Fall Ofarim Ermittlungsergebnisse in diesem Jahr nicht mehr erwartet

Mehrere Wochen nach dem Vorfall im Westin Leipzig hat die Staatsanwaltschaft die strittige Szene im Hotel nachspielen lassen – der letzte Ermittlungsschritt? Ergebnisse gibt es wohl erst im neuen Jahr. Aber was bleibt vom Fall Ofarim?

Gil Ofarim
Laut Gil Ofarim hatte ein Hotelmitarbeiter den Musiker ausgefordert, seine Kette mit dem Davidstern beim Einchecken abzunehmen. Am Montag ließ die Staatsanwaltschaft die strittige Szene von Anfang Oktober noch einmal in der Lobby des Westin Leipzig nachstellen. Bildrechte: dpa

Es ist der 4. Oktober, als ein Fall ins Rollen kommt, der deutschlandweit Aufmerksamkeit bekommt – der geprägt ist von den sozialen Medien, gegenseitigen Anschuldigungen und forensischen Gutachten. Damals stellt der Musiker Gil Ofarim über Instagram ein Video online. Der Vorwurf: Er sei im Leipziger Hotel Westin Opfer von Antisemitismus geworden.

Das Video geht viral. Es folgen eine Demonstration gegen Antisemitismus, Boykottaufrufe gegen das Hotel. Dann kommen Zweifel an der Version Ofarims auf, mehrere Medien berichten, Videoaufnahmen aus dem Hotel würden nahelegen, dass Ofarim bei dem Vorfall gar keine Kette mit Davidstern getragen habe. Die Kette ist der entscheidende Punkt: Denn laut Ofarim hatte ein Hotelmitarbeiter den Musiker ausgefordert, seine Kette mit dem Davidstern beim Einchecken abzunehmen.

Doch letztlich steht Aussage gegen Aussage. Auch eine Analyse der Hotelvideos durch die beiden Multimedia-Forensiker Thomas Gloe und Jakob Hasse Anfang November für den MDR konnte nicht klären, ob der Musiker die besagte Kette bei dem umstrittenen Vorfall trug – oder eben nicht. Das Problem: Die technische Qualität der Aufnahmen ist so schlecht, dass Details nur sehr schwer zu erkennen sind. Die Experten können weder das Tragen noch das Nicht-Tragen einer Kette mit dem Davidstern ausschließen. "Auf Basis der aktuellen Untersuchung, die wir durchgeführt haben, können wir keine Aussage dazu treffen, ob tatsächlich die Kette vorhanden war oder nicht", so Thomas Gloe.

Und weiter: Es sei einfach zu sagen, wenn die Kette nicht erkennbar sei, ist sie nicht getragen worden. "Genauer muss jedoch gezeigt werden, ob die Kette im Videomaterial hätte sichtbar werden müssen, sofern sie getragen wurde." Diese Frage mit Sicherheit zu beantworten sei schwierig, so Gloe. Eine endgültige Aussage zum Tragen der Kette könne nur mit einer Nachstellung der Szene am originalen Ort unter vergleichbaren Bedingungen getroffen werden.

Strittige Szene nachgestellt

Genau das ist inzwischen geschehen: Am Montag ließ die Staatsanwaltschaft die strittige Szene von Anfang Oktober noch einmal in der Hotellobby nachstellen – damit soll das Gutachten des Digitalforensikers Dirk Labudde, Professor an der Hochschule Mittweida, ergänzt werden. Bisher gebe es allerdings keine Rückmeldung von dem Sachverständigen, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Auch diese hatte ein forensisches Gutachten in Auftrag gegeben: Labudde sollte für die Ermittler ebenfalls herausfinden, ob Ofarim bei dem Vorfall Anfang Oktober eine Kette trug oder nicht.

Doch bis die Ergebnisse von Gutachten und Ermittlungen öffentlich gemacht werden, wird es wohl noch etwas dauern. Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz rechnet nicht damit, dass die Ermittlungen vor Weihnachten abgeschlossen werden. "Wir sind bestrebt, Anfang nächsten Jahres Ergebnisse vorzulegen", sagte er dem MDR. Denn zuerst müsse das ergänzte Gutachten vorliegen, die Ermittlungsergebnisse zusammengeführt und diese den Verfahrensbeteiligten zur Verfügung gestellt werden.

Medienwissenschaftler: "kommunikative Eskalation"

Laut Lars Koch, Professor für Medienwissenschaft und Neuere deutsche Literatur an der TU Dresden, ist der Fall aber auch ein Beispiel für eine "zunehmend affektiv orchestrierten Öffentlichkeit", wie er Anfang November dem MDR sagte. Verschiedene Akteure würden um Deutungshoheit kämpfen, "unter dem Verweis auf vermeintliche Fakten, vor allem aber mit Suggestionen und angedeuteter Narrativierungen. Wir haben es mit einem hohen Emotionalisierungsgrad zu tun, mit einer endgrenzten und über Hashtags forcierten Moralkommunikation, die dazu tendiert, eindeutige Positionierungen zu erzwingen", sagte Koch dem MDR.

Das Video von Ofarim bei Instagram habe eine "kommunikative Eskalation" in Gang gesetzt. Die anschließende Kommunikation, insbesondere über Twitter, unterliege wiederum einem immensen Beschleunigungsdruck. "Zudem sind sie auf Resonanz angelegt", so der Medienwissenschaftler. "Und müssen ihrerseits im Ringen um das knappe Gut Aufmerksamkeit für die eigene Wahrnehmung in Form von Likes, Retweets und Kommentaren Sorge tragen."

Hassbotschaften an den Zentralrat der Juden

Das Video Ofarims, in dem er den Antisemitismus-Vorwurf erhebt, wurde bisher rund vier Millionen Mal angeschaut. Zahlreiche Meinungsäußerungen zu dem Fall etwa bei Twitter wurden tausendfach gelikt. Medienwissenschaftler Koch sieht spätestens seit der Corona-Berichterstattung einen allgemeinen Trend: "Ein Hang zur Lagerbildung, die Dominanz von Abdichtungs- und Selbstbestätigungserzählungen, die durch soziale Medien weiter forcierte Bereitschaft zur affektiven Eskalation und moralischer Frontenbildung." Für Meinungsbildung, die als Prozess der differenzierenden Reflexion verstanden werde, bleibe in der medialen Taktung forcierter Empörungsdarstellung schlichtweg keine Zeit mehr.

Der Fall rund um Gil Ofarim und den Vorwurf des Antisemitismus wurde aber auch instrumentalisiert für antisemitische Hetze: Den Zentralrat der Juden in Deutschland erreichten in der Folge eine Vielzahl an Hassnachrichten. Medienwissenschaftler Koch sagte Anfang November zu dem Fall, Politiker wären gut beraten gewesen, sich zeitlich und argumentativ differenzierter zu äußern. "Sich klar gegen jede Form von Antisemitismus zu positionieren, zugleich aber deutlich zu machen, dass es im konkreten Fall einfach noch zu früh für eine Bewertung gewesen ist." Selbst wenn sich die Dinge anders zugetragen haben sollten als von Ofarim berichtet, würde das keinerlei Anlass bieten, die Existenz und Relevanz einer antisemitischen Alltagskultur in Deutschland zu bestreiten, so Koch.

Quelle: MDR AKTUELL

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 03. November 2021 | 17:15 Uhr

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