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Amtsgericht LeipzigFußgänger in Leipzig überfahren: Bewährungsstrafe für Täter

von MDR SACHSEN

Stand: 20. Dezember 2021, 13:45 Uhr

Am 12. Februar 2019 wurde ein 16-Jähriger aus dem Leben gerissen. Ein 33 Jahre alter Autofahrer erfasste ihn auf der Jahnallee mit überhöhter Geschwindigkeit. Wenig später starb der Junge an seinen schweren Verletzungen. Drei Jahre später hat das Amtsgericht nun ein Urteil gefällt.

Im Prozess gegen einen 33-jährigen Raser hat das Amtsgericht Leipzig eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten wegen fahrlässiger Tötung verhängt. Das Gericht verurteilte den Mann zudem zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro, die an gemeinnützige Vereine gezahlt werden sollen. Er muss auch 150 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und verliert zwei Jahre lang seine Fahrerlaubnis.

Laut "Leipziger Volkszeitung" (LVZ) begründete die Richterin das Urteil damit, dass der Verurteilte im Prozess Reue gezeigt habe. Zudem habe er sich bei den Eltern entschuldigt und nehme Therapiestunden in Anspruch. Auch dass Ruben W. bei Rot über die Straße lief habe berücksichtigt werden müssen. Die Bewährung wurde auf drei Jahre angesetzt. Die Richterin kündigt laut LVZ an, die Bewährung persönlich überwachen zu wollen.

Weitere Vergehen des Täters nach der Tat

Die verhängte Strafe berücksichtigt laut Gericht auch weitere Vergehen, die sich nach dem tödlichen Unfall ereigneten und ebenfalls mit angeklagt waren. Der 33-Jährige ist demnach ohne Fahrerlaubnis gefahren, hat bei einer Kontrolle einen gefälschten Führerschein vorgezeigt und mit einem als Taschenlampe getarnten Elektroschocker gegen das Waffengesetz verstoßen.

Vater: Täter "empathieloser Mensch"

"Das Urteil ist für uns nicht ausschlaggebend. Wir haben unser Kind verloren. Kein Urteil der Welt kann etwas daran ändern", sagte der Vater von Ruben W., den der Verurteilte im Feburar 2019 totgefahren hatte, im Gespräch mit MDR SACHSEN. Das Urteil sei trotzdem wichtig, um die Last des Verfahrens hinter sich lassen zu können.

Während des Prozesses zu erfahren, was der Täter noch für Verstöße in den letzten Jahren begangen hat, sei erschütternd. Das zeige, was er für ein "empathieloser Mensch" sei, so der Vater weiter. Der Täter selbst habe sich nie bei den Eltern des Opfers gemeldet. Die Entschuldigung vor Gericht, könne der nicht anerkennen.

Der Vater des getöteten Jungen hält den Täter für einen "empathielosen Menschen". Bildrechte: MDR SACHSENSPIEGEL

Ein Song für den Bruder

Eine Berufung schließt der Vater aus. "Wir müssen damit leben und das akzeptieren. Wir müssen versuchen, selbst weiter zu leben und uns nicht auf den Täter zu konzentrieren." Neben dem Vater, der in der Öffentlichkeit über den Vorfall spricht, bezieht auch der ältere Bruder von Ruben W. in seine Gedanken- und Gefühlswelt ein. In dem Rap-Song "Capey Cash + R.U.B.E.N." hält er die Erinnerung an seinen Bruder wach.

Bei YouTube kritisierte der Bruder damals, dass 2019 sechs weitere Menschen an der Jahnallee durch Verkehrsunfälle ums Leben kommen sein sollen. Nennenswerte Maßnahmen der Stadt Leipzig seien bis dahin ausgeblieben. Seit März 2019 ist die innere Jahnallee eine Temp-30-Zone.

Anwalt des Verurteilten: Reue war kein Lippenbekenntnis

Der Anwalt des Verurteilten sagte MDR SACHSEN hingegen, dass der 33-Jährige mehrfach über Dritte versucht haben soll, sich bei den Eltern zu melden. Eine Antwort habe er jedoch nie bekommen.

Dass der Angeklagte Reue empfindet, ist sich der Anwalt sicher. "Es waren keine Lippenbekenntnisse", versicherte er. Auch der Täter müsse jetzt lernen, mit der Situation umzugehen, auch wenn die Situation nicht vergleichbar mit der der Eltern ist, betonte er.

Der Täter wurde zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung verurteilt und muss 10.000 Euro für gemeinnützige Zwecke zahlen. Bildrechte: MDR SACHSENSPIEGEL

Die Frage nach Gerechtigkeit und Moral

Das Urteil werde der Verurteilte akzeptieren, eine Berufung sei zu erwarten, sagte der Anwalt. Ob das Urteil gerecht sei, stehe nicht im Vordergrund, so der Anwalt weiter. "Es geht im dem Strafprozess darum, wie der Staat auf eine Tat reagiert. Dass das persönliche Empfinden der Familie oder der Öffentlichkeit möglicherweise anders ist, als das was am Ende der Jurist dazu sagt, liegt in der Natur der Sache", so der Anwalt. Es gebe kein moralisches Strafrecht.

Unfallursache: Zu hohe Geschwindigkeit

Mitte Februar 2019 hatte der Angeklagte mit seinem über 500 PS starken Fahrzeug den 16-Jährigen auf der Jahnallee erfasst. Der Jugendliche war offenbar bei Rot über die Straße gelaufen, um eine Straßenbahn zu erreichen. Den heranrasenden Pkw hatte er dabei übersehen.

Trotz Bremsung war der Autofahrer laut einem Gutachten beim Aufprall noch mindestens 87 km/h schnell. Das Opfer erlitt bei dem Unfall so schwere Kopfverletzungen, dass es einen Tag später im Krankenhaus starb. Gutachter kamen zu dem Ergebnis, dass der Angeklagte den Unfall hätte verhindern können, wenn er mit angemessener Geschwindigkeit unterwegs gewesen wäre.

Quelle: MDR(mar)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Im Regionalreport aus dem Studio Leipzig | 20. Dezember 2021 | 14:30 Uhr