Immobilienmarkt Gezerre um Mietwohnungen in Leipziger Südvorstadt

Ende April hat ein Offener Brief die Online-Redaktion von MDR SACHSEN erreicht. Absender: die IG Kantstraße. Dahinter verbergen sich Mieterinnen und Mieter der Kantstraße 55 - 63b in Leipzig. In dem Brief schreiben sie von Verdrängung und spekulativen Immobiliengeschäften. Auch von der Furcht, ihre Wohnungen über kurz oder lang zu verlieren wird berichtet. Die Unterzeichner fordern daher einen Dialog mit Vertretern der Stadt und sie fordern, dass Leipzig eines der Häuser zurückkauft.

Ein unsaniertes Haus mit teilweise verbarrikadierten Fenstern
Der Gebäudekomplex Kantstraße 55 - 63b liegt in Leipzigs beliebtesten Stadtteil, der Südvorstadt. Seit März dieses Jahres hat der Eigentümer begonnen leerstehende Wohnungen zu sanieren. Aus den Mietwohnungen sollen Eigentumswohnungen entstehen. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk/Barbara Brähler

Ein denkmalgeschützter Gebäudekomplex in der Leipziger Südvorstadt. Schön schauen die Mehrfamilienhäuser aus den 1920er Jahren nicht aus, die einst für Tagebau-Kumpels gebaut wurden. Fenster sind teilweise mit Brettern verschlossen, Graffiti ist an die Hauswände gesprüht und die Grünflächen zwischen den Gebäuden wirken alles andere als gepflegt. Die meisten der zirka 75 Wohnungen in der Kantstraße 55 - 63b stehen leer. Das soll sich nach dem Willen des derzeitigen Eigentümers, eine auf Altbausanierung spezialisierte Baufirma, ändern. Sie will aus den Miet- Eigentumswohnungen werden lassen. Doch davor haben die dort noch lebenden Bewohnerinnen und Bewohner Angst.

Gemeinsam stark?

15 Wohnungen sind derzeit noch bewohnt. 16 Kinder und 24 Erwachsene leben hier. Seit zehn Jahren bemühen sie sich um den Erhalt ihrer Wohnungen. Dafür gründeten sie 2011 die Interessensgemeinschaft, vernetzten sich unter anderem mit der Solidarischen Wohnungsgenossenschaft SoWo Leipzig, suchten juristischen Rat und nahmen auch Kontakt zu den diversen Eigentümern auf. Ihr Ziel: Das Gebäude in der Kantstraße 55/57 kaufen und damit sozialverträglichen Wohnraum erhalten.

Signalisierte der frühere Besitzer, die GRK Holding, Bereitschaft über einen Verkauf nachzudenken, beendete deren Nachfolger, die Instone Real Estate, die laufenden Verhandlungen. Und auch der neue Besitzer, die Campus Altbausanierung, war nicht bereit, auf das Mieter-Gebot von 500.000 Euro einzugehen. Wie das Unternehmen auf Anfrage von MDR SACHSEN schriftlich mitteilte, sind die Immobilienpreise in den vergangenen Jahren gestiegen. Ein derartiger Ankaufspreis, der vor Jahren durch den Alteigentümer gezahlt wurde, daher unrealistisch. "Die Campus Group hat bereits selbst einen Kaufpreis von ca. 2,6 Millionen Euro für den letzten Riegel bezahlt."

Ein unsaniertes Haus in dem noch Menschen leben
Neben klassischen Familienwohnungen mit vier bis fünf Zimmern sollen in der Kantstraße auch Singlewohnungen entstehen. Die kalkulierte Zielmiete liegt laut Campus Altbausanierung bei zehn Euro pro Quadratmeter. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk/Barbara Brähler

Statt Verkauf Modernisierung

Kein Verkauf an die Mieter, dafür flatterten im April vergangenen Jahres die ersten Modernisierungsankündigungen in deren Briefkästen ein, im März dieses Jahres dann die ersten Verwertungskündigungen. Eines der Häuser wird bereits entkernt, bei einem anderen laufen dafür die Vorbereitungen. Baustraßen zieren jetzt die Grünflächen zwischen den Häusern. Für die betroffenen Mieterinnen und Mieter bietet Campus zwar Lösungen während der Bauzeit an. Entweder sie entscheiden sich für eine andere Wohnung aus dem Firmenbestand oder sie ziehen für die Bauzeit innerhalb der Kantstraßen-Häuser um und danach zurück in ihr angestammtes Quartier. Aber diese Angebote beruhigen die Bewohnerinnen und Bewohner gar nicht. Dabei geht es ihnen weniger um höhere Mieten nach der Modernisierung, die ist gesetzlich gedeckelt. Maximal zwei Euro mehr pro Quadratmeter sind in Sachsen erlaubt. Das Problem sehen sie in der Umwandlung ihrer Mietwohnungen in Eigentumswohnungen. Denn drei Jahren nach Umwandlung kann den Mietern die Kündigung drohen.

Vor einem unsanierten Haus steht ein Baucontainer
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk/Barbara Brähler

Eigentum das höchste Recht?

In diesem Spiel sei im Prinzip das Eigentumsrecht das höchste Gut, konstatiert eine Sprecherin der Interessensgemeinschaft im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Der Eigentümer, der unsere Wohnung erwirbt, hat nach drei Jahren die Möglichkeit uns wegen Eigenbedarf zu kündigen.

Sprecherin IG Kantstraße

Dass das sehr gut so kommen kann, hätten Gespräche sowohl mit dem jetzigen Besitzer als auch mit den Vorgängern gezeigt. "Sinngemäß wurde uns mitgeteilt, dass schon Käufer gefunden und eine Eigenbedarfskündigung dann kommen werde," erzählt die Sprecherin. Das man dieser Situation so ausgesetzt ist, mache Anwohnerinnen und Anwohner wütend.

Man hat das Gefühl, sie übernehmen keine Verantwortung für die mitgekauften Mieter.

Sprecherin IG Kantstraße

Der Vorwurf, die angestammten Mieter zu verdrängen, lässt der jetzige Besitzer nicht gelten. Er weist darauf hin, dass die Sanierung den Leipziger Wohnungsmarkt um 93 Wohnungen reicher machen werde. Allerdings sind schon mehr als die Hälfte der Wohnungen verkauft worden, für durchschnittlich 5.300 Euro pro Quadratmeter.

Ein unsaniertes Haus mit teilweise verbarrikadierten Fenstern
Aktuell liegen die Mieten in den Kantstraßen-Häuser zwischen 2,65 und 4,95 Euro. Nach der Modernisierung wird der Kaufpreis pro Quadratmeter durchschnittlich bei 5.300 Euro liegen. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk/Barbara Brähler

Millieuschutz gefordert

Tobias Bernet, Vorstand der Solidarischen Wohnungsgenossenschaft SoWo Leipzig eG., findet es verheerend, dass mit der Kantstraße weiterer bezahlbarer Wohnraum verloren geht. Die Gentrifizierung in der Südvorstadt sei weit vorangeschritten. Hier würden von allen Leipziger Stadtteilen mit die höchsten Mieten aufgerufen, erklärte Bernet.

Viele Mieten bewegen sich dabei in einer Höhe, die für Leute mit einem durchschnittlichen Leipziger Einkommen nicht bezahlbar sind.

Tobias Bernet SoWo Leipzig

Bernet wünscht sich unter anderem, dass die Stadt Leipzig die Ausweisung von Gebieten mit sozialer Erhaltungssatzung - sogenannte Milieuschutzgebiete - weiter vorantreibt. "In einem Milieuschutzgebiet wäre eine Sanierung von der Art, wie sie an der Kantstraße angestrebt wird, höchstwahrscheinlich nicht zulässig", erklärt Bernet.

Stadt sind Hände gebunden

Die Forderung der IG Kantstraße das Haus mit der Nummer 55/57 zurückzukaufen, wird die Stadt wohl nicht erfüllen. Auch wird sie wohl nicht zwischen Besitzer und Mieterinnen und Mieter vermitteln können. So liest sich zumindest die Antwort der Stadtverwaltung vom November vergangenen Jahres auf eine Anfrage der Linken-Stadträtin Juliane Nagel. Darin heißt es: "Die Stadt hat wenig bis keine Handlungsmöglichkeiten, da diese Thematik das Mietrecht berührt, (...). Da die Stadtverwaltung hoheitlich nur im öffentlichen Recht handeln kann, sind Möglichkeiten der Stadtverwaltung, die Mieterinnen und Mieter bei ihren mietrechtlichen Fragen zu unterstützen, nicht gegeben."

Immerhin will die Stadt Ende des Jahres die Sozialen Erhaltungssatzungen fortschreiben. Dann sollen alle Stadtbezirke betrachtet und analysiert werden. Bis die Ergebnisse allerdings vorliegen, dürften die Arbeiten an weiteren Blöcken des Gebäudeensembles begonnen haben oder abgeschlossen sein. Das hilft den jetzigen Mieterinnen und Mieter nicht mehr.

Trotz des langen und wohl aussichtslosen Kampfes ziehen die verbliebenen Mieterinnen und Mieter ein kleines positives Fazit. Durch das gemeinsame Bemühen um eine Lösung sei eine Gemeinschaft aus unterschiedlichsten Menschen gewachsen. "Wir können uns aufeinander verlassen und das ist viel Wert," so die Sprecherin der IG Kantstraße.

Quelle: MDR/bb

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