) sprechen auf einer Kundgebung in Leipzig darüber, wie Männer die Not ukrainischer Frauen ausnutzen. Bildrechte: Sisters e.V.

Es gibt also Zuhälter und Freier, die die Not der Ukrainerinnen schamlos ausnutzen?  

Es gibt einmal Zuhälter, die vor allem aus Profitgier handeln – und natürlich aus Frauenhass – und Frauen als Prostituierte für sich anheuern. Es gibt aber auch Freier, die direkt an ihre persönlichen Prostituierten herankommen. Es gab auch schon Geschichten, dass Frauen auf dem Weg in eine privat vermittelte Unterkunft die ersten Nachrichten von ihren potenziellen Vermietern erhielten: "Ich hoffe, Du bist schön genug, denn Du musst auch bei mir mit im Bett schlafen." Dazu Zwinkersmiley, bei denen sofort klar ist, worauf es hinausläuft. Hier nutzen Männer ganz klar die Notlage geflüchteter Frauen für sich und ihre sexuellen Bedürfnisse aus.

Wie erfährt Ihr Verein von den Schicksalen?

Es gibt zum Beispiel im Internet sehr stark frequentierte Freier-Foren, in denen sich Freier austauschen. Dort ist dann zu lesen: "Ich freue mich, dass endlich ukrainisches Frischfleisch kommt" und ganz viele weitere perfide und entmenschlichende Haltungen, die da zum Vorschein kommen. Frauen werden nicht mehr als Menschen gesehen, sondern als Ware, die zum Vergnügen der Freier dient. Manche Frauen erzählen uns auch ihre Erlebnisse. Sie sorgen sich nicht nur um sich, sondern haben Angst, dass sich Männer an ihren Töchtern vergreifen.

Menschen bei einer Kundgebung
Der Verein "Sisters" klärt - unter anderem mit der Ortsgruppe aus Leipzig - über die Situation geflüchteter Ukrainerinnen und deren Gefährdung durch Prostitution auf. Bildrechte: Sisters e.V.

Was sind das für Männer, die sich in diesen Foren herumtreiben? Wie alt sind sie?

Über das Alter kann ich keine Antwort geben. Es gibt Schätzungen, wonach in Deutschland etwa eine Million Männer pro Tag zu Prostituierten gehen. Das ist eine riesige Zahl. Die tauschen sich dann in solchen Foren aus. In welchen Bordellen welche Frauen arbeiten, wer neu ist und wer welche Leistungen bietet. Manchmal lehnen Prostituierte Männer ab, wenn diese zu gewalttätig sind oder Dinge verlangen, die die Frauen nicht zu geben bereit sind. Das wird dann auch geteilt: "Geht nicht mehr zu der Prostituierten, dort bekommt man nicht, was man bezahlt hat" – oder ähnliche Sätze.

Gibt es auch Foren, in denen sich Frauen so über männliche Prostituierte äußern?

Davon habe ich noch nie etwas gehört. Ich kann mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen, dass es die gibt. Die Zahl der männlichen Freier ist wahnsinnig viel höher als umgekehrt. Die Machtverhältnisse sind ganz andere. Dass Frauen sich darüber freuen, dass jetzt viele junge Männer kommen, die sie komplett zu ihren Gelüsten ausbeuten können – das ist uns noch nicht zu Ohren gekommen. Und ja, auf körperliche Art ist das auch etwas schwieriger. Doch während der Flüchtlingsbewegung 2015/2016 sind auch viele junge Männer hier in die Prostitution gelangt. Im Berlin am Tiergarten gibt eseinen großen Männerstrich, wo auch viele traumatisierte Geflüchtete gelandet sind.

Wie können sich Geflüchtete vor Prostitution schützen? Wie erkennen, wer sie betrügt?  

Es ist ganz wichtig, dass mediale Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt wird. Dass Frauen, die ankommen, wissen, in welcher Gefahr sie sind. Davor warnt ja die Polizei sogar. An den Bahnhöfen gab es extra Anzeigen an den Werbetafeln: "Passen Sie auf, mit wem sie mitgehen!" Doch dafür braucht es eben auch die Aufmerksamkeit, dass es ein Problem ist. Da läuft in Deutschland einiges schief. Dadurch, dass hier Prostitution so lax gehandhabt wird, ist es sehr leicht, in solch' eine Schiene zu rutschen.

Flüchtlinge in Dresden
Diese Tafel am Dresdner Hauptbahnhof warnt ukrainische Frauen vor "auffälligen Übernachtungsangeboten". Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Die einen argumentieren mit dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Andere sagen, dass sich durch die legale Prostitution in Deutschland ein Prostitutionstourismus entwickelt hat. Wie schätzen Sie das ein?

Ich glaube, hier muss dringend etwas passieren. Es wird ja immer mit dem freien Willen argumentiert: "Die Frauen wollen das doch". Wenn man sich die Frauen anschaut, die in der Prostitution landen, sind das viele, die auch vorher schon sexuelle Gewalt erfahren haben, die ökonomisch in komplett unsicheren Verhältnissen leben. Ganz viele kommen auch aus dem Ausland. Sie rutschen mehr in die Prostitution - oft aus wirtschaftlicher Not und aus einem vermeintlichen Mangel an Alternativen, als dass sie sich selbstbestimmt dafür entscheiden. Die Berichte der wenigen Frauen, die sich ohne wirtschaftliche Not und frei von Traumata für Prostitution entscheiden, werden viel zu sehr aufgebauscht. Konsens beim Sex kann niemals käuflich sein. Und niemand hat ein Anrecht auf Sex.

Was ist Ihr Rat?

Ich denke, es ist wichtig, die Vermittlung von Wohnungen über offizielle Stellen laufen zu lassen. Ich kann auch verstehen, dass man aus Verzweiflung zu einem alleinstehenden Mann in die Wohnung geht, weil man für die Kinder ein Dach über dem Kopf haben möchte. Leider habe ich keinen persönlichen Rat, weil ich die Notlage der Frauen sehe. Ich habe eher einen Rat an die Freier, dass sie reflektieren müssen, wie schrecklich unemphatisch und ausbeuterisch ihr Verhalten ist.

Doch ein individueller Rat ist eigentlich der falsche Ansatz. Kurzfristig muss in Deutschland eine andere Gesetzeslage zu Prostitution her. Wir bei "Sisters" setzen uns für das "Nordische Modell" ein. Grundsätzlich müssen sich die gesellschaftlichen Strukturen ändern, die hier und auf der ganzen Welt Frauen zur Ware und zu Objekten macht, auf die Männer nach Belieben zugreifen können.

Welche Rolle spielen Vergewaltigungen im Krieg und auf der Flucht?

Ich habe das Gefühl, jetzt wird mehr darüber gesprochen. Doch seit Jahrtausenden wird in Kriegen und Konflikten vergewaltigt – auch als politisch, militärstrategisches Mittel. Durch systematisches Vergewaltigungen wurde schon immer versucht, die gegnerische Seite zu schädigen. Schon allein, weil man damit über Generationen hinweg Familien traumatisieren kann. Auch der Aspekt der Entmännlichung des Gegners spielte schon immer einer Rolle: "Sieh' mal, wir vergewaltigen Deine Frauen oder wir vergewaltigen Dich und greifen Dich in Deiner Identität an." Daraus resultieren psychische Störungen und soziale Isolation – wenn zum Beispiel betroffene Familien ausgeschlossen werden. Vergewaltigungen sind eine ganz perfide Art, den Gegner im Krieg zu schädigen.

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MDR SACHSEN Di 08.03.2022 20:00Uhr 118:13 min

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Andererseits gibt es auch immer wieder Vergewaltigungen außerhalb von Systematisierungen und abseits von Befehlshabern. Das sind Vergewaltigungen, in denen Soldaten, aber auch Männer im privaten Bereich die unsichere Situation ausnutzen, in der einer Verfolgung der Tat nicht sehr wahrscheinlich ist. Das sieht man jetzt auch wieder in der Ukraine. Das Muster wiederholt sich seit Jahrtausenden. Jetzt leider wieder in der Ukraine, wie in Butscha.

Großes Thema im Ukraine-Krieg ist die Lage der Leihmütter. Was passiert mit diesen Frauen und Kindern?

Ich kann es mir gar nicht vorstellen, es muss so schrecklich sein. Weil viele Frauen durch die Verträge gezwungen sind, müssen sie in der Ukraine bleiben und im Krieg ausharren.

Frauen und Babys in provisorisch eingerichtetem Zimmer
Etwa 1.000 Paare aus Deutschland beauftragen jährlich eine Leihmutter aus der Ukraine. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Weil eine Leihmutterschaft in Deutschland nicht erlaubt ist, lassen Frauen ihre Kinder von Leihmüttern in der Ukraine austragen?

Ja. Da in der Ukraine Leihmutterschaft erlaubt ist, gelten Mütter nach der Geburt ihrer Babys rechtlich nicht automatisch als Mütter. Wenn sie jedoch nach Deutschland oder Polen fliehen und dort entbinden, werden sie die rechtliche Mutter. In Deutschland gilt der Grundsatz: Die rechtliche Mutter ist diejenige, die das Kind geboren hat. Um ihre Verträge zu erfüllen und de facto den Status der Mutter an die Auftraggeberin übertragen zu können, müssen diese Frauen in der Ukraine bleiben.

Wenn sie dann doch fliehen?

Wenn sie ausreisen und das Kind in Deutschland bekommen, ist das Vertragsbruch. Dann bekommen sie kein Geld. Viele ernähren damit aber ihre eigenen Kinder und Familie. Zu schweigen von der schwierigen Frage, wo das neu geborene Kind sein Zuhause findet. Es wurde oft von den "Eltern in Deutschland berichtet, die hoffen, dass es ihren Babys in der Ukraine gut geht". Doch dass man gar nicht das Leid dieser Frauen sieht. Sie müssen nun schon seit Wochen in Bunkern ausharren mit schlechter medizinischer Versorgung. Für jeden ist Krieg schlimm. Doch die Vorstellung, die ganze Zeit Angst zu haben, um ein Kind, das nicht das eigene ist, dessen Gesundheit aber mit der eigenen verbunden ist, ist schrecklich.

Wie viele Frauen sind betroffen?

Das kann ich nicht sagen. Es gibt Schätzungen, dass in Deutschland etwa 1.000 Paare pro Jahr eine ukrainische Leihmutter beauftragt haben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Nachrichten | 07. April 2022 | 06:00 Uhr

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