Häusliche Gewalt Gewalt in der Familie - Betroffen sind immer die Kinder

Häusliche Gewalt nimmt deutschlandweit immer weiter zu. Bundeskriminalamt und Beratungsstellen gehen von einer hohen Dunkelziffer aus und warnen davor, dass die Corona-Pandemie die Situation in vielen Familien verschärft. In 82 Prozent der Fälle sind Frauen von Partnerschaftsgewalt betroffen. Doch nicht allein - bei Gewalt in Familien leiden auch immer die Kinder. Doch die Therapie- und Beratungsangebote sind rar.

Ein junges Mädchen schaut durch einen Türschlitz.
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Demütigung, Erniedrigung, psychischer Terror - Gewalt in der Partnerschaft waren Alltag für Heike Müller (Name geändert). Miterleben musste das auch ihre damals fünf Jahre alte Tochter.

Man weiß nicht, was das in einem Kind auslöst und was das mit dem Kind macht - auch wenn man noch so viel versucht drüber zu reden. Wichtig ist, dem Kind irgendwie beizustehen und ihm Liebe zu geben.

Heike Müller

In Therapie gingen Mutter und Tochter, nicht der Vater. Müller kämpft nun um das alleinige Sorgerecht. Sie formuliert vorsichtig, will unerkannt bleiben. "Wenn das Kind vom Umgang verstört zurückkommt, ist das eine nicht sehr angenehme Sache", erklärt sie ihre Situation. "Kinder brauchen ihre Väter. Aber nicht, wenn es dem Kind danach immer wieder schlecht geht."

Häusliche Gewalt nimmt zu

Laut Bundeskriminalamt sind seit 2016 die Fälle häuslicher Gewalt in Deutschland um elf Prozent gestiegen, die Dunkelziffer ist hoch. Gerade durch die Pandemie hat sich diese Entwicklung verschärft. Die Opferhilfe "Weißer Ring" berichtet im vergangenen Jahr von bundesweit zehn Prozent mehr Anfragen. Sachsen stockte erst 2020 den Etat für Frauenhäuser und Schutzwohnungen um sechs Millionen Euro auf.

Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen
In den vergangenen fünf Jahren sind die registrierten Fälle häuslicher Gewalt kontinuierlich gestiegen. Bildrechte: dpa

Bundesweit und auch im Freistaat hängt die Politik jedoch ihren eigenen Vorhaben hinterher. Nach der Istanbuler Konvention, die Deutschland unterzeichnet hat, muss ein Frauenhaus-Platz für 7.500 Einwohnerinnen und Einwohner zur Verfügung stehen. Um die Konvention zu erfüllen muss die Bundesrepublik noch 14.600 Plätze in Frauenhäusern schaffen.

Das Netzwerk zählt

Gabi Eßbach ist Sozialarbeiterin und Familientherapeutin in der Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking in Leipzig. Eßbach weist darauf hin, dass Frauen- und Männerhäuser nicht alternativlos seien. Polizeiliche Wegweisungen - hierbei werden dem oder der Gewalttätigen die Schlüssel abgenommen und sie der Wohnung verwiesen - seien ebenfalls möglich. Eine Therapie empfiehlt sie sowohl für Täter als auch Opfer. Von häuslicher Gewalt betroffen seien häufig ganze Familiengenerationen. Psychische Gewalt sei dabei "mindestens genauso belastend" wie physische Gewalt.

Eine Frau mit Brille. Es ist die Sozialarbeiterin Gabi Eßbach.
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Es ist nachgewiesen, dass Kinder posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln, wenn sie über einen längeren Zeitraum in einem Elternhaus mit häuslicher Gewalt zwischen Eltern leben. Langfristig ist es so: Die Muster die ich lerne, in meiner Kindheit, die prägen sich so tief ein, dass es ganz schwer wird als Erwachsener in unbekannte, neue Muster zu gehen.

Gabi Eßbach Sozialarbeiterin und Familientherapeutin

In Leipzig gebe es ein sehr gutes Netzwerk von Polizei, Rechtsmedizin sowie Opfer- Erziehungs- und Täterberatung, erklärte Eßbach. Leider sei man nicht überall im Land so gut aufgestellt. Die Zusammenarbeit von allen Stellen sei dringend notwendig.

Das Muster durchbrechen

Gerome Schulze (Name geändert) erkannte, dass die psychische Gewalt, die er auf seine Partnerin ausübte, nicht an den Kindern vorbeiging. Ändern konnte er daran zunächst nichts, meint er.

Wenn mich mein großer Sohn angeschaut hat, mit großen Augen, als die Mama und ich Streit hatten. Da habe ich das Gefühl bekommen, dass er Partei ergreift, dass er die Mama in Schutz nehmen will.

Gerome Schulze

Der Leipziger war Teil der Organisierten Kriminalität, saß acht Jahre im Gefängnis. Als er frei kam, habe er seine Aggressionen nicht kontrollieren können und an seiner Partnerin ausgelassen. Sein Fehlverhalten sei ihm auch durch die Reaktionen seines Sohnes bewusst geworden. "Ich habe vorher noch keine Person auf der Welt so geliebt wie meinen Großen und da habe ich mitbekommen, dass da was verloren geht in mir", sagt er.

Gewaltfreiheit als erster Schritt der Therapie

Schulze suchte sich Hilfe - fand sie bei der Täterberatungsstelle "Triade Leipzig". "Unschlagbar - verantwortungsvolle Väter" heißt ein neues Programm, das Gewalt gegenüber Kindern vorbeugen soll. Viel zu häufig ginge es nur um Gewaltfreiheit, erklärt Psychologe Samuel Peters. Die sei immer ein wichtiger erster Schritt. Außerdem gehe es darum Erziehungskompetenzen zu vermitteln. Ab Mitte Juni sollen die Gruppentherapie-Sitzungen starten. Er hoffe noch weitere Teilnehmer zu finden, meint Peters.

Ein Mann mit längeren Haaren. Es ist der Psychologe Samuel Peters.
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Wenn ich zum Beispiel als Kind selbst nicht gelernt habe, auf bestimmte Herausforderungen im Erziehungsalltag ohne Gewalt einzugehen, muss ich mich genau darum kümmern und dies lernen.

Samuel Peters Psychologe "Triade Leipzig"

Heute vermittelt Gerome Schulze "Freunde von früher" und "Kollegen" an die Täterberatung. Gleichzeitig kämpft er um das Sorgerecht für seinen Sohn. In einem sind sich Heike Müller und Gerome Schulze schließlich einig: Beratungsangebote können Betroffenen helfen, es brauche mehr davon.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 30. Mai 2021 | 19:00 Uhr

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